Lilienthal Unmut über Dauerbaustelle

Lilienthal. Die Dauerbaustelle an der Linie 4 zerrt an den Nerven der Geschäftsleute. Läden verlieren Kunden und Umsätze. Im Ratssaal ist von Existenzangst die Rede, von schlaflosen Nächten.
19.09.2013, 09:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Wilke

Die Dauerbaustelle zerrt an den Nerven der Geschäftsleute. Zwei Jahre und vier Monate nach dem Auftakt der Arbeiten zur Verlängerung der Linie 4 stehen die rot-weißen Baken immer noch auf Lilienthals Hauptverkehrsader. Läden verlieren Kunden und Umsätze. Im Ratssaal ist von Existenzangst die Rede, von schlaflosen Nächten. 60 Geschäftsleute fordern ein Ende der Leidenszeit, zumindest einen Zeitplan für die nächsten Schritte. Der Druck auf die Gemeinde und die Wirtschaftsbetriebe Lilienthal GmbH (WBL) wächst. WBL-Geschäftsführer Manfred Lütjen bekommt das zu spüren.

„Wir werden müde. Uns verlassen die Kräfte“, klagt Heidi Köster. Vor knapp drei Jahren hat sie ihr Modegeschäft an der Hauptstraße 51 eröffnet. Dann kam die Baustelle. Kunden irrten durch den Ort, drehten mit dem Auto Kreise, fanden den Laden nicht. „Sie signalisieren mir: ,Ich komm’ nicht nach Lilienthal. Ich finde mich hier nicht zurecht.“

Beim Infoabend des Wirtschafts-Interessenrings (WIR) spricht Heidi Köster vielen der 60 Geschäftsleute im Ratssaal aus der Seele: „Im Zentrum muss der Verkehr endlich wieder in beide Richtungen freigegeben werden.“

Warnung vor „Geisterstadt“

Vor einem halben Jahr hat die Einzelhändlerin Ware geordert. Da hieß es noch, im Sommer sei Schluss mit der Baustelle. „Ich muss die Ware bezahlen“, sagt Köster. Doch wenn die Kunden nicht kommen? Es gehe um Existenzen, warnt die Kauffrau – und um Arbeitsplätze. Viele Menschen müssten zuhause bleiben, weil die Läden sie nicht mehr beschäftigen könnten. Köster warnt vor einer „Geisterstadt“. Jetzt müsse schnell was passieren, auch als Signal an die Kunden, fordert sie unter dem Beifall der Kaufleute.

Adressat der geballten Kritik der Geschäftswelt ist am Dienstagabend Manfred Lütjen, als Chef der Wirtschaftsbetriebe Lilienthal GmbH (WBL) Bauherr der Straßenbahnverlängerung. Er verspricht, dass neuralgische Punkte wie klaffende Löcher in Einmündungen von Nebenstraße „kurzfristig“ in Angriff genommen werden. Den Zuhörern ist das zu vage, sie fordern einen Zeitplan mit Terminen. „Kurzfristig heißt für mich, in zwei bis drei Wochen“, erklärt Lütjen. „Ich kann Ihnen nichts versprechen, was ich nicht einhalten kann. Es geht eben nicht alles auf einmal. Wir befinden uns in einem schwierigen Verfahren.“

Die Insolvenz des Generalunternehmers Walthelm hat der WBL einen Strich durch die Rechnung gemacht. Weil das finanziell angeschlagene Unternehmen zu wenig Personal auf die 5,5 Kilometer lange Baustelle schickte, ging es schleppend voran. WBL-Chef Lütjen hat den Vertrag fristlos gekündigt; der vorläufige Insolvenzverwalter prüft Schadenersatzansprüche. Noch sind Restarbeiten von neun Millionen Euro offen. Den Löwenanteil der Straßen- und Gleisarbeiten hat die WBL im beschleunigten Verfahren europaweit ausgeschrieben, im Dezember sollen die Walthelm-Nachfolger loslegen (wir berichteten). Bis dahin sollen Lücken im Verlauf der Hauptstraße und Falkenberger Landstraße geschlossen werden. „Interimsmaßnahmen“ für mehr Verkehrssicherheit nennt Lütjen das.

Gabriele Kunze, die kommissarische WIR-Vorsitzende, die den Abend moderiert, hakt nach und fordert Lütjen auf, konkrete Zeiten zu nennen: „Das sind Sie uns schuldig“. Binnen vier Wochen, versichert der WBL-Geschäftsführer, sollen mehrere neuralgische Punkte beseitigt sein. In zwei bis drei Wochen soll der Einmündungsbereich der Moorhauser Landstraße fertig werden, inklusive der Schienen, die dort noch zu verlegen sind. An der Einmündung der Einstmannstraße wird schon gearbeitet. In der nächsten Woche ist die Tilsiter Straße dran, danach kommen der Timkenweg und der Bereich bei Lidl. Und schließlich das Falkenberger Kreuz, wo der Schienenkreis schon liegt. Statt des Kreisels soll die Kreuzung provisorisch wieder hergestellt werden, um die langen Staus zu beenden. Lütjen verspricht, die Baufortschritte sofort bekannt zu machen, auch im Internet.

Den Ärger einiger Geschäftsleute dämpft das kaum. Sie fordern ein schnelles Ende der Bauphase. Viele seien „mit den Nerven am Ende“, auch Anwohner, betont Daniel Breiding, Inhaber des Haltermann-Centers am Falkenberger Kreuz. Immer nur Baustelle und kein Ende in Sicht. Da müsse was passieren. „Weihnachten steht vor der Tür. Wir sind Einzelhändler. Die Ware ist gekauft“, meint ein Anderer. Sie bekomme nicht einmal mehr 5000 Euro als Kredit von den Banken, zürnt eine Kauffrau. „Da heißt es: ,Ihr Umsatz ist so stark zurück gegangen.’ Wer nicht arbeiten kann wegen Ihrer Maßnahme, der macht auch keinen Gewinn.“

Breiding fordert Hilfen für die Händler, zinslose Darlehen und den Verzicht der Gemeinde auf die Gewerbesteuer. Dafür ist der WBL-Chef der falsche Ansprechpartner. So ein Programm bedürfe der Zustimmung des Gemeinderats, erklärt Lütjen.

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