Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli hält Vortrag beim Loccumer Kreis über Auswege aus der Opferfalle

Verdrängte Schuld, die krank macht

Mit dem Vortrag des Wiener Therapeuten Raphael M. Bonelli endet beim Loccumer Kreis am Donnerstag die Vortragsserie des Winterhalbjahrs. Die ersten fünf Abende waren gut besucht; sie befassten sich unter anderem mit Fragen von Theologie und Ökologie, Religion, Ethik und Gesundheit; nun geht es zum Abschluss der aktuellen Reihe um die menschliche Psyche und den Umgang mit Schuldgefühlen.
09.03.2013, 05:00
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Verdrängte Schuld, die krank macht
Von Bernhard Komesker
Verdrängte Schuld, die krank macht

Mit dem Vortrag des Wiener Therapeuten Raphael M. Bonelli endet beim Loccumer Kreis am Donnerstag die Vortragsserie des Winterhalbjahrs. Die ersten fünf Abende waren gut besucht; sie befassten sich unter anderem mit Fragen von Theologie und Ökologie, Religion, Ethik und Gesundheit; nun geht es zum Abschluss der aktuellen Reihe um die menschliche Psyche und den Umgang mit Schuldgefühlen.

Osterholz-Scharmbeck. Keine Frage, dieser Mann ist ein Kenner seines Fachs: Raphael Bonelli hält auf Einladung des Loccumer Kreises am Donnerstag, 14. März, um 20.15 Uhr einen Vortrag im Willehadi-Gemeindehaus. Der zweifach promovierte Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut spricht über die Schuldfrage in der Psychotherapie. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht laut Untertitel die Befreiung aus Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.

In Bonellis Wirken verbinden sich Theorie und Praxis: Der 44-Jährige hat sich in der Fachwelt durch umfangreiche Studien an der Nahtstelle von Religion und Medizin/Psychologie einen Namen gemacht; er lehrt und forscht an der Sigmund-Freud-Privatuniversität, wo er das "Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP)" leitet. Zugleich praktiziert Bonelli als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin: Seit 2008 betreibt er eine Privatpraxis in der Wiener Innenstadt; er gilt als ein Spezialist für erblich bedingte Hirnstörungen.

In seinem neuen Buch "Selber schuld", wagt Raphael Bonelli erstmals einen populärwissenschaftlichen Brückenschlag. Die Ausgangsthese lautet: Heute verdrängen wir nicht mehr Sexualität, sondern Schuld. Was das bedeutet, hat der Vortragsgast in einem Interview mit dem OSTERHOLZER KREISBLATT angedeutet.

Frage: Der Vortragstitel klingt, wenn wir uns die Bemerkung erlauben dürfen, bei oberflächlicher Betrachtung zunächst einmal recht akademisch. Wer sollte aus Ihrer Sicht den Vortragsabend besuchen und warum?

Raphael Bonelli: Ich gebe zu, dass der Titel akademisch klingt, aber ich kann versprechen, dass ich die Lebensprobleme von Jedermann aufgreifen und viel aus meiner psychotherapeutischen Praxis erzählen werde. Auch mein neues Buch beinhaltet ja 45 blutechte Fallbeispiele, in denen man sich immer wieder ein Stück weit wiedererkennt. Jeder Mensch kann den Vortrag besuchen, wenn er sich nicht vollständig festgelegt erlebt, sondern auch ein wenig über sich selbst und seine Handlungen entscheiden kann. Denn wer frei ist, kann auch schuldig werden, trägt Verantwortung über sein Tun.

Ihr neues Buch, Sie sprachen es schon an, verspricht im Untertitel einen "Wegweiser aus seelischen Sackgassen". Inwiefern können die Zuhörer am kommenden Donnerstag denn auch lebenspraktische Tipps für ihren eigenen Lebensalltag erwarten?

Ich spreche in diesem Zusammenhang gerne von der Opferfalle. Häufig wird die Schuld für den eigenen Zustand jemand anderem in die Schuhe geschoben: Eltern, Lehrern, der Kirche... Aber wer sich ausschließlich als Opfer erlebt und niemals als Täter, hat etwas falsch gemacht. Er kann nichts ändern. Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid machen unfrei und krank.

Und welchen Fingerzeige geben Sie für einen möglichen Ausweg?

Eine kritische Selbsthinterfragung macht eine Kurskorrektur möglich. Ich arbeite oft therapeutisch mit Ehepaaren und merke, dass die gegenseitige Beschuldigung eine Lösung blockiert. Wenn hingegen jeder vor der eigenen Türe kehren würde, würde sich schnell etwas tun und die Patt-Stellung aufgehoben.

Und damit kann dann eine Befreiung von Schuldgefühlen gelingen?

Mein Thema ist eigentlich, dass Schuldgefühle oft gut, nützlich und gesund sind, nämlich dann, wenn man schuldig geworden ist. Und das ist die Regel bei Schuldgefühlen, mit seltenen krankhaften Ausnahmen. Das ist wie der körperliche Schmerz: er ist unangenehm, zeigt aber Schaden an, den man durch diese funktionierende Alarmanlage dann möglicherweise rechtzeitig beheben kann. Schuldgefühle zeigen beim gesunden Menschen Schuld an, den er zum Beispiel durch die Bitte um Entschuldigung beim Ehepartner beheben kann. Menschen ohne Schuldbewusstsein mutieren zu Monstern, wie Phänomene wie Hitler und Stalin gezeigt haben.

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