Klaus-Dieter Uhden: Nach drei Probemonaten ab April startklar / Betreiber deutet Differenzen an Testlauf fürs Telescopium

Lilienthal. „Hinten mal etwas ablassen..Mehr als zehn Jahre hatte es gedauert, bis die Vision von Klaus-Dieter Uhden, Geschäftsführer der gemeinnützigen Stiftungsgesellschaft, die das Telescopium verwirklicht hat, wahr wurde. Bereits Ende Dezember vergangenen Jahres war der 600 000 Euro teure und mit Spenden finanzierte Nachbau des 27-Fuß-Spiegelteleskops aus dem Jahr 1793 offiziell eingeweiht worden (wir berichteten).
24.03.2016, 00:00
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Testlauf fürs Telescopium
Von Antje Borstelmann

„Hinten mal etwas ablassen... noch was... noch was.. stopp... gut!“ Während Klaus-Dieter Uhden unablässig durchs Fernrohr blickt, dreht Hans-Joachim Leue die Kurbeln des Horizontal- und des sogenannten Azimutalgewindes. Feinjustierung. Dann hat Uhden ihn genau im Blick – den Mond. Allerdings nur für Sekunden. Dunkle Wolken schieben sich vor den Erdtrabanten. Ein Bild mit Symbolcharakter?

Mehr als zehn Jahre hatte es gedauert, bis die Vision von Klaus-Dieter Uhden, Geschäftsführer der gemeinnützigen Stiftungsgesellschaft, die das Telescopium verwirklicht hat, wahr wurde. Bereits Ende Dezember vergangenen Jahres war der 600 000 Euro teure und mit Spenden finanzierte Nachbau des 27-Fuß-Spiegelteleskops aus dem Jahr 1793 offiziell eingeweiht worden (wir berichteten). Das abends angestrahlte Telescopium macht seitdem zwar als Blickfang eine gute Figur, doch auf der sieben Meter hohen Plattform tummeln sich bislang nur diejenigen, die das Projekt erdacht und den Bau betreut haben.

„Wir wollten einen dreimonatigen Probebetrieb und sind da voll im Plan. Ab April sind wir startklar“, erklärt Klaus-Dieter Uhden auf die Frage, warum der neue außerschulische Lernort bisher noch nicht „in Betrieb“ gegangen ist. Dieser Tage würden noch einige kleinere Restarbeiten erledigt. „Zum Beispiel fehlt noch ein Tritt, damit Kinder auch durchs Okular blicken können“, so Uhden, der beim sogenannten „first light“, der Generalprobe am Dienstagabend, zu weiteren Fragen nach dem künftigen Telescopium-Alltag im übrigen auf den Betreiber verwies. Carsten Holze vom Bremer Unternehmen „machtWissen AG“ hatte sich laut Ankündigung der Stiftungsgesellschaft ebenfalls am Dienstag auf der Beobachtungsplattform einfinden wollen, war jedoch nicht erschienen.

Auf Nachfrage gab Holze gestern den Ball zurück an Klaus-Dieter Uhden. „Ich bin ja international tätig, und da gibt es doch deutliche Unterschiede zwischen mir und der Stiftungsgesellschaft, was die lokale, regionale und überregionale Bedeutung des Projektes angeht“, deutete der „Chief Executive Officer“ der Event-Agentur mit Spezialgebiet Luft- und Raumfahrt an, dass es zwischen der Stiftungsgesellschaft Telescopium Lilienthal und der „machtWissen AG“ nicht ganz so rund läuft wie derzeit schon auf dem Gelände am Lilienthaler Ortseingang.

Treppe dreht sich mit

Dort hat Hans-Joachim Leue gerade wieder auf das Schaltpanel mit den drei Knöpfen gedrückt, die den Motor zum Bewegen der Galerie in Gang setzen. Zu Zeiten Schroeters, erklärt Klaus-Dieter Uhden, läutete der Lilienthaler Astronom stattdessen die Glocke. Die setzte auch etwas in Bewegung – nämlich den Gärtner Harm Geffken. Der bewegte die mächtigen Doppelräder, auf denen sich die Galerie um bis zu 360 Grad dreht, mittels Muskelkraft ein paar Grad weiter – dem Lauf der Sterne hinterher. Die Glocke ist auf dem Nachbau von heute ebenso wiederzufinden wie fast alle anderen Details der Anfang des 19. Jahrhunderts größten Sternwarte auf dem europäischen Kontinent.

Ganz im Sinne des Erfindergeistes von Schroeter dürfte ein neuzeitliches Zugeständnis sein: Während der Alt-Astronom den drehbaren Turm jedes Mal nach dem Besuch seiner Beobachtungsstation zurück in die Ausgangsposition bringen musste, damit er die Galerie über die Treppe verlassen konnte, können Besucher von heute jederzeit zurück zur Erde. Der Trick: Nach 15 hölzernen Stufen bis auf die erste Turmebene kommt noch einmal eine Wendeltreppe hinauf zur Galerie. Die macht ihrer Bezeichnung alle Ehre: Sie dreht sich auf Rollen mit dem großen Drehkranz mit.

Ein leichtes Vibrieren ist zu spüren, wenn sich der gesamte Aufbau des Telescopiums gemächlich in Gang setzt. Klaus-Dieter Uhden und Hans-Joachim Leue lässt das – anders als die sechs „first light“-Gäste am Dienstag – inzwischen völlig unbeeindruckt. Für den herrlichen Rundumblick auf Lilienthal und Borgfeld haben sie kein Auge übrig. Ihre Augen kleben vielmehr an den Okularen – auf der Suche nach den Gestirnen. Der wolkenverhangene Himmel macht ihre Entdeckung nicht eben einfacher, und es erfordert viel Übung und Erfahrung im Umgang mit dem sieben Meter langen Hohlspiegelteleskop, genau das ins Blickfeld zu rücken, was man sehen will. Der Mond ist an diesem Abend mit bloßem Auge ganz gut zu erkennen. Fast Vollmond.

„Das ist Mist“, zischt Hans-Joachim Leue, als er verbissen durchs Okular linst. Viel zu hell ist der Mond, „da gibt es keinen Schattenwurf und man kann die Krater nicht richtig erkennen.“ Wer durch den Sucher blickt, sieht gerade ohnehin nur einen einzigen hellen Kreis. 384 400 Kilometer ist der Erdtrabant entfernt – für das Lilienthaler Teleskop eigentlich nicht weit genug. Um die 800-fache Vergrößerung vollends auskosten und -nutzen zu können, bedarf es optimaler äußerer Einflüsse. „Aber neulich haben wir schon mal den Jupiter mit allen vier Monden im Rohr gehabt“, erzählt Uhden, der unterdessen auf der anderen Seite des großen Teleskops mit einer angebauten neuzeitlichen Variante mit nur 750 Millimetern Brennweite hantiert, in der der Mond tatsächlich gut zu sehen ist.

Nicht lange. Dass und wie schnell sich die Erde dreht, wird einem an diesem Ort über den Dächern Lilienthals überdeutlich bewusst. Zum Glück hat Hans-Joachim Leue die Kurbel zum Nachjustieren der Galerie ja bereits zur Hand.

Informationen zum Telescopium gibt es unter der Telefonnummer 0 42 98 / 47 87.

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