Landwirte ärgern sich über Vorgaben

Viele Feldränder blühen nicht mehr

Viele Jahre hat Jürgen Schöne den Rand seines Maisackers in Schwanewede mit Wildblumen in eine Augenweide verwandelt. Dieses Jahr aber hat er keinen Blühstreifen angelegt. „Aus Protest.“
13.08.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Gabriela Keller

Was ihn auf die Palme bringt, ist eine neue Vorgabe des niedersächsischen Agrarministeriums. Danach müssen Landwirte, die auf eigene Kosten oder mit Unterstützung durch Landvolk, Jägerschaft oder Naturschutzverbände einen Blühstreifen anlegen, die Saat bis 1. April ausbringen. Andernfalls droht ihnen eine Kürzung der Flächenprämie. „In den vergangenen Jahren konnte ich bis Anfang Juni aussäen“, sagt Schöne. 2008 legte der Brundorfer Landwirt in Zusammenarbeit mit der Aktionsgemeinschaft Bremer Schweiz an seinem Ackerrand erstmals einen Blühstreifen an. Der jetzt vorgeschriebene frühere Einsaattermin behindere ihn bei der Feldbestellung, so der Landwirt. „Ich müsste den Blühstreifen schon anlegen, obwohl ich meinen Acker bis dahin noch gar nicht fertig bearbeitet habe.“ Um das Feld zu bestellen, müsste er den Blühstreifen überfahren. Das wiederum sei nicht erlaubt. „Praktisch ist das nicht umsetzbar“, sagt Schöne.

Kein Einzelfall

Deshalb setzt er den Blühstreifen diesmal aus. Kein Einzelfall. Auch andere Feldränder im Landkreis werden in diesem Jahr nicht aufblühen. Seit 2011 bringt der Landvolk-Kreisverband Osterholz in einer gemeinsamen Aktion mit Jägern und Imkern Ackerränder zum Blühen. In den vergangenen Jahren ist es gelungen, immer mehr Landwirte für die Aktion ins Boot zu holen. Hatten sich nach Angaben des stellvertretenden Landvolk-Geschäftsführers Christoph Bommes vor drei Jahren noch 20 Landwirte beteiligt, waren es 2013 schon 60 und im vergangenen Jahr 80. Jetzt ist der Höhenflug der Blühstreifen-Aktion jäh gestoppt. Die Teilnehmerzahlen sind eingebrochen. Nur noch zehn Landwirte beteiligen sich laut Bommes diesmal. Zwölf Hektar Blühstreifen seien 2014 im Landkreis angelegt worden. In diesem Jahr wird es nach Schätzung des Landvolks-Vertreters nur auf sechs Hektar Fläche blühen.

Grund für die Zurückhaltung der Landwirte sind laut Bommes veränderte Bedingungen für die Agrarförderung im Land Niedersachsen. Um die Flächenprämie zu kassieren, hätten Landwirte Blühstreifen bislang in ihrem Antrag nicht extra ausweisen müssen. Es habe gereicht, die Gesamtfläche des Ackers anzugeben. Das sei seit diesem Jahr anders. „Landwirte müssen die Fläche für den Blühstreifen jetzt quadratmetergenau ausweisen. Tun sie das nicht, drohen ihnen bei Kontrollen durch die Landwirtschaftskammer Sanktionen in Form von Prämienabzügen.“

Landvolk: Zu großer Aufwand

Beim Landvolk-Kreisverband schüttelt man den Kopf über die neue Vorgabe. „Das ist ein nicht zu bewältigender Aufwand für die Landwirte“, meint Bommes. Übliche Messverfahren würden im Hektarbereich arbeiten. Jetzt aber solle die Fläche auf den Quadratmeter genau angegeben werden. „Das ist technisch kaum machbar.“ Die Förderbedingungen des Landes seien praxisfern, kritisiert Bommes auch mit Blick auf den Aussaattermin 1. April. Später angelegte Blühstreifen hätten den Vorteil, dass Niederwild wie Hase, Fasan oder Rebhuhn auch nach dem Abernten der Felder noch Deckung finden.

Auch Bienen profitierten von einer späteren Blüte von Phacelia und Co. Sie helfe den Völkern, vor dem Winter noch genug Futterreserven aufzubauen. „Die größte Trachtlücke für Bienen gibt es von Anfang August bis in den November“, erklärt Eckart Spaethe. Gerade in dieser Zeit sei es wichtig, den Insekten mit einem Blühstreifen zu helfen, so der Vorsitzende des Imkervereins Teufelsmoor.

