Berliner Sportsoziologe Sebastian Braun spricht auf dem Kreissporttag in Grasberg

„Strukturwandel im Ehrenamt“

Professor Braun, ist es wirklich ein Trend, dass Sportvereine Probleme haben, ihre Vorstandsposten neu zu besetzen?Sebastian Braun: In der Tat. Seit vielen Jahrzehnten beklagen Vereinsvorstände, dass sie Schwierigkeiten haben, Nachwuchs zu rekrutieren.
16.11.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Strukturwandel im Ehrenamt“
Von Undine Zeidler
„Strukturwandel im Ehrenamt“

Der Sportsoziologe Sebastian Braun referiert als Festredner beim Kreissporttag.

ALEXANDER SELL, honorarfrei

Professor Braun, ist es wirklich ein Trend, dass Sportvereine Probleme haben, ihre Vorstandsposten neu zu besetzen?

Sebastian Braun: In der Tat. Seit vielen Jahrzehnten beklagen Vereinsvorstände, dass sie Schwierigkeiten haben, Nachwuchs zu rekrutieren. Wir wissen aus Studien, dass sich seit mehreren Jahrzehnten eine Art Strukturwandel der Ehrenamtlichkeit vollzieht. Modernisierungsprozesse in der Gesellschaft tragen dazu bei, dass Menschen sich immer seltener langfristig beziehungsweise dauerhaft in bestimmten Funktionen an Großorganisationen wie Gewerkschaften, Parteien, oder Sportverbände binden.

Wohin geht die Tendenz dann?

Sie geht eher in die Richtung, dass man kurzfristige, zeitlich befristete Engagement-Formate sucht, die auch eine gewisse Gegenleistung für den Einzelnen versprechen wie Kompetenzerwerb, Selbstverwirklichung oder hilfreiche soziale Kontakte. Wichtig ist auch, dass das Engagement zu einem bestimmten Zeitpunkt biografisch passt.

Das ist also nicht nur ein Thema der Sportvereine?

Das wäre eine zu enge Blickrichtung. Wir haben es auch mit gesamtgesellschaftlichen Dynamiken zu tun, die dazu beitragen, dass gerade die traditionsreichen Verbände und ihr organisatorisches Unterfutter in Gestalt der lokalen Vereine mehr und mehr Schwierigkeiten haben, dauerhaft Mitgliedschaften und Engagement zu mobilisieren.

Muss man vor dem Hintergrund dieser Veränderungen jetzt Vereinsstrukturen neu denken?

Der Verein ist zunächst eine gute und günstige Rechtsform, die es ermöglicht, dass Menschen ihre Interessen gemeinsam verfolgen und im öffentlichen Raum artikulieren können. Das kann das Tischtennisspiel sein oder das Interesse an Briefmarken, das kann der Kaninchenzüchter- oder der Schulförderverein sein. Man braucht den Verein also nicht unbedingt neu denken. Ich würde eher sagen, die etablierten Vereine vor Ort merken, dass es anspruchsvoller wird, Zeit- und Wissensspenden auf Dauer zu mobilisieren.

Was braucht es stattdessen?

Die Vereinskultur wäre so zu modifizieren, dass es noch häufiger möglich gemacht wird, in Form von Projekten zeitlich befristete Tätigkeiten wahrzunehmen, für die man vielleicht sogar extern ein Stück weit werben muss und dass Personalmanagement in den Vereinen eingeführt wird. Das läuft nicht unbedingt immer im Einklang mit dem, was nach wie vor funktional für die etablierten Vereine ist, nämlich über die sogenannte Ochsentour ehrenamtliche Funktionsträger zu mobilisieren.

Das meint was?

Das heißt, dass man zunächst Bestandteil der Vereinskultur wird, indem man eine Mitgliedschaft eingeht, dann Vertrauen bei anderen Mitgliedern erwirbt und man sukzessive von den anderen angesprochen und ausgewählt wird, die richtige Kandidatin beziehungsweise der richtige Kandidat zu sein, um immer weiter gehende Aufgaben wahrzunehmen. Das bedarf Zeit.

Wie läuft es in einem Unternehmen?

Zunächst schreibt es eine Stelle aus und versucht auf der Basis der individuellen Qualifikationen das passende Personal zu finden, das dann längerfristig an die Organisation gebunden werden soll.

Ist das auch die Lösung für Vereine?

Es wäre falsch, das Personalmanagement für Unternehmen umstandslos zu übernehmen, da zwischen hautamtlicher Berufsposition und ehrenamtlicher Zeit- und Wissensspende substanzielle Unterschiede bestehen. Aber gleichwohl gibt es eine Reihe von gesellschaftlichen Entwicklungen, die es schwieriger machen, eine 20-jährige Vereinskarriere zu durchlaufen: der hohe Grad an sozialer und beruflicher Mobilität, die Verdichtung von Arbeit, die Mehrfachbelastung im familiären und beruflichen Bereich in der Rushhour des Lebens, da wo die Trägergruppen der Vorstandsarbeit lagen, also Mitte 30 bis 50. Insofern kann man zumindest schauen, welche Elemente der Personalarbeit gewinnbringend für die Arbeit mit Ehrenamtlichen in modifizierter Form eingesetzt werden können. Entsprechende Ansätze und Konzepte gibt es ja auch bereits, und sie werden praxisnah angeboten.

Heute sind die Vorstände oft um die 70 Jahre alt, steht da bald ein Generationswechsel an?

Gerade die sind auf dem Vormarsch. Wir beobachten in einer Gesellschaft des immer längeren Lebens, dass starke Zuwächse vor allem bei Vorständen oder Leitungsfunktionen in den Sportvereinen bei denjenigen in der nachberuflichen Phase zu verzeichnen sind. Tendenziell kompensieren sie im Vorstand die zahlenmäßigen Einbußen der früheren Trägergruppen im mittleren Erwachsenenalter. Im Übrigen sind in diesen Vereinsfunktionen immer noch sehr deutlich die Männer überrepräsentiert, das gilt speziell auch für die Gruppe der älteren Engagierten.

Männerengagement?

Traditionelle Muster sozialer Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern scheinen heute noch zur geschlechtertypischen Färbung des freiwilligen Engagements im Sportverein beizutragen: Je nachdem, ob eher leitende Aufgaben oder eher betreuende und unterstützende Tätigkeiten im Vordergrund stehen, sind Frauen seltener beziehungsweise häufiger engagiert. Zwar haben sich die Relationen im Lauf der Jahrzehnte geändert, allerdings zeigen die empirischen Studien nach wie vor, dass Leitungsfunktionen in Sportvereinen immer noch eine Männerdomäne sind.

Die Fragen stellte Undine Zeidler.

Zur Person

Sebastian Braun: Der 1971 in Berlin geborene Professor für Sportsoziologie forscht und lehrt seit 2009 an der Humboldt-Universität Berlin am Institut für Sportwissenschaft. Seine Schwerpunkte sind bürgerschaftliches Engagement, Zivilgesellschaft und Non-Profit-Organisationen, Integration, Migration und Sozialkapital sowie das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen. In seiner Freizeit treibt er leidenschaftlich gern Sport. Am Donnerstag, 16. November, hält er die Festrede beim Kreissporttag des Kreissportbundes in Grasberg. Sein Thema: „Gewinnung und Bindung von Ehrenamtlichen im Sportverein“ .
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