Sowohl Mutter als auch Angeklagter legen Revision ein Todesfahrt: Urteil nicht rechtskräftig

Verden·Osterholz-Scharmbeck. Das Urteil gegen den 32-Jährigen, der im November 2012 auf der Pennigbütteler Straße einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht hat, ist noch nicht rechtskräftig. Das Landgericht Verden hatte in der Berufungsverhandlung wegen fahrlässiger Tötung eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verhängt.
25.04.2016, 00:00
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Von Angelika Siepmann

Das Urteil gegen den 32-Jährigen, der im November 2012 auf der Pennigbütteler Straße einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht hat, ist noch nicht rechtskräftig. Das Landgericht Verden hatte in der Berufungsverhandlung wegen fahrlässiger Tötung eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verhängt. Vom Vorwurf der Verkehrsunfallflucht war der Mann freigesprochen worden. Die als Nebenklägerin auftretende Mutter des 18-jährigen Opfers und der Angeklagte haben Revision eingelegt.

Die Staatsanwaltschaft wird das Urteil dagegen nicht anfechten. Sie hatte in der zweiten Instanz gegen den mehrfach und einschlägig vorbestraften Raser eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten gefordert – auch wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort. Man werde kein Rechtsmittel einlegen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Verden, Lutz Gaebel, auf Nachfrage.

Das Amtsgericht Osterholz-Scharmbeck hatte im Juli 2013 eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und vier Monaten ausgesprochen. Es war damit deutlich über den Antrag der Anklagebehörde hinausgegangen, die damals ein Jahr und drei Monate verlangt hatte. Die Staatsanwaltschaft wie auch der Unfallverursacher hatten gegen das Urteil Berufung eingelegt. Zur fälligen Verhandlung vor dem Landgericht Verden dauerte es, wie berichtet, weit über zweieinhalb Jahre, weil dem Angeklagten Verhandlungsunfähigkeit bescheinigt wurde.

Darauf wollte die Verteidigung nun auch beim stattfindenden Termin hinaus, scheiterte aber zum Prozessauftakt mit dem Antrag auf ein neues Gutachten durch einen anderen Sachverständigen. Die Amtsärztin des Landkreises Verden hatte ihr Gutachten unter Ausschluss der Öffentlichkeit erstattet. Es sei „schlüssig, nachvollziehbar und nicht anzuzweifeln“, befand die Strafkammer.

Sie hatte nach der Anhörung von fünf Zeugen und der Anhörung eines Verkehrssachverständigen noch am selben Tag auf fahrlässige Tötung, nicht aber Unfallflucht erkannt und den Angeklagten zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt. Sie und die beiden Schöffen hätten lange beraten, ob eine Aussetzung zur Bewährung in Frage komme, sagte die Vorsitzende Richterin. Nach Abwägung aller Umstände könne man jedoch von einer „günstigen Sozialprognose“ ausgehen, so Richterin Andrea Ramsauer.

Gerade dies will Chris Weinreich nicht in den Kopf. Die Mutter des getöteten Mädchens hatte den Gerichtssaal weinend verlassen, kaum dass Ramsauer das Strafmaß verkündet hatte. „Günstige Sozialprognose – das verstehe ich einfach nicht“, sagte die 43-Jährige jetzt im Telefonat mit unserer Zeitung. „Bei all den Vorstrafen und was er angerichtet hat!“ Auch über den Freispruch vom Vorwurf der Fahrerflucht ist sie empört. Das Gericht hatte erklärt, es sei zumindest nicht auszuschließen, dass der Angeklagte sich nach der tödlichen Kollision – bei mindestens Tempo 90 bei erlaubten 50 Stundenkilometern – vorübergehend in einem Schockzustand und damit im Zustand der Schuldunfähigkeit befunden habe.

Der Unfall hatte sich gerade 200 Meter vom Wohnhaus der Familie entfernt ereignet, am späten Nachmittag des 17. November 2012. Chris Weinreich, die noch einen achtjährigen Sohn und einen Ende vergangenen Jahres geborenen Sohn hat, will sich mit dem Urteil nicht abfinden: „Jenny ist tot, sie kommt nicht wieder, aber ich werde weiter kämpfen, ich ziehe das durch“. Sie wolle, dass der Mann, der immerhin ein Menschenleben auf dem Gewissen habe, angemessen bestraft werde. „Der darf doch nicht mit Bewährung davonkommen und auf freiem Fuß bleiben“. Nach der Verhandlung im Landgericht hatte Chris Weinreich, sie werde „lebenslänglich leiden“.

Gleichwohl hat sie sich die Entscheidung, über ihren Bremer Anwalt Revision gegen das Urteil anzugehen, nicht leicht gemacht. Sie sei zunächst hin- und hergerissen gewesen, sagte sie. Grund dafür seien nicht zuletzt die zu erwartenden Kosten gewesen. Sie könne das finanziell nicht allein bewältigen, so Weinreich, und sei daher froh, dass sich über soziale Medien eine Spendeninitiative gebildet habe – „durch Jennys und meine Freunde“.

Nach Angaben von Katharina Krützfeldt, Pressesprecherin des Landgerichts Verden, hat auch der Angeklagte gegen das Urteil der zweiten Instanz fristgerecht Revision eingelegt.

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