Landkreis feiert 125-jähriges Bestehen: Ein Blick auf die Kreisblatt-Meldungen rund um das Gründungsjahr 1885 Vom Kaiser bis zum Wunderdoktor

Osterholz-Scharmbeck. Bereits 1884 berichtete das 'Kreisblatt für den Kreis Osterholz' über regionale und weltweite Themen. Ein Blick in damalige Ausgaben zeigen Meldungen, die ein Jahr vor der Gründung des Landkreises im Jahr 1885 aktuell waren.
06.04.2010, 18:01
Lesedauer: 4 Min
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Von Lutz Rode

Osterholz-Scharmbeck. Was gibt es Neues aus den Adelshäusern? Was hat sich in der Welt, im Bremischen und in der Provinz Hannover ereignet? Das 'Kreisblatt für den Kreis Osterholz' berichtete 1884 vier mal wöchentlich darüber. Auch die Verschmelzung der Ämter Lilienthal und Osterholz zum Osterholz-Scharmbeck war dem Blatt eine Notiz wert: 'Die Kreis- und Provinzialordnung hat die Bestätigung des Kaisers erhalten', verkündete die Zeitung am 13. Mai 1884. Ein Jahr später trat die von Wilhelm I. abgesegnete Verordnung in Kraft - eine Art Geburtsurkunde, auf die sich der Landkreis beruft, wenn er heute sein 125-jähriges Bestehen feiert.

Immer dienstags, donnerstags, sonnabends und sonntags wurden die Kreisblatt-Leser mit Neuigkeiten aus der Welt und der Region versorgt. Die Ausgaben hatten bis zu vier Seiten. Kreisblätter aus dem Gründungsjahr des Landkreises sind nicht mehr vorhanden.

Doch fündig wird man zum Beispiel im Jahr davor. Was erfuhren die Leser des Kreisblatts in jener Zeit? Welche Themen sorgten für Schlagzeilen? Immer ein Fall für die Seite eins war so ziemlich alles, was in der kaiserlichen Familie in Berlin gerade passierte. Selbst die An- und Abwesenheit seiner Majestät und von Ehefrau Kaiserin Augusta im Berliner Palais schlug sich in der Berichterstattung nieder. 'Die Abreise des Kaisers dürfte am 10. oder 12. des Monats erfolgen. Gleichzeitig soll auch die Kaiserin Berlin verlassen', konnten die Kreisblatt-Leser am 6. Mai 1884 zur Kenntnis nehmen. Wer unter der Rubrik 'Tagesgeschichte' weiterlas, wurde aber auch darüber aufgeklärt, dass Prinz Heinrich von Preußen demnächst seine Sommerresidenz in Potsdam bezieht, der Herzog von Braunschweig erkrankt ist, der Großherzog von Hessen heiraten will und dass sich der General Graf von Blumenthal einer Augenuntersuchung unterzieht.

Natürlich gab es auch handfeste politische Neuigkeiten, etwa zum Sozialistengesetz. Nach zwei Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. und aus Furcht vor einer Revolution infolge der wirtschaftlichen Depression hatte Reichskanzler Otto von Bismarck am 21. Oktober 1878 im Reichstag das 'Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" durchgesetzt. Es war auf zweieinhalb Jahre befristet, wurde jedoch bis 1890 mehrmals verlängert. 1884 war es wieder einmal soweit: 'Sozialistengesetz: In den parlamentarischen Kreisen erhält sich die Meinung, dass dasselbe schließlich doch noch eine, wenn auch kleine Majorität im Plenum finden werde', lautete die Nachricht, die die Kreisblatt-Leser erreichte.

Das Kreisblatt lieferte die Zahlen

Die Zeit um 1884 war auch jene Epoche, in der viele Deutsche ihre Heimat verließen, um in Übersee ihr Glück zu suchen. Die Osterholzer Zeitung lieferte die Zahlen dazu: Demnach waren es im ersten Vierteljahr 1884 genau 29 782 Menschen, die über die deutschen Häfen und Antwerpen ausgewandert waren.

Dass sich auf den Auswandererschiffen wahre Dramen abspielten, belegt eine Geschichte, die wenige Tage später im Kreisblatt erschien: Der Kohlenzieher Hermann Wolff aus Bremerhaven war demzufolge auf dem Weg nach Baltimore über Bord des Lloyddampfers 'Hohenzollern' gesprungen und ertrunken. Wie viele Menschen zu dieser Zeit hatte auch der Bremerhavener versucht, das Geld für die Passage nach Übersee zu sparen und als Kohlenzieher angeheuert. Die harte körperliche Arbeit, so berichtet das Kreisblatt, waren diese Leute oft nicht gewöhnt. Wenn dann noch die Seekrankheit dazu kam, sahen die Betroffenen oft keinen anderen Weg mehr, als ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Skeptisch betrachtete man in Osterholzer Gefilden, was in Fernost alles so passierte. So findet sich im Mai 1884 unter der Rubrik 'Vermischtes' eine Meldung über eine 'seltsame Industrie', die in China weit verbreitet sei. 'Es ist dies der Einsatz von Rattenfleisch, welches immer weitere Liebhaber findet', heißt es. Unter den chinesischen Bauern sei die Rattenzucht weit verbreitet. Sie hätten 'sehr oft Rattenzüchterei wie wir Taubenschläge', schrieb das Kreisblatt.

Natürlich verbreitete das Kreisblatt in einer eigenen Rubrik auch 'lokale Notizen und Correspondenzen': Der Ausbau des Telefonnetzes war zum Beispiel ein Thema. Am 26. April 1884 erfuhren die Leser, dass die 'Telefonleitung, welche die Postagentur in Scharmbeck mit dem Postamte am Bahnhof verbindet' bis 'zum Nachbarort Hambergen' verlängert werden soll. Der Aufbruch in diese neuen Zeiten mag manchen daran erinnern, wie heute über den Ausbau des Breitband-Netzes im Landkreis diskutiert wird.

Am 18. Mai 1884 warnte das Kreisblatt vor einem Schwindler, der sich laut Bericht für einen 'Wunderdoktor' ausgegeben und sich gerühmt hatte, 'allen an Gicht und Rheumatismus Leidenden Erleichterung und Heilung' bringen zu können. 'Die Erleichterung tritt in der Regel ein, das heißt für den Geldbeutel des Patienten', stellte die Zeitung fest. Die Heilung bliebe in der Regel aus.

Aus Grasberg erreichte die Leser die Nachricht von einem 'betrübenden Unglücksfall': Ein Mann war in Dannenberg samt Pferd und Wagen an einer Brücke in einen Graben gestürzt. Er, so schrieb das Kreisblatt, konnte 'leider nur als Leiche' aus dem Wasser geborgen werden. Das Pferd dagegen habe nur unbedeutende Verletzungen davon getragen.

Wer selbst einmal einen Blick in das Kreisblatt aus früheren Zeiten werfen möchte, kann dies im Kreisarchiv in Osterholz-Scharmbeck tun. Die Ausgaben sind auf Microfiches archiviert, ein Lesegerät steht dort zur Verfügung. Die Verfilmung wurde vorgenommen, um die Zeitungen auf Dauer für die Nachwelt zu erhalten. Die Papierausgaben sind zu empfindlich, als dass man darin blättern könnte. Außerdem zerfällt das Papier mit den Jahren.

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