Tagesmütter lösen Probleme von Eltern ohne Krippenplatz mit hohen Kosten / Kreis soll Zuschüsse anheben Teurer Rettungsanker

Junge Mütter stehen unter Druck: Wer sich zu lange um das Baby kümmert, verliert im Job den Anschluss. In der Arbeitswelt ändern sich die Abläufe immer schneller. Drum suchen Mütter Krippenplätze für ihre Kleinen. Absagen erhöhen den Druck. Tagesmütter können zum Rettungsanker werden. Doch der Preis ist hoch: bis zu 500 Euro im Monat. Mütter fordern höhere Zuschüsse vom Landkreis – und sind sich dabei mit den Tagesmüttern einig.
26.07.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Junge Mütter stehen unter Druck: Wer sich zu lange um das Baby kümmert, verliert im Job den Anschluss. In der Arbeitswelt ändern sich die Abläufe immer schneller. Drum suchen Mütter Krippenplätze für ihre Kleinen. Absagen erhöhen den Druck. Tagesmütter können zum Rettungsanker werden. Doch der Preis ist hoch: bis zu 500 Euro im Monat. Mütter fordern höhere Zuschüsse vom Landkreis – und sind sich dabei mit den Tagesmüttern einig.

VON MICHAEL WILKE

Lilienthal. Im Oktober 2011 ist Christiane Durke "ins schöne Lilienthal" gezogen, einen Monat vor der Geburt von Bennet. Hoch schwanger ist sie "alle möglichen Krippen angelaufen". Die über Dreißigjährige wusste, dass sie nach zwölf Monaten Elternzeit wieder arbeiten musste, wenn sie den Anschluss nicht verlieren wollte. Eine Unterstützung gab es nicht. Da war keine Oma, die sich um Bennet kümmerte. Ihren Mann brauchte sie nicht zu fragen, der war voll eingespannt im Berufsleben.

Mit dem Druck im Nacken suchte Christiane Durke einen Platz für Bennet. Die meisten Krippen schieden aus. Die schlossen schon mittags, zu früh für die Mutter, die in Bremen arbeitet. In den anderen war kein Platz mehr frei. Monate später stieß Christiane Durke auf die Bambinis, drei Tagesmütter, die im Obergeschoss über einem Ballettstudio an der Friedhofstraße 13 Kleinkinder betreuen, durchgehend von 7.30 bis 18.30 Uhr. "Das war ein großes Glück für uns", sagt die 34-Jährige heute.

Bei den Bambinis geht es zu wie in einer großen Familie – so beschreiben es mehrere Mütter. Es gibt zwei Spielzimmer und zwei Schlafzimmer, jeden Tag wird eingekauft und gekocht, gespült und gewaschen: Lätzchen, Handtücher und Bettwäsche. Das Tagesmütter-Trio organisiert Sommerfeste, Laterneläufe und Nikolaus-Abende, nimmt die Kleinen mit auf den Bauernhof. Zweimal in der Woche geht’s runter ins Ballettstudio, das sind die Bewegungstage. Einmal in der Woche ist die Musikschule da, dann ist Musiktag.

Bennet fühlt sich in der Gruppe pudelwohl. Christiane Durke ist froh darüber. Und über die Flexibilität. Dauert der Arbeitstag zwei Stunden länger, genügt ein Anruf. Doch das Kinderparadies hat eine Schattenseite. Es kostet viel Geld – weit mehr als ein Platz in der Krippe. Die drei Tagesmütter Susanne Krause (50), Anna Hantke (34) und Antje Sedlaczek (40) stellen den Eltern 5,50 Euro pro Kind und Stunde in Rechnung. Der Landkreis erstattet 3,50 Euro. Im Monat zahlen die Durkes 400 bis 500 Euro – 150 bis 200 Euro mehr als für die Krippe.

Bianca Ziehm geht es ähnlich. Die 25-Jährige sieht ihren zweieinhalbjährigen Colin gut aufgehoben bei den Bambinis. Ihr zweites Kind ist wenige Wochen alt. Das Brüderchen später auch betreuen zu lassen wäre unmöglich, sagt Bianca Ziehm, die in Borgfeld wohnt und in Bremen keinen Krippenplatz gefunden hat. "So wie wir arbeiten, würde das ganze Geld für die Betreuung draufgehen." Das ist der Grund, warum ein zweites Kind für Christiane Durke gar nicht erst in Frage kommt: "Man arbeitet nur für die Betreuung und dafür, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben", sagt die Mutter.

Auch Kristin Rüller hat für ihren Ben keinen Krippenplatz bekommen. Für die 28-jährige Studentin mit "Vorlesungen quer über den Tag verteilt" wäre nur der DRK-Kindergarten "Wümme-Kieker" in Frage gekommen, der bietet eine Betreuung bis 16 Uhr. Nun ist der Zweijährige bei den Bambinis. "Das war unsere Rettung", sagt Rüller. Doch zahlen sie und ihr berufstätiger Mann an die 500 Euro im Monat.

In diesem Jahr haben sich Christiane Durke und Kristin Rüller wieder um Krippenplätze beworben. Wieder kam ein Ablehnungsbescheid, diesmal mit der Begründung, sie hätten ja schon einen Betreuungsplatz. Sie sei fassungslos gewesen, sagt Durke, die Mails an die Gemeinde, den Landkreis und dessen Gleichstellungsbeauftragte Katja Lipka geschrieben hat. "Wie kann es sein, dass es unser Nachteil ist, nicht in der Lostrommel zu sein?" Die Kommune sei doch nicht in der Lage gewesen, einen Krippenplatz anzubieten, so dass "wir selbst aktiv werden mussten".

Die Gemeinde und der Landkreis verweisen darauf, dass der Rechtsanspruch der Eltern auf eine Betreuung ihrer Kleinkinder durch einen Platz in der Krippe oder bei einer Tagesmutter erfüllt werden kann. So steht es im Kinderförderungsgesetz. Um so mehr empört Christiane Durke, Bianca Ziehm und Kerstin Rüller die Ungleichheit der Beiträge: Wenn schon Gleichstellung von Tagesmüttern und Krippen, dann bitte auch finanziell.

"Das ist eine für alle Seiten unbefriedigende Situation", sagt die Tagesmutter Susanne Krause. "Wir kämpfen dafür, dass wir gleichgestellt werden und dass die Eltern einen höheren Zuschuss bekommen. Dann hätten sie die Wahlfreiheit." Bei den Bambinis arbeite jede der drei Tagesmütter über 40 Stunden pro Woche, für "ein kleines Erzieherinnengehalt" oder weniger. "Wir schließen nie", sagt Krause. "Wir sind täglich von 7.30 bis 18.30 Uhr da. Wir zahlen Miete, bezahlen die Aushilfen und eine Haushaltshilfe."

Dem Landkreis sei das Problem bekannt, erklärt Pressesprecher Marco Prietz. Die Satzung über die Förderung von Kindern in der Kindertagespflege und die Beiträge dafür solle geändert werden, "mit dem Ziel, die Beitragsschieflage zu beseitigen." Die Stundenpauschale solle erhöht werden, betont Prietz. Auch sollen in der Satzung "Qualitätsstandards zum Wohle der Kinder" verankert werden. Am 18. September berät der Jugendhilfeausschuss darüber, der aber nur Empfehlungen abgeben kann. Die Entscheidung trifft der Kreistag am 22. Oktober. Die neue Stundenpauschale würde nach Prietz’ Worten rückwirkend vom 1. August an gelten. Dann tritt der Rechtsanspruch der Eltern auf eine Betreuung ihrer Kleinkinder in Kraft.

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