Giftiges Lagerstättenwasser aus der Erdgasförderung: Kreistagsabgeordneter Manfred Damberg wundert sich über Minister-Kehrtwende

Umwelt-Ressortchef sieht keine strafbare Handlung

Als Oppositionspolitiker fand Stefan Wenzel es kritikwürdig, dass Lagerstättenwasser aus der Erdgasproduktion ins Erdreich verklappt wird. Das von ihm geführte Umweltministerium findet diese Art der Entsorgung heute in Ordnung.
27.07.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Als Oppositionspolitiker fand Stefan Wenzel es kritikwürdig, dass Lagerstättenwasser aus der Erdgasproduktion ins Erdreich verklappt wird. Das von ihm geführte Umweltministerium findet diese Art der Entsorgung heute in Ordnung.

Landkreis Rotenburg. Seit Jahren werden riesige Mengen giftiges Lagerstättenwasser aus der Erdgasförderung ins Erdreich gepumpt – wie berichtet auch im Landkreis Rotenburg. Das könne doch nicht mit rechten Dingen zugehen, sagte sich der Wilstedter Kreistagsabgeordnete Manfred Damberg (Die Linke), der sich daher Ende Mai ans Umweltministerium wandte und seine Sogen schilderte. Seine Befürchtung: "Da werden Umweltstraftaten begangen." Jetzt, gut acht Wochen später, hat er eine Reaktion aus Hannover bekommen. Die Antworten auf seine Fragen findet Damberg schlichtweg "abenteuerlich".

Zwar betont ein Ministeriumssprecher, dass sich die niedersächsische Landesregierung "dem Gewässerschutz im Allgemeinen und dem Grundwasserschutz im Besonderen als eine der bedeutendsten Aufgaben der Umweltpolitik stark verpflichtet" fühle. Darüber hinaus wirke Niedersachsen auf Bundesebene massiv darauf hin, dass für Frackingvorhaben wie auch für die Versenkung von Lagerstättenwasser im Untergrund eine Umweltverträglichkeitsprüfung mit breiter Öffentlichkeitsbeteiligung verpflichtend vorgeschrieben werde.

Doch eine Umweltstraftat, wie der Chemiker Damberg es einschätzt, sei das Verpressen von Lagerstättenwasser nicht, heißt es aus dem Umweltministerium. Der Vorwurf strafbaren Handelns sei ungerechtfertigt, da die einzelnen Umweltdelikte die Strafbarkeit an ein unbefugtes Handeln knüpfen. Die Versenkung dieses Lagerstättenwassers sei aber durch die Bergbehörde genehmigt und stelle schon allein deshalb kein unbefugtes Handeln im Sinne einer Gewässerverunreinigung dar. Diese Maßnahme stehe auch im Einklang mit nationalem und EU-Wasserrecht. Die Versenkung des Lagerstättenwassers erfolge unter Berücksichtigung von Gutachten des ehemaligen niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung.

Auch eine strafbare Bodenverunreinigung komme nicht in Betracht, da auch dieses Umweltdelikt verlange, dass die Bodenverunreinigung unter Verletzung verwaltungsrechtlicher Pflichten erfolge. Eine Verunreinigung oder sonstige nachteilige Veränderung im Sinne dieses Strafdelikts liege darüber hinaus nur dann vor, wenn es zu einer zusätzlichen Verschlechterung der natürlichen Bodenbeschaffenheit gekommen sei. Es sei nicht ersichtlich, dass die ökologische Funktion des Bodens bei einer derart tiefen Einleitstelle Schaden nehmen könnte. Darüber hinaus sei nicht bekannt, dass die Versenkung des Lagerstättenwassers ein Gewässer schädige oder geschädigt habe. Eine strafbare Handlung sei folglich nicht gegeben. Die Versenkung von Lagerstättenwasser werde derzeit von den zuständigen Bergbehörden als den allgemein anerkannten Regeln der Technik entsprechend angesehen.

Krebserregendes Benzol

Damberg zeigt sich derweil "fassungslos". Über diese Aussagen könne er sich nur wundern, meint der Wilstedter. Schließlich enthalte Lagerstättenwasser Unmengen hochgiftiger Stoffe. Er verweist auf eine Analyse, die das Landesbergamt am 25. Juli 2011 im Bereich Söhlingen (Bohrstelle SOLG Z2) vorgenommen hat. Demnach enthält das dort eingeleitete Lagerstättenwasser krebserregendes Benzol und auch Toluol und Xylole in Mengen, die im Trinkwasser so nicht auftreten dürften. Die Konzentration liege beim Benzol etwa 13000 Mal über dem Trinkwassergrenzwert. Gefährlich sei auch die Vielzahl der hochgiftigen "polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe". Allein der Wert für Naphthalin liege 16700 Mal über dem Grenzwert. Hinzu kommen noch Fluoren, Phenantren, Pyren, Benzanthracen und Crysen und andere, die die Giftigkeit weiter erhöhten. Das noch problematischere Benzapyren überschreite den Trinkwassergrenzwert um das 500-fache. Gar nicht verstehen könne er, so Damberg, "die Kehrtwende des Grünen-Politikers Stefan Wenzel". Der heutige Chef des niedersächsischen Umweltministeriums hatte nämlich vor der Landtagswahl noch eine ganz andere Meinung zum Lagerstättenwasser.

In einer Pressemitteilung vom 23. Oktober 2012 hatten die Landtagsgrünen scharf kritisiert, dass die schadstoffbelasteten Abwässer aus der Erdgasförderung weiterhin in den Untergrund verpresst werden dürfen. Es sei offenbar versäumt worden, Vorsorge für den Umgang mit den verseuchten Abwässern zu treffen, sagte seinerzeit der damalige Oppositionspolitiker Stefan Wenzel. Damberg: "Das hat Wenzel wohl alles vergessen. Seine kritische Haltung hat er als Minister offenbar abgelegt." Was sehr bedauerlich sei, denn das Problem habe riesige Ausmaße. Bis Dezember 2012 seien, laut Landesbergamt, im Landkreis Rotenburg rund 3,5 Millionen Kubikmeter Abwasser aus der Erdgasförderung ins Erdreich gepumpt worden.

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