Landkreis Osterholz Studie: Schattendasein in Sachen Wirtschaftskraft

Landkreis. Die Situation der Kommunen ist prekär. Die Wirtschaftskrise sei unten angekommen, titelte der Spiegel vergangene Woche. Auch der Landkreis ist unten angekommen, folgt man der Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln.
22.01.2010, 06:10
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Von Lutz Peter Kaubisch

Landkreis. Bürgermeister Martin Wagener und Landrat Dr. Jörg Mielke wollen demnächst den Menschen in Hülseberg die Situation der Stadt und des Kreises schildern. Der Ortsvorsteher dort, Klaus Sass, lud zum Rapport. Vielleicht macht das Beispiel Schule. Fest steht: Die Situation der Kommunen ist prekär. Die Wirtschaftskrise sei unten angekommen, titelte der Spiegel vergangene Woche. Auch der Landkreis ist unten angekommen, folgt man der Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln.

Das Institut (IW) hatte vergangenes Jahr die Kreise in ein Regionalranking eingestuft. Osterholz rangiert im Mittelfeld. Platz 186 unter 409 Kreisen und kreisfreien Städten, und Platz neun unter den 46 Kommunen in Niedersachsen: Nach der von der IW-Consult GmbH erstellten Studie sieht es auf den ersten Blick gar nicht schlecht aus für den Landkreis. Immerhin: Der Nachbarkreis Cuxhaven rangiert weiter hinten auf Platz 290, Rotenburg auf Platz 218. Mit Diepholz (160) und Verden (150) ist man in relativ guter Gesellschaft. Osterholz punktet mit einer verhältnismäßig niedrigen Arbeitslosenquote und der geringen Zahl von Hartz-IV-Empfängern. Das ist die eine Seite der Medaille. Der Absturz hinsichtlich der Wirtschaftsleistung prägt die andere.

Der Kreis führt unverändert ein Schattendasein in Sachen ökonomischer Bedeutung, bestätigte IW-Projektleiter Michael Barke gestern auf Nachfrage. Er belege in diesem Segment aktuell Rang 391 - das Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner betrage 16576 Euro; im Bundesdurchschnitt seien es 28534 Euro. Damit, so Barke, rutsche Osterholz innerhalb Niedersachsens auf Platz 44. Weiteres Indiz für das Dilemma: das negative 'Pendlersaldo'. Es bedeutet Platz 390 im Ranking. 'Ein positiver Saldo zählt zu den wichtigen Indizien dafür, dass eine Region über attraktive Arbeitgeber verfügt.'

Die Region ist zweifellos aus touristischer Sicht attraktiv - Stichwort: Teufelsmoor, Worpswede und die Flusslandschaften. Wirtschaftlich zahlt sich das nicht aus. Statisch betrachtet, übernachteten pro Jahr aktuell 1,2 Gäste je Einwohner im Landkreis. Im Bundesmittel seien es 4,8 Gäste pro Jahr, sagt Barke. Fazit: Platz 370 bundesweit und Platz 40 im Land. Damit lässt sich seitens des Hotel- und Gaststättengewerbes kaum Geld verdienen - ein weiterer Faktor in Sachen Wirtschaftskraft.

'Das ist die Crux', sagt Karsten Schöpfer, Geschäftsführer der Touristikagentur Teufelsmoor und Leiter der Stabsstelle 'Fachbereich Tourismus' beim Landkreis: Die Region sei vor allem das Ziel für Tagesausflügler aus dem Elbe-Weser-Raum und aus Bremen. 'Die werden vom Ranking nicht erfasst.' Außerdem sei die Bevölkerungsdichte im Vergleich zu anderen Kreisen relativ hoch; das wirke sich rechnerisch aus. 'Mit den Tourismuszahlen im Schwarzwald, im Harz oder im Nachbarkreis Cuxhaven können wir nicht mithalten, auch wenn wir auf den klassischen Messen immer stärker auf uns aufmerksam machen. Allerdings: In den klassischen Urlaubsgebieten Deutschlands sind die Übernachtungszahlen rückläufig. Bei uns sind sie stabil. Das ist schon was.'

Der Landkreis hat sich gerade auf der Grünen Woche in Berlin präsentiert. Bürgermeister Martin Wagener ist dort unterwegs. Die Präsenz wird nicht maßgeblich dazu beitragen, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Bruttoinlandsprodukt: Es ist vor allem die vom IW in Köln verwendete Vokabel, die Jörg Fanelli-Falcke stört, Wageners Stellvertreter im Rathaus. Der Begriff sei das Indiz dafür, dass die Studie aus einem sehr spezifischen Blickwinkel heraus erstellt worden sei, sagt er. Tatsächlich wurde sie von der 'Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' (INSM) in Auftrag gegeben. Dahinter steht der Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Erklärtes Ziel: 'marktwirtschaftliche Reformen'. Kritiker sehen das anders, vor allem im so genannten Internet-'Watchblogg', wo die INSM als 'sozialstaats- und menschenfeindliche Lobbyistentruppe' gebrandmarkt wird.

Soweit will Fanelli nicht gehen - den Gebrauchswert der Ranking-Studie sieht auch er kritisch. 'Landkreis und Stadt sind in erster Linie Wohnstandorte. Da kann man wenig erwarten. Die Wirtschaftskraft entfaltet sich in Bremen. Wir stehen aber im regionalen Vergleich gut da, und das ist nicht zuletzt der Lohn unserer Ansiedelungs- und Standortpolitik. Stichwort: Faun, Meyerhoff - Gewerbegebiet Heilshorn. 'Wir messen der Wirtschaftsförderung einen hohen Stellenwert bei.' Beim Landkreis beurteilt man die Situation ähnlich: 'Der Arbeitsmarkt ist auf Bremen ausgerichtet; das sieht man schon am Händlersaldo', sagt Sprecher Thorsten Klabunde. 'Mehr als 50 Prozent der Arbeitsplätze der Kreisbevölkerung liegen in Bremen; entsprechend wird die Wirtschaftsleistung dargestellt.' Die Strukturschwäche sei seit langem das Grundproblem; insofern berge die Studie 'keine neue Aussagen'.

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