Folgen des Lockdown

Taxifirmen in der Flaute

Die Taxifirmen im Landkreis Osterholz spüren die Corona-Beschränkungen vor allem indirekt, aber dafür nicht weniger deutlich: Umsatzrückgänge von 60 Prozent sind keine Seltenheit.
08.03.2021, 06:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Taxifirmen in der Flaute
Von Bernhard Komesker
Taxifirmen in der Flaute

Marie-Luise Cronjäger von Taxi Hasenbein lehnt an einem Großraum-Taxi, das sie wegen Corona momentan abgemeldet hat.

CARMEN JASPERSEN

Landkreis Osterholz. Stillgelegte Fahrzeuge, entlassene Mini-Jobber: Auch die Taxi-Branche ist von der Corona-Krise betroffen. „Das Nachtgeschäft mit all den Vergnügungsfahrten existiert nicht mehr, Kneipen und Diskotheken sind ja seit Monaten zu“, sagt Marie-Luise Cronjäger, Geschäftsführerin von Taxi Hasenbein. „Wir machen aber auch sehr viel Krankenbeförderung“, setzt sie hinzu. Dieses Standbein – von Dialyse- bis Bestrahlungsterminen – sichert Taxi Hasenbein momentan das Überleben. Cronjägers damalige Schwiegereltern haben den Osterholzer Betrieb vor 43 Jahren aufgebaut, der heute in Pennigbüttel ansässig ist. Im Moment seien nur sieben der elf Taxis zugelassen, die sie zusammen mit ihrem Geschäftspartner Timo Hasenbein betreibt.

Trotzdem will die Taxi-Chefin nicht jammern. Noch komme man halbwegs zurecht: „Immerhin können wir weiter fahren, wir werden ja weiter gebraucht. Was sollen denn die Gastwirte sagen?“ Auf ein Taxi seien viele Menschen ohne Führerschein im ländlichen Raum nun mal angewiesen. Vor knapp einem Jahr, als aufschiebbare Behandlungen in Arztpraxen und Krankenhäusern reihenweise abgesagt wurden, habe sie sich echte Sorgen gemacht: um die Gesundheit der oftmals älteren Patienten, die wohl aus Angst vor Corona vielfach zu Hause blieben, statt sich zum Arzt fahren zu lassen. „So eine chronische Krankheit geht ja nicht einfach weg.“

Die Umsatzeinbußen des Betriebs hingegen, so die Geschäftsführerin weiter, hätten unterdessen nicht ausgereicht, um staatliche Unterstützung zu bekommen. Nun müsse man ohne neue Bundeshilfen über die Runden kommen. Die hatte es im ersten Lockdown für Hygienemaßnahmen wie Trennwände gegeben. Immerhin. Und die anfangs bei manchen Fahrgästen ungeliebte Maskenpflicht sei mittlerweile auch kein Thema mehr.

Einige Fahrer haben sich zwischenzeitlich allerdings notgedrungen neue Jobs gesucht, berichtet Cronjäger; ein Nachtfahrer sei in die Tagschicht gewechselt, andere sind vorzeitig in den Ruhestand gegangen. Um die nächtlichen Aushilfen, für die es momentan keine Beschäftigung gebe, tue es ihr persönlich sehr leid, sagt Cronjäger; man hält per Whatsapp Kontakt. Eines gelte für die Branche ganz unabhängig von Corona, betont die Taxi-Chefin: „Kein Tag ist wie der andere.“ Das Geschäft ist kaum planbar, vieles steht und fällt auch mit dem Wetter. Es komme darauf an, die Nerven zu bewahren und aus den sich ergebenden Zwangspausen das Beste zu machen – und wenn es die eigene Erholung ist.

Eine Lockerung in den Bereichen Kontakte, Kultur und Gastronomie könnte für Taxi Hasenbein und andere Betriebe zu einem echten Problem führen: wegen der stark ausgedünnten Personaldecke. „Ich habe eine gewisse Sorge, was ist, wenn es wieder los geht“, bekennt Marie-Lusie Cronjäger. Vor allem sonnabends müsse ihr Geschäft dann personell wieder ganz anders aufgestellt sein. Es dürfte einen enormen Nachholbedarf bei den Menschen geben, abends mal wieder auszugehen. Da werde dann jeder Taxibetrieb schnell gute Leute für die Nachtfahrten brauchen – und wenig Zeit haben, neue Fahrer einzuarbeiten. Ein Grund mehr für die Chefs, im Lockdown auf ein gutes Betriebsklima zu achten.