„Im September und Oktober werden die jungen Bienen erzeugt, die die Völker über den Winter bringen. Die Larven brauchen dann die Eiweiße, Fette, Vitamine und Mineralien aus den Pollen der Blühpflanzen.“ Bei einer frühen Aussaat stünden manche Wildblumen aber nicht mehr als Nahrungsquelle zur Verfügung. „Phacelia oder auch Sonnenblumen wären bis August längst verblüht.“ Ein früher Einsaattermin birgt laut Spaethe noch eine Gefahr. Spätfröste könnten die Saat zunichte machen.

In Absprache mit den Imkern wurden die Blühstreifen im Landkreis in den Vorjahren laut Landvolk-Vertreter Bommes meist ab Mitte Mai angelegt. 6000 bis 8000 Euro steckten Landvolk und Jägerschaft nach seinen Worten pro Jahr in die Aktion. Die Aussaat durch zwei Lohnunternehmen werde finanziert und ein Teil des Saatgutes. Die Initiatoren werden unterstützt. „Die Raiffeisenwarengenossenschaft Gnarrenburg, die Aktionsgemeinschaft Bremer Schweiz und der Hansa-Landhandel in Zeven sponsern Saatgut.“ Außerdem helfe der Betreiber einer Biogas-Anlage in Worpswede kostenlos bei der Einsaat.

Zu den zwei Lohnunternehmen, die Blühstreifen anlegen, gehört die Firma Rönner in Aschwarden. In diesem Jahr brauchten die Mitarbeiter nicht lange für die Arbeit. „Wir haben für drei Landwirte in der Gemeinde Schwanewede Blühstreifen angelegt. An einem Tag war alles erledigt“, erzählt Disponent Stephan Meyer. In den Vorjahren hat das Unternehmen für rund 20 Landwirte im Kreis Ackerrandstreifen eingesät. „Da waren wir ein paar Tage unterwegs.“ Trotz der geringen Beteiligung von Landwirten in diesem Jahr bleibe das Unternehmen nicht auf Saatgut-Massen sitzen. „Wir haben immer einen gewissen Vorrat. Was jetzt übrig geblieben ist, wird im nächsten Jahr verbraucht.“

Auch in Ritterhude ist es nicht bunt

Auch auf einem Ackerrandstreifen in Ritterhude treiben es Phacelia, Malven und Sonnenblumen in diesem Jahr nicht bunt. Aus Ärger über die neuen Vorgaben verzichtet Landwirt Carl-Wilhelm Rathjen auf den Blühstreifen, den er in den vergangenen zwei Jahren auf einem Maisfeld anlegen ließ. „Das ist arbeitswirtschaftlich absoluter Blödsinn“, kritisiert er die neue Einsaatfrist. Da hätten Bürokraten am grünen Tisch entschieden. Zum 1. April habe er sein Feld noch gar nicht bestellt. „Der Mais wird erst Mitte April bis Anfang Mai bestellt“, so Rathjen. „Zum Düngen, Kalkstreuen, Pflügen und für die Maiseinsaat müsste ich ständig über den Blühstreifen fahren.“ Die neue Regelung, nach der Blühstreifen quadratmetergenau auszuweisen sind, kommentiert der Ritterhuder mit einem Wort: „Schwachsinn.“ Den Arbeitsdruck für die Landwirte, der schon hoch genug sei, werde das verschärfen.

An der Blühstreifen-Aktion im Landkreis habe er sich als Landwirt und leidenschaftlicher Jäger gern freiwillig beteiligt. Um ein Zeichen zu setzen für Artenvielfalt und Naturschutz. „Wir waren auf einem guten Weg. Jetzt kommt die Bürokratie und macht alles kaputt. Das ist jammerschade.“

Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer wirbt indes für die Blühstreifen-Förderprogramme des Landes. Im ersten Jahr der neuen EU-Förderperiode, die 2014 gestartet ist, habe sich der Anteil der Blühstreifen im Land von 9000 auf 14 000 Hektar erhöht. Mit rund 3150 Anträgen nähmen mehr Betriebe als zuvor am Programm teil. Für den Brundorfer Landwirt Jürgen Schöne und seinen Ritterhuder Kollegen Carl-Wilhelm Rathjen kommen die subventionierten Programme nicht infrage: „Zu kompliziert, zu viele Restriktionen.“

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