Losgezogen: Martin Schnackenberg ist in Wilstedt aufgewachsen und jetzt Lehrer in Kairo Vom Dorf in eine 20-Millionen-Stadt

Wilstedt·Kairo. Hupende Autos. Sie stehen Stoßstange an Stoßstange und kommen keinen Zentimeter voran. Eine Masse Blech, die weder vor noch zurück kann. Vermutlich steckt er gerade wieder mitten drin. Der tägliche Zusammenbruch auf den Straßen ist für Martin Schnackenberg längst zum Lebensbegleiter geworden. Es ist das übliche Bild, wenn sich in einer 20-Millionen-Stadt die Menschen auf den Weg zur Arbeit machen. Wie Martin Schnackenberg, der aus Wilstedt stammt und seit einigen Jahren in Kairo Lehrer ist.
05.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Ulrike Schumacher

Wilstedt·Kairo. Hupende Autos. Sie stehen Stoßstange an Stoßstange und kommen keinen Zentimeter voran. Eine Masse Blech, die weder vor noch zurück kann. Vermutlich steckt er gerade wieder mitten drin. Der tägliche Zusammenbruch auf den Straßen ist für Martin Schnackenberg längst zum Lebensbegleiter geworden. Es ist das übliche Bild, wenn sich in einer 20-Millionen-Stadt die Menschen auf den Weg zur Arbeit machen. Wie Martin Schnackenberg, der aus Wilstedt stammt und seit einigen Jahren in Kairo Lehrer ist.

Er hat sich damit arrangiert und räumt dem täglichen Stillstand in seinem Terminkalender die erforderliche Zeit ein. Der 41-Jährige nimmt es geduldig hin, vor und nach der Schule mit Warten zubringen zu müssen. Er ist gern eingetaucht in das pulsierende Leben Kairos. Sonst wäre er nicht wieder dorthin zurückgekehrt. Diese Geschichte handelt von einem, der zweimal loszog.

Sein Lebensweg beginnt im ländlichen Wilstedt. Hier verbringt er seit 1969 seine Kindheit und Jugend. Bis zur zehnten Klasse besucht Martin Schnackenberg die Kooperative Gesamtschule (KGS) in Tarmstedt. Dann wechselt er auf das landwirtschaftliche Fachgymnasium in Bremervörde, um dort das Abitur zu machen. "Mit meiner Kindheit und Jugend in Wilstedt verbinde ich sehr schöne Erinnerungen", erzählt er. Martin Schnackenberg wächst dort auf einem Bauernhof auf. Er stromert übers Land und fühlt sich "total frei". Er buttjert mit seinen Freunden durch die Natur und findet Gefallen an der Landwirtschaft. Wenn es etwas anzupacken gibt, ist er dabei. "Das hat mir Stabilität fürs Leben gegeben", ist er überzeugt. Aber war Wilstedt womöglich doch zu beschaulich, dass es ihn fort zog? Dass er Wiesen, Wald und plattes Land gegen die gewaltige Kulisse einer sich permanent ausdehnenden Stadt eintauschen musste? Raus aus dem 1700-Seelen-Dorf und hinein ins quirlige Leben einer ägyptischen Großstadt?

In der es obendrein noch gefährlich sein kann.

Es ist wohl eher so, dass dieser Schritt gerade wegen des Landlebens, wegen der festen Wurzeln, die er dort schlagen konnte, möglich wurde, erzählt der ehemalige Wilstedter, den wir über sein Handy erreichen. Nicht in Kairo, sondern in Lüneburg, wo er nach dem Studium zunächst lebte und wo er mit seiner Familie nun eine Zwischenstation einlegt, als die Lage in Kairo unberechenbar wird. Die Deutsche Schule der Borromäerinnen, an der Martin Schnackenberg unterrichtet, liegt nur einen halben Kilometer vom Tahrir-Platz entfernt, auf dem sich die Bevölkerung gegen das Regime von Präsident Husni Mubarak auflehnt.

"Ich habe mich in all den Jahren in Ägypten niemals unwohl gefühlt", betont Schnackenberg. Dennoch - als die Proteste unkalkulierbar werden und Gefahr drohen könnte, beschließen Martin Schnackenberg und seine ägyptische Ehefrau Doaa, mit den vier Kindern - das jüngste ist gerade sechs Wochen alt - das Land für kurze Zeit zu verlassen. "Die Situation war sehr unklar, und dann muss man an die Familie denken", erzählt er. Inzwischen sind die Schnackenbergs wieder nach Kairo zurückgekehrt. Mit einem guten Gefühl.