Taxi-Unternehmer Thorsten Schaffert aus Grasberg sieht das ähnlich. Er beziffert den Umsatzrückgang der Lockdown-Monate auf ungefähr 60 Prozent; in der Reisebus-Sparte seines Betriebs seien es bis zu 80 Prozent. Der April im vergangenen Jahr sei ein einziges Desaster gewesen, doch im Grunde habe sich das Geschäft seit dem 16. März 2020 zu keiner Zeit je wieder richtig erholt: „Keine Schützenfeste, keine Erntefeste, keine Messen, keine Weihnachtsfeiern, keine Kohlfahrten“, zählt Schaffert auf. Sonnabendnachts komme er zurzeit mit zweien seiner 20 Taxis aus. Die konjunkturelle Flaute und die Zunahme von Homeoffice seien in der Branche ebenfalls spürbar: Weniger Betrieb am Bremer Flughafen und an den Bahnhöfen bedeute auch weniger Geschäftsreisende.

Schaffert kennt sich aus: Er zählt zum Vorstand des Stader Bezirksverbands im Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen. Seine Funk-Taxi Schaffert GmbH hat dabei noch Glück im Unglück gehabt, weil sie mit einer soliden Eigenkapital-Grundlage in die Pandemie geraten sei. Nur so konnten die geplanten Investitionen bisher auch durchgezogen werden. „Wir haben im Januar neue Technik und Systeme beschafft und fünf Fahrzeuge ersetzt“, erzählt der Geschäftsführer. Unternehmerisch sei es aber ein sehr mulmiges Gefühl, weil die dafür ursprünglich einkalkulierten Einnahmen bislang ausbleiben und nun die Rücklage fehle.

Der 1984 gegründete Betrieb hat die Soforthilfen im April 2020 genutzt, doch auch ein günstiger Kredit müsse ja irgendwann zurückgezahlt werden, so der Grasberger. Auf die beantragte Überbrückungshilfe II warte er nun schon seit mehr als zwei Monaten. Finanziell sei die Lage höchst bedenklich, denn natürlich könne es kein Dauerzustand sein, sämtliche Arbeit zu investieren, nur um mit Ach und Krach die schwarze Null zu halten. „Wir verfallen aber trotz schlechter Umsätze jetzt nicht in Panik“, versichert Schaffert und bekräftigt „Es gibt uns noch und die Motivation ist immer noch da.“ Anderen Branchen oder den Ein-Mann-Betrieben gehe es ungleich schlechter.

Von den meisten seiner Aushilfskräfte hat sich Schaffert gleichwohl mittlerweile trennen müssen. Einige Fahrer hätten vielleicht zur Stange gehalten, aber sie seien nun mal auf das Geld angewiesen. „Natürlich nehmen wir auch Kurzarbeit in Anspruch“, so der Grasberger weiter. Kurzarbeit sei ein gutes Instrument, das auch „absolut benötigt“ werde, um Betriebe und Jobs zu sichern. Kein Angestellter sei zurzeit bei 100 Prozent seiner Stundenzahl. Für Reinigung und Desinfektion der Autos gehe tagtäglich auch einiges an Zeit und Geld drauf. Trotz aller Schwierigkeiten sei er mit den bisherigen Corona-Maßnahmen der Regierungen in Bund und Land durchaus einverstanden, setzt der Taxi-Chef hinzu: „Die Ausbreitung der Virus-Mutanten macht mir Sorgen.“ An den Lockdown-Folgen aber werde man volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich noch lange zu tragen haben. Schaffert: „Was wir jetzt brauchen, ist eine Perspektive.“

Info

Zur Sache

Neue Anbieter auf dem Markt

Die Novelle des Personenbeförderungsgesetzes soll unter anderem den Markt-Zugang für Fahrdienst-Vermittler wie Uber und Free Now sowie für sogenannte Ridepooling-Anbieter wie Moia und Berlkönig regeln. Plattformbasierte Mobilitätsdienste, die per App gebucht werden können, werden den Taxi-Markt weitaus stärker und nachhaltiger verändern als die pandemiebedingten Umsatzrückgänge der Branche. Davon ist die Taxi-Hasenbein-Geschäftsführerin Marie-Luise Cronjäger überzeugt. Bisher gibt es nur lokale, vorübergehende Zulassungen für die neue Konkurrenz.

Rufbereitschaft, Rückkehrpflicht, Ortskundeprüfung und Tarifpflicht sind dabei nur einige der Stellschrauben, bei denen es jeweils um Art und Ausmaß der Liberalisierung geht. Die Taxifirmen befürchten erhebliche Wettbewerbsnachteile gegenüber den ungleich flexibleren neuen Fahrdienstanbietern. Die Parlamentarier haben jetzt über eine Entwurfsfassung des Verkehrsministeriums beraten, die auch zwischen Bundesrat und Bundestag seit Monaten umstritten ist.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+