Tag des offenen Denkmals: Heimatkundler Hansdieter Kurth führt durch die ehemalige Molkerei Hagen Von der Milch zur Limo

„An der Laderampe wurden die Milchkannen mit Pferd und Wagen angeliefert.“ Hansdieter Kurth, Heimatkundler Hagen.
15.09.2015, 00:00
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Von Andrea Grotheer

Eine Drucksache des Königlichen Amtsgerichts Hagen erreichte H. Rönner in Wittstedt Anfang 1902. „Sie werden hierdurch benachrichtigt, dass Sie in die Liste der Genossen der Molkerei Hagen unter der Nr. 1 eingetragen sind“, heißt es auf der Karte. Das vergilbte Dokument wurde am 19. Februar 1902 abgestempelt und bezeugt die Gründung der Hagener Molkerei. Eine eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht. Am Tag des offenen Denkmals führte Heimatkundler Hansdieter Kurth nun Besucher durch das geschichtsträchtige Gebäude. Dieses Jahr stand der Tag unter dem Motto: „Handwerk, Technik, Industrie“.

„Um die Jahrhundertwende boomte der Bau von Molkereien, der Kunstdünger und die Zentrifuge wurden erfunden, die Intensivtierhaltung eingeführt und Arbeitsplätze geschaffen“, berichtete Kurth beim Gang über das ehemalige 9000 Quadratmeter umfassende Molkereigelände „Am Börsten“. Dabei erzählte er den Besuchern, wie dort früher gearbeitet wurde. Allerdings musste er ihnen auch berichten: „Das Gebäude, das mit seinem 25 Meter hohen Schornstein schon von weitem zu sehen ist, steht nicht unter Denkmalschutz.“

Die Bauarbeiten für die Molkerei Hagen begannen im April 1902. Bereits im Dezember des selben Jahres konnten die Maschinen im Betriebsgebäude ihre Arbeit aufnehmen. Für damalige Verhältnisse war der Betrieb auf das Modernste eingerichtet. Schon 1905 wurde der erste Reingewinn von 5000 Goldmark erzielt. „An der Laderampe wurden die Milchkannen mit Pferd und Wagen angeliefert; die Ankunftszeit der Lieferanten war zeitlich gestaffelt, damit die Rohmilch während der Wartezeit auch bei höheren Temperaturen nicht schlecht wurde“, erklärt Hansdieter Kurth den gut 50 interessierten Zuhörern. Später wurden aus den Milchfuhrleuten dann Milchtankwagenfahrer. Manch einer lieferte über mehrere Jahrzehnte die Milch am Börsten ab. Zum Einzugsgebiet der Molkerei gehörten nach Aufzeichnungen aus dem Jahre 1966 Hahnenknoop, Wittstedt, Heise, Weißenberg, Driftsethe, Kassebruch, Hagen, Hagen-Börsten, Bramstedt, Harrendorf, Dorfhagen, Albstedt und Hoope. In dem Jahr erreichte das Unternehmen erstmals die elf Millionen-Liter-Grenze bei der Anlieferung.

Von der Existenz der Molkerei zeugt im Gebäude, das heute Sitz der Auto Nagel GmbH ist, nicht mehr viel, im ehemaligen Produktionsraum werden Autos abgestellt, in den oberen Etagen sind Wohnungen. Nur die alten Fliesen im Produktionsraum sind noch zu sehen. „Hier stand vermutlich das Herzstück der Molkerei, die Zentrifuge, die die Rohmilch in Rahm und Magermilch trennte“, so Hansdieter Kurth. Vorher musste die Milch in den Erhitzer, um Bakterien abzutöten.

Ein Problem sei der niedrige Grundwasserspiegel gewesen: „100 000 Liter Wasser pro Tag benötigte die Molkerei für ihre Produktion“, erzählt er weiter. Positiv seien die Anlieferungsbedingungen aufgrund der verkehrsgünstigen Lage gewesen.

Viele der Besucher kennen das Unternehmen noch aus früheren Tagen. „Ich bin als Kind vor mehr als 60 Jahren aus Hahnenknoop mit zur Molkerei gefahren“, erinnert sich Heiko Seibt. Und Ria Nagel erzählt von ihrer Schwiegermutter, Erika Nagel, die als Bürokraft in den 1940er-Jahren die Buchführung erledigt hat: „Betriebsleiter Carl Ebeling hat immer darauf gedrungen, dass alles stimmend sein musste und nicht stimmig gemacht wurde“, erinnert sie sich schmunzelnd an Erzählungen der Schwiegermutter, die besonders gut im Kopfrechnen war. 1953 wurde die Molkerei um ein zweites Standbein erweitert, eine Kartoffeldämpfanlage wurde angeschafft. „Von morgens 5 bis abends