Erinnern an die NS-Zeit

Neuer Anlauf für Stolpersteine in der Stadt

Manfred Bannow vom Internetportal „Spurensuche“ versucht es erneut: In Osterholz-Scharmbeck sollen Stolpersteine verlegt werden. 2011 hatte die Stadt die Erinnerungszeichen an die Opfer der NS-Zeit abgelehnt.
16.05.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Neuer Anlauf für Stolpersteine in der Stadt
Von Bernhard Komesker
Neuer Anlauf für Stolpersteine in der Stadt

Sterbeurkunde für einen russischen Zwangsarbeiter, der bei der Firma Drettmann tätig war. Laut Manfred Bannow sollte für den Mann ein Stolperstein in Osterholz-Scharmbeck gelegt werden.

ITS Archiv Bad Arolsen

Landkreis Osterholz. Rot-rot-grün im Stadtrat haben ihre Unterstützung signalisiert, CDU und Bürgerfraktion reagieren eher ablehnend. Das vor 28 Jahren gestartete „Projekt Stolpersteine“ könnte mit einiger Verspätung doch noch die Stadt Osterholz-Scharmbeck erreichen. Das hat der Historiker Manfred Bannow erfahren, der sich für das Internet-Portal www.spurensuche-kreis-osterholz.de in den vergangenen Wochen bei den Fraktionen umgehört hat. Es geht dabei nicht ums Geld, sondern lediglich um das Okay der Stadt, denn die Verlegung der Stolpersteine wird durch Spenden finanziert.

Ein entsprechender Vorstoß war zuletzt 2011 gescheitert. Zu dem neuen Anlauf trägt Bannow dennoch die alte Begründung vor: Durch die Verlegung von Stolpersteinen für die Opfer des Nationalsozialismus soll ihr Name in den Alltag der Stadt zurückkehren und so nachhaltig an sie erinnert werden. Es gebe etliche Menschen, die in der NS-Zeit in Osterholz-Scharmbeck deportiert oder ermordet wurden, sagt Bannow. Es lägen Informationen über jüdische Bürger vor, die in Konzentrationslagern umgebracht worden sind. Der Fahnenflüchtige Kurt Albrecht wurde in Osterholz-Scharmbeck erschossen; auch gebe es Hinweise auf Euthanasie-Opfer, die in Osterholz-Scharmbeck lebten.

Zwangsarbeiter kamen auch im Lager der Firma Drettmann an der Bremer Straße um. Dort verstarb beispielsweise Matwey Struschuk aus Sabolotje, der heutigen Ukraine, und zwar am 22. Januar 1945 im Alter von 65 Jahren. Für ihn sollte ein Stolperstein gelegt werden, findet Bannow. Ein weiterer Stolperstein sei für die Gemeinde Ritterhunde geplant und zwar für Ernst Wilhelm von Bargen, der schließlich als 33-Jähriger im März 1942 in der Baracke Wilhelmine umgebracht wurde.

Ihren Wissensstand über Orte und Ereignisse, Opfer und Täter in der Zeit des Nationalsozialismus veröffentlicht die Gruppe um Bannow seit November 2018 kontinuierlich im Internet. Die Internet-Seite wurde kürzlich überarbeitet und erlaubt nun auch eine Nutzung der interaktiven Landkreiskarte per Smartphone und GPS-Routenplaner. Auf der Seite ist außerdem nachlesbar, wie Stadt-CDU und Bürgerfraktion ihre Ablehnung der Stolpersteine begründen. Demnach hält es die Union zwar für wichtig, die Erinnerung wach zu halten; die Stolpersteine seien dafür aber weiterhin nicht geeignet. Ähnlich äußert sich die Bürgerfraktion (BF), die auf das Mahnmal am Platz der früheren Synagoge hinweist.

Bannow korrigiert das BF-Argument, es gehe bei den bundesweit rund 75 000 Stolpersteinen nicht nur um Judenverfolgung, sondern auch um nichtjüdische Kriegs­ge­fan­ge­ne und Zwangs­ar­bei­ter. Der Pädagoge Lars Hellwinkel vom Stiftungsteam der Gedenkstätte Lager Sandbostel verweist auf die Tat­sa­che, dass in der Kreisstadt we­der die Na­men der Zwangs­ar­bei­ter auf dem Wil­le­ha­di-Fried­hof, noch die Na­men der auf dem Jü­di­schen Fried­hof ver­scharr­ten so­wje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ge­nannt wer­den, ob­wohl die Na­men be­kannt sind. Fazit: „Da gäbe es noch so ei­ni­ge Bau­stel­len in OHZ, die mit dem Ver­weis auf das Mahn­mal lei­der nicht so ein­fach aus der Welt ge­räumt wer­den kön­nen.“

Wer sich über das Webportal informieren möchte oder Interesse an der Diskussion über weitere Stolpersteine hat, ist zum nächsten Treffen der Redaktionsgruppe am Mittwoch, 10. Juni, ab 18 Uhr in der Ritterhuder Mühle (Windmühlenstraße 16) eingeladen. Auskünfte erteilt Manfred Bannow unter der Telefonnummer 04 21 / 94 40 07 36.

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