Verkleidete Liegefahrräder

Velomobil - ein ungewöhnlicher Anblick

Fast geräuschlos rauschen die sechs Fahrzeuge an dem staunenden Radfahrer auf der Straße nach Hambergen-Heißenbüttel vorbei. Es ist wirklich ein ungewöhnlicher Anblick, den die Velo-Gruppe bietet.
24.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter von Döllen

Fast geräuschlos rauschen die sechs Fahrzeuge an dem staunenden Radfahrer auf der Straße nach Hambergen-Heißenbüttel vorbei. Es ist wirklich ein ungewöhnlicher Anblick, den die Velo-Gruppe bietet. Klein, flach und bunt sind die Velomobile und erinnern ein wenig an U-Boote. Öfter im Jahr treffen sich Besitzer und Fans der auffälligen Fahrzeuge zu einer gemeinsamen Tour. Sie kommen aus den Regionen um Bremen herum und kennen sich hauptsächlich aus Foren und Treffen, in denen sie sich austauschen. Dieses Mal geht es 56 Kilometer rund um Osterholz-Scharmbeck. In Heißenbüttel kehren die Velo-Fans bei den Eltern von Henning Tesch ein. Zeit für einen kleinen Plausch.

„Wir machen das aus Spaß an der Sache“, sagt Tesch, der die Fahrt organisiert hat. Für den einen sind die verkleideten Liegeräder ein Hobby. Andere sehen darin durchaus ein Alltagsfahrzeug und ein Autoersatz. „Nicht selten steckt eine Ideologie dahinter“, weiß Tesch. Der Verzicht auf einen PKW habe dann meist ökologische Gründe. „Ich brauche kein Auto und verpeste nicht die Umwelt“, lautet das Credo. Das Velomobil steht für dieses oder ähnliche Statements, soll ein Stück alternative Lebensauffassung demonstrieren.

Aber auch gesundheitliche Gründe spielen eine Rolle. „Ich habe abgenommen“, bemerkt Tesch beispielsweise. Schließlich geht es nur mit Muskelkraft voran. Velomobil fahren ist Ausdauersport. Obwohl die Velomobile immer mehr Anhänger finden, sehen sich die Fans mit Vorurteilen konfrontiert. „Wer für so ein Gefährt 6000 Euro und viel mehr ausgibt, ist in den Augen vieler offenbar ein Spinner“, weiß Tesch. Je nach Hersteller geben Käufer sogar fünfstellige Summen aus. Als Tupper- oder Keksdose werden die geliebten Mobile von Außenstehenden bezeichnet. Tesch kennt viele solcher abfälliger Bezeichnungen. Die meisten Fahrer nehmen es gelassen. Auch das gehört irgendwie dazu.

„Die Grundlage bilden Fahrradkomponenten. Wir verwenden auch keinen Motor“, erklärt Tesch die ungewöhnlichen Fahrzeuge. Die gibt es aber. Neuerdings würden Velomobile auch mit Pedelec-Motoren ausgestattet, die den Fahrer elektrisch unterstützen. Velomobile stehen auf drei Rädern und sind von einem Gehäuse umgeben. Das ist der kleinste Nenner. Ansonsten gibt es ziemlich viele unterschiedliche Konstruktionen. Mal sind die zwei Räder vorne, mal hinten. Auch die Hauben sind unterschiedlich. Die Verkleidung kann aus Carbon, Glasfaser oder anderen Stoffen bestehen. Das hat Auswirkungen auf das Gewicht und den Preis. Inzwischen gibt es einige Hersteller, die viel an den Konstruktionen tüfteln.

Im Schnitt erreichen sie Geschwindigkeiten von etwa 30 Kilometern pro Stunde. Es geht auch schneller. Tesch: „Der Weltrekord liegt bei 130 Stundenkilometer.“ Die Gehäuse sind stromlinienförmig, um den Luftwiderstand zu minimieren. Das reduziert allerdings den Platz. „Eine Kiste Bier geht aber rein – ohne Kiste allerdings“, flachst Tesch. Ernsthaft fügt er hinzu: „Ein kleiner Wocheneinkauf passt schon rein.“

Auch Bernd Brummerhoop nutzt sein Velomobil regelmäßig und fährt damit zur Arbeit. „Bei der Ankunft muss man sich allerdings frisch machen können“, räumt er ein. Waschzeug und Handtuch gehören deshalb ständig zu seinem Gepäck.

Gerd Ohm aus Gnarrenburg fährt auch häufig mit dem Velomobil zur Arbeit in Hambergen. „Inzwischen fahre ich öfter mit dem Mobil als mit dem Auto“, sagt er. Dank Wetterschutz gehe das ziemlich gut. Der Aufwand lohne sich. „Ich spare sehr viel Unterhaltungskosten“, erinnert Brummerhoop. Dafür nimmt er in Kauf, als Spinner abgetan zu werden.

Ursprünglich hat Brummerhoop ein normales Fahrrad genutzt. Doch regelmäßige Abschnitte über Kopfsteinpflaster hätten ihm die Hand kaputt gemacht. Nach einiger Zeit habe er erkannt: „Es geht nur mit einem Liegerad weiter.“ Die Wahl fiel dann auf ein Velomobil. Brummerhoop hat es nicht bereut. „Nach 70 000 Kilometern im Velomobil kann ich sagen, es ist viel entspannter und es tut einem nichts weh“, versichert er. „Velofahrer liegen im Rad, wie andere auf dem Sofa beim Fernsehen“, findet die Gruppe. Hört sich gemütlich an. Gut: „Einige bekommen da kalte Füße, weil die hoch liegen. Das ist aber schon alles.“ Für Fans überwiegen die Vorteile eindeutig.

Einen beachtenswerten Nachteil gibt es allerdings. Durch die niedrige Höhe sind die Velomobile von anderen Verkehrsteilnehmer oft nur schwer erkennbar, zumal sie fast lautlos unterwegs sind. Eine Unfallgefahr sei deshalb nicht zu verkennen, räumt Tesch ein. „Manche setzen auf Fahnen, wie beim Kinderrad. Andere bringen Lichter an der Karosserie an“, erklärt Tesch. Und: „Man lernt, vorausschauend zu fahren und kann so viele gefährliche Situationen vermeiden.“

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