Im Grunde hätten ihn die Unruhen nicht überrascht. "Viele junge Leute haben für sich nicht genügend Perspektiven." Er habe damit gerechnet, sagt er, dass es "Nachfolgekämpfe gibt, wenn Mubarak abtritt". Jetzt ging alles viel schneller, und Martin Schnackenberg findet, dass die Ägypter "wirklich stolz sein können auf ihren friedlichen Protest". Er blickt voller Hoffnung auf die politische Lage. Über das Militär gebe es jetzt eine Stabilität, in der in Ruhe eine Verfassung erarbeitet werden könne. "Für das ägyptische Selbstbewusstsein ist es sehr wichtig, was da passiert ist."

Die Stadt kostet Kraft

Direkt nach dem Abitur mag es ihm nicht in den Sinn gekommen sein, dass er einmal dort leben würde. Noch nicht einmal der Lehrerberuf steht auf seinem Plan. Martin Schnackenberg lässt sich erstmal beim großen Bremer Autobauer zum Industriemechaniker ausbilden. Als die drei Jahre fast um sind, geht ihm ein Gedanke durch den Kopf: "Du kannst ja nochmal was anderes machen." Er möchte studieren. In Oldenburg. "Meine Neigungsfächer", erinnert er sich. Geschichte und Deutsch, für das Lehramt. "Man sollte nicht schauen, wo verdien' ich am meisten", lautet der Ratschlag, den Martin Schnackenberg auch seinen Schülern mit auf den Weg gibt. "Wichtig ist, dass man das, was man macht, gern macht." Dass man sich mit seinem Job identifiziert. Seit 14 Jahren arbeitet er jetzt in seinem Beruf. Noch immer kann er unterstreichen: "Der Weg ist richtig für mich."

Dass der ihn nach Kairo führen könnte, entdeckt Schnackenberg eines Tages in der Wochenzeitung "Die Zeit". Er steckt noch in seiner Referendariatszeit in Lüneburg, als er zwischen den Stellenangeboten auf eine Annonce der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo stößt. Den Nahen Osten kannte er schon. Als Historiker hatte Martin Schnackenberg mehrere Exkursionen dorthin unternommen. Die Stelle reizt ihn. "Das war ein letztes Aufflackern von Abenteuer", beschreibt er seinen Entschluss, nach dem Referendariat viele tausend Kilometer südlich von Lüneburg ins Berufsleben zu starten.

Von 1999 bis 2003 unterrichtet er in Kairo die Kinder wohlhabender Ägypter und von Ingenieuren, Diplomaten oder Lehrern verschiedener Nationen. Als sein Vertrag ausläuft, kehrt Martin Schnackenberg nach Deutschland zurück und arbeitet sechs Jahre lang an einem Lüneburger Gymnasium. Dann zieht es ihn 2009 wieder in den Nahen Osten.

Diesmal bekommt Martin Schnackenberg an der Deutschen Schule der Borromäerinnen eine Stelle. Die Schule wurde 1904 in Kairo gegründet. 98 Prozent der 800 Schülerinnen sind Ägypterinnen. Unterrichtet wird auf Deutsch. Als der Aufstand ausbricht, stehen seine Schülerinnen gerade vor ihren Abiturprüfungen. Sie fallen aus, "und jetzt wird es ein Notabitur", sagt ihr Lehrer, der mit seiner Familie in einem mehrstöckigen Haus eine große Wohnung bezogen hat. Sie leben in einem ehemaligen Vorort, den sich die Stadt längst einverleibte.

"Kairo ist anstrengend", sagt Martin Schnackenberg. "Einkaufen, Arztbesuche und andere Erledigungen kosten viel Kraft, weil die Stadt so voll ist." Aber auf der anderen Seite wiegen die positiven Aspekte viel: "Für die Kinder ist es eine einmalige Chance, eine gute zweisprachige Ausbildung zu bekommen." Das Land biete außerdem schöne Möglichkeiten zu reisen, "und die Ägypter sind freundliche und liebe Menschen".

Nicht zuletzt mag er seine Arbeit. "Die Schüler sind sehr lernbereit", sagt er. Sie seien sehr interessiert und sehr diszipliniert. "Das Schulsystem verlangt sehr viel von ihnen." Martin Schnackenberg spürt es auch an seinen eigenen Kindern. Seine Tochter hat in der ersten Klasse 35 Unterrichtsstunden. Das sei zwar hart, "aber später", ist er sicher, "werden sie froh darum sein, das gelernt zu haben". Anderthalb Jahre wird sein Arbeitsvertrag noch laufen. "Und dann muss man weitersehen."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+