Ideengeber Holger Laudeley „Wir werden in Strom ersaufen“ / Stadtwerke sehen technische Bedenken bei Plug & Play-Solaranlagen

Stecker rein und Stromkosten sparen...

Davon träumen Hausbesitzer und Mieter. Einfach Solarmodule auf dem Balkon aufhängen, Stecker in eine vorhandene Steckdose des Hauses stecken und schon kann eigener Solarstrom genutzt werden. Einige Hersteller versprechen genau das. Doch die Osterholzer Stadtwerke warnen vor Gefahren und Risiken. Die Händler versichern: Die Anlagen sind sicher.
03.08.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Peter Von Döllen
Stecker rein und Stromkosten sparen...

Diese Testvorrichtung soll die Sicherheit des Systems zeigen.

Vdo·

Davon träumen Hausbesitzer und Mieter. Einfach Solarmodule auf dem Balkon aufhängen, Stecker in eine vorhandene Steckdose des Hauses stecken und schon kann eigener Solarstrom genutzt werden. Einige Hersteller versprechen genau das. Doch die Osterholzer Stadtwerke warnen vor Gefahren und Risiken. Die Händler versichern: Die Anlagen sind sicher.

Landkreis Osterholz. Es klingt verlockend: Einfach einige Solarmodule am Balkon oder an der Hauswand anbringen, Stecker in die nächste Steckdose und schon wird kostenloser eigener Strom genutzt. Weil dadurch weniger Strom vom Energieversorger abgenommen wird, dreht sich der Stromzähler langsamer. Erfreulicher Effekt: Die nächste Stromrechnung fällt geringer aus. Rund 25 Prozent sind möglich, versprechen die Händler.

Sie bieten so genannte Plug-in-Solaranlagen an. Die Osterholzer Stadtwerke warnen allerdings: Der Gebrauch sei in Deutschland verboten. Außerdem berge die Nutzung hohe Gefahren. Auf Nachfrage bestätigt Pressesprecher Jürgen Möller: "Nach aktuellen Richtlinien dürfen die Anlagen so nicht installiert werden. Sie müssen über den Zähler laufen."

Scheinbar schlechte Nachrichten für Sparwillige, die auf eine finanzierbare und unkomplizierte Nutzung von Sonnenenergie hoffen. Ein Anbieter solcher Plug-in-Anlagen ist die britische Firma Sun Invention, die eine Niederlassung in Deutschland unterhält. Sie versichert: Unsere Anlagen sind sicher. Recherchen zum Unternehmen führen nach Ritterhude von dort kommt die Idee – hier stehen die Prototypen .

Dort beschäftigt sich Ingenieur Holger Laudeley seit Jahrzehnten mit regenerativer Energie. Er hat schon viele Fotovoltaikanlagen realisiert und ist immer nach der Suche nach besseren Möglichkeiten. Eine davon ist die eigene Stromversorgung über Stecker. "Die Idee hatte ich schon länger", erzählt Laudeley bei einem Besuch in seinem Haus, das seit 14 Jahren ohne Zufuhr externer Energie auskommt. Die unerwartete Kürzung der Einspeisevergütungen für Solarstrom und Kostenentwicklung waren Antriebsfedern.

Strittige DIN-Norm

Laudeley sieht die Zukunft in einem dezentralen Netz, in dem Strom an unterschiedlichen Stellen erstellt, verbraucht oder gespeichert wird. "Wir werden in Strom ersaufen", glaubt Laudeley. Eine Vision, die der derzeitigen völlig widerspricht. Hier vermutet Laudeley den Grund für die Steine, die ihm und seinen Partnern derzeit in den Weg gestellt werden.

"Die DIN-Norm VDE 0100-551 wird häufig als Grund angegeben", sagt Laudeley. Tatsächlich berufen sich auch die Stadtwerke unter anderem darauf. Die Norm regelt auch die Einspeisung von Strom. Und: "In Punkt 551.7.2 werden zusätzliche Stromquellen im Hausnetz beschrieben." Auch wenn die Ausführungen nicht für Plug-in-Geräte gedacht sind – sie erlauben laut Laudeley grundsätzlich den Betrieb.

In der deutschen Fassung der offenbar europaweit gültigen Norm, steht unter Punkt 7.2 allerdings: "Dieser Abschnitt gilt nicht für Deutschland." Für Laudeley ein Zeichen, dass einfache Wege zur eigenen Stromversorgung nicht erwünscht sind.

Jürgen Möller von den Stadtwerken weist das zurück. "Wir unterstützen viele solche Projekte. Dafür sind wir bekannt", sagt er. Aber: "Wir wollen unsere Kunden warnen, wenn es Sicherheitsbedenken gibt." Außerdem pochen die Stadtwerke auf Einhaltung der Vorschriften, die eine Einspeisung über Zähler fordern.

Holger Laudeley schüttelt mit dem Kopf. Er sieht keine Sicherheitsmängel bei den Produkten von Sun Invention. "Wir haben unsere Anlagen entsprechend konzipiert." Die Wechselrichter verfügten beispielsweise über eine Trennung zwischen Gleich- und Wechselstrom. Außerdem schaltet der Wechselrichter ab, wenn kein Strom im Netz ist. Laudeley: "Wir haben das alles getestet. Die Schutzfunktionen bleiben alle intakt." Nur der Leitungsschutzschalter (der sogenannte FI-Schalter im Sicherungskasten) sollte mit 10 Ampere statt wie gewohnt mit 16 Ampere abgesichert werden. Allerdings könne er nur für eigene Produkte sprechen.

Fachjournalisten hatten behauptet, der Strom könnte von der Einspeisungssteckdose an der Sicherung vorbei zum nächsten Elektrogerät fließen. "Wie kann ein Fachkollege so etwas behaupten?", fragt Laudeley. Jedes Hausnetz sei ein Kreislauf und keine Einbahnstraße. Weil die Thematik aber kompliziert und mitunter abstrakt ist, hat Laudeley in Ritterhude eine eigene Testanordnung aufgebaut. "Hier kann sich jeder von der Sicherheit überzeugen", versichert Laudeley. Es komme nur keiner. Laudeley hat sogar beobachtet, dass bei seinen Anlagen Stromkabel zu großen Abnehmern entlastet werden können.

Auch von den Vorwürfen, es werde illegal Strom in das Netz eingespeist, will der Tüftler nichts wissen. Die Größe der Anlage müsse natürlich angepasst werden. Akkus puffern den Strom zudem. Außerdem gebe es in einem Haushalt viele Stand-by-Geräte, die den Strom abnehmen. Laudeley verweist auf ein weiteren Punkt. Eigentlich, erinnert er, hätten die Versorger bereits jetzt alle Haushalte mit neuen Zählern ausstatten müssen. Und die können nicht rückwärts laufen.

Laudeley ist aber für offene Karten. "Nutzer sollen die Anlage bei den Versorgern anmelden", appelliert er. Damit die rechtliche Grauzone verschwindet, ist Sun Invention inzwischen mit dem VDE im Gespräch. "Wir wollen neue Richtlinien erarbeiten", erklärt Laudeley. Der VDE sei nicht abgeneigt und unterstütze die Sache grundsätzlich. Beim VDE war allerdings keine Bestätigung zu bekommen. "Die Presseabteilung ist diese Woche außer Haus", hieß es dort.

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