Planerin legt in Borgfeld Erhebung vor Verkehrszahlen überraschen Beirat und Zuhörer

Laut einer Erhebung von 2016 soll die Fahrzeugdichte in Borgfeld im Vergleich zu 2003 kaum zugenommen haben. Die Zahlen vom Senator für Umwelt, Bau und Verkehr überraschten den Borgfelder Beirat.
24.01.2018, 17:40
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Von Klaus Göckeritz

Borgfeld. Der Ortsteil im Allgemeinen und die Wohngebiete im Besonderen leiden unter steigenden Verkehr. Dies ist allgemeiner Tenor am Bremer Stadtrand und wird ausdrücklich von allen Pendlern unterstützt, die morgens und nachmittags auf der Borgfelder Allee und den Zufahrtsstraßen vor roten Ampeln im Stau stehen. Jetzt befasste sich der Beirat einmal mehr mit diesem Thema, und das Ergebnis war einigermaßen überraschend. Die Verkehrsdichte hat im Vergleich zu 2003 kaum zugenommen, wie Verkehrsplanerin Anke Baute vom Senator für Umwelt, Bau und Verkehr vor vielen Zuhörern in der Klüver-Halle mit Hinweis auf eine Erhebung aus dem Jahr 2016 aus ihrem Haus feststellte.

Borgfeld ist ein wachsender Ortsteil, der sich der 10 000-Einwohner-Grenze nähert, Lilienthal hat in den vergangenen Jahren eine stürmische Entwicklung hingelegt, und auch im Hinterland wurden weitere Baugebiete ausgewiesen. Auf den Verkehr im Nadelöhr Borgfeld haben sich die Entwicklungen kaum in steigenden Zahlen niedergeschlagen. „Die Verkehrsmengen sind bis auf eine Ausnahme stagnierend bis rückläufig“, betonte Baute mit Hinweis auf ein umfangreiches Zahlenwerk. Die Planerin zitierte aus einer Erhebung vom November 2016 an drei Knotenpunkten: der Borgfelder Heerstraße und Bürgermeister-Kaisen-Allee, dem Bereich Borgfelder Allee, Daniel-Jacobs-Allee und Borgfelder Heerstraße sowie Borgfelder Landstraße und Katrepeler Landstraße. Die vom Ressort beauftragte Firma habe dabei Videotechnik eingesetzt und am 8. November des Jahres in einem Zeitfenster von insgesamt acht Stunden gemessen. So seien am Knotenpunkt Heerstraße und Kaisen-Allee im Zeitraum von sechs bis zehn Uhr und 15 bis 19 Uhr rund 32 000 Autos, im Kreuzungsbereich Jacobs-Allee etwa 30 000 und am Messpunkt Borgfelder Landstraße rund 6000 Autos erfasst worden. Und diese Zahlen deckten sich ziemlich genau mit dem Ergebnis einer Erhebung aus dem November 2003, so Anke Baute. Eine gegenläufige Entwicklung gab es nach dem aktuellen Zahlenwerk nur im weiteren Verlauf der Bürgermeister-Kaisen-Allee. Dort weisen die Zahlen aus dem Verkehrsressort eine Zunahme von 1300 auf knapp 1900 Autos aus, was nach Auffassung der Planerin mit einer Verdichtung der Bebauung und dem an der Kaisen-Allee angesiedelten Einzelhandel zu tun habe.

Die vorgelegten Zahlen überraschten sowohl Beiratsmitglieder als auch Zuhörer. „Wir haben unsere Einwohnerzahl fast verdoppelt, Lilienthal wächst weiter, wo ist der Verkehr hin?“, fragte Jörn Broeksmid (CDU) und der Sozialdemokrat Bernd Vahlenkamp vermutete, dass der Schleichverkehr über die Kopernikusstraße, Upper Borg und Kaisen-Allee nicht entsprechend berücksichtigt wurde. „Ich vermute, dass die Straßenbahnlinie 4 einiges weggeschafft hat“, wandte sich die Planerin an Broeksmid, und der SPD-Sprecher erfuhr, dass auch am Flaschenhals Kleine-Kaisen-Allee entsprechende Daten erhoben wurden.

Die Messtechnik per Video und Auswertung liefere exakte und zweifelsfreie Ergebnisse, beantwortete die Verkehrsplanerin eine Frage von Beiratssprecher Karl-Heinz Bramsiepe (CDU). Dies empfand eine Zuhörerin offenbar anders: „Die Zahlen spiegeln die Realität nicht wider, ich kann das nicht nachvollziehen und finde, dass die Verkehrsdichte zugenommen hat.“ Auf subjektive Empfindungen ließ sich Anke Baute nicht ein. „Die Zahlen liegen nun mal vor, welche soll ich sonst nehmen?“, fragte sie in die Runde. Zuhörer Heiko Kothe hätte sich gewünscht, dass die Pendler aus den Landkreisen Osterholz und Rotenburg jeweils separat erfasst worden wären. Dies hätte den finanziellen Rahmen gesprengt, sagte die Behördenvertreterin, und Gernot Burghardt wies zudem auf lauernde Ungenauigkeiten hin. Seit einigen Jahren dürften Autofahrer ihr Kennzeichen auch bei Umzügen mitnehmen, so der Liberale.

Nicht ausgeschlossen ist aus Sicht der Expertin, dass der tägliche Stau und das Empfinden von höherer Verkehrsdichte mit einer grundsätzlichen Umkehr in der Politik zu tun habe. Die Ampelphasen seien in der Vergangenheit vermehrt im Sinne von Fußgängern und Radfahrern und zum Nachteil vom fließenden Verkehr verändert worden, hatte ein Bürger nämlich vermutet. Verbesserungsvorschläge gab es in der Klüver-Halle auch. Um Borgfelds Straßen zu entlasten, schlug Heiko Kothe eine Stärkung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und eine andere Tarifstruktur für die Straßenbahnlinie 4 vor. „Dann würden die Pendler schon in Lilienthal in die Bahn steigen und nicht die Park-and-ride-Plätze in Borgfeld anfahren,“ sagte der Bürger zum Ende der Aussprache.

Der Beirat hat die Erhebung aus dem Haus des Senators zunächst zur Kenntnis genommen. Aber erledigt sei das Thema Verkehr deshalb nicht, sagte Beiratssprecher Karl-Heinz Bramsiepe (CDU) auf Nachfrage. Die Ortspolitik müsse den vorgelegten Zahlen vertrauen und auf dieser Grundlage weiter beraten. Dies sollte im zunächst im dafür zuständigen Ausschuss geschehen.

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