Manfred Schmidt-Pagel bringt alte Radios wieder zum Rauschen / Sammler entdeckt den Lehrberuf im Alter neu Transistor-Liebe

Garlstedt. Manfred Schmidt-Pagel hat im Alter eine fast vergessene Leidenschaft wiederentdeckt: Der Rentner repariert alte Radios. Lange stand ihm der Sinn nach anderen Dingen.
30.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Valek

Manfred Schmidt-Pagel hat im Alter eine fast vergessene Leidenschaft wiederentdeckt: Der Rentner repariert alte Radios. Lange stand ihm der Sinn nach anderen Dingen. Das Berufsleben hatte ihn im Griff. „Ich hatte einfach keine Lust dazu“, erinnert er sich. Doch seit er im Ruhestand ist, lötet er, was das Zeug hält. Besonders defekte Empfänger aus den 1930er-Jahren haben es ihm angetan. Auch alte Autoradios faszinieren ihn. Kofferplattenspieler und Tonbandgeräte gehören ebenso zu seinem Fundus. „Und die funktionieren alle“, sagt Schmidt-Pagel. „Darauf lege ich Wert.“

Wenn alte Geräte keinen Mucks mehr von sich geben, fühlt er sich herausgefordert. Dann wechselt er in Windeseile Röhren aus, tauscht Widerstände und baut neue Transistoren ein. „Zu 95 Prozent bekommt man die auch wieder hin“, versichert er. „Das habe ich schließlich einmal gelernt“, sagt der Garlstedter. Und dann wird er nachdenklich: „Ich habe erlebt, wie der Beruf des Radio- und Fernsehtechnikers entstanden ist und wie er jetzt wieder verschwindet.“

Manfred Schmidt-Pagel kommt aus Osterholz-Scharmbeck. In den 1960er-Jahren hat er bei seinem Onkel in einer Radiowerkstatt in Vegesack viel Zeit verbracht. Irgendwann entschloss er sich, den damals noch neuen Lehrberuf „Radio- und Fernsehtechniker“ zu erlernen. „Ich konnte mir nichts anderes vorstellen.“ Dass man irgendwann Geld verdienen musste, sei für ihn als Lehrling unwichtig gewesen. „Mich haben Radios fasziniert.“

Die Zeiten änderten sich, Manfred Schmidt-Pagels Ansichten auch. Nach der Lehre ging er zu Nordmende nach Bremen. Dort fertigte er Messgeräte für den Handel. Nach eine paar Jahren wollte er mehr, als nur Messgeräte bauen. Er studierte Betriebswirtschaft – berufsbegleitend. Das war in den 1970er-Jahren. Anschließend wechselte er in die Industrie. Gut 35 Jahre war er schließlich Vertriebsingenieur bei den Vereinigten Flugtechnischen Werken (VFW) und STN-Atlas. 2006 ging er vorzeitig in den Ruhestand. Mit seinem Berufsleben ist er rückblickend zufrieden. „Beruflich war ich ein Glückspilz.“

Ein Besuch im Bremer Rundfunkmuseum brachte ihn auf neue Gedanken. Schmidt-Pagel trat dem Verein bei und engagiert sich ehrenamtlich. Er hauchte erhaltenswerten Geräten neuen Atem ein. Er machte es so, wie er es gelernt hatte. „Auf die Zeit, die man dazu verwendet, darf man nicht gucken“, sagt er. „Das ist schon Idealismus.“ Bislang hat er Dutzende von defekten Radios wieder zum Rauschen gebracht. Außerdem hat er zig Vorträge zur Rundfunk- und Radiogeschichte vor Besuchern gehalten. Das gehöre dazu, sagt er.

Seine Liebe zu klassischen Autos brachte den Sammler schließlich auf den Gedanken, sich auf Autoradios zu konzentrieren. Schmidt-Pagel ist seit vielen Jahren Oldtimerfahrer. Er hat unter anderem einen Mercedes SL und einen Jaguar E-Type besessen. Zurzeit bereichern ein Trabant und ein Citroen DS seinen Fuhrpark. Er hat zahlreiche Clubtreffen besucht, einen Mercedes-SL-Club „Pagode“ mitgegründet und deutschlandweit an zahlreichen Orientierungsfahrten teilgenommen. Die gut 90 Autoradios in den Regalen zu Hause erinnern ihn an diese Zeit – und an die Automobilgeschichte. Schmidt-Pagel kann jedem Automodell ein Radio zuordnen. Knöpfe, Blenden und Anbauteile dazu ruhen in Kisten und Kästen. Sie stammen von Flohmärkten und aus Nachlässen von Händlern. Jetzt dienen sie zur Reparatur. Manfred Schmidt-Pagel hat das ehemalige Kinderzimmer von einem seiner Söhne zur Werkstatt umfunktioniert. Ein langer Schreibtisch bietet ihm Arbeitsfläche. Darüber reihen sich Messgeräte aneinander. In einer Ecke zischt der Lötkolben, aus der anderen säuselt Musik aus einem Radio. Dort kann der Radio-Doktor arbeiten.

Der Sammler kann Raritäten vorzeigen. Sein Lieblings-Autoradio stammt aus dem Jahr 1959. „Das ist ein Blaupunkt Köln“, sagt er und holt es aus dem Regal. Das Radio sei nur in Nobelkarossen wie dem sogenannten Adenauer-Mercedes verbaut worden, schwärmt er. „Das Radio ist solide und hatte für damalige Verhältnisse einen guten Klang“, wie er betont. „Und der mechanische Sendesuchlauf läuft wie ein Uhrwerk.“ Schmidt-Pagel holt eine Schachtel mit ausgetauschten Teilen hervor. Darin befinden sich Zahnrädchen und andere filigrane Metallteile. Einige dieser Reparaturteile seien mittlerweile kaum noch zu bekommen, erläutert er. Irgendwann müsse man deshalb alte Geräte zerlegen, um an gebrauchte Teile zu kommen.

Manchmal sei es auch möglich, moderne Technik in alte Geräte einzubauen. „ Machbar ist fast alles“, betont Schmidt-Pagel. Um das Gesagte zu belegen, zieht er ein anderes Radio aus dem Regal. „Das Radio ist von 1949. Das Besondere ist, dass es jetzt einen MP3-Anschluss hat“, sagt er. Grundsätzlich halte er aber nichts davon, räumt er ein. Anregungen holt er sich bei Vereinskameraden des Bremer Rundfunkmuseums und auf Messen. Manchmal stelle er auch selbst aus. „Einfach, um die Geschichte des Radios zu bewahren“, wie er betont. In diesem Jahr will er es ruhiger angehen lassen. Auch deshalb werde er auf der Bremen Classic Motorshow nur Gast und nicht Aussteller sein. Die Messe, die für viele Oldtimerfreunde in der Region ein Anziehungspunkt. Die Messe findet vom 5. bis 7. Februar in der Stadthalle Bremen statt.

Manfred Schmidt-Pagel will – drei Tage lang – alte Freunde treffen und neue Kontakte knüpfen. Kontakte seien doch das A und O, sagt er. Schließlich gebe es noch so viele Sachen, die er machen wolle. „Ich glaube, ich brauche eine zweites Leben“, sagt der 68-Jährige.

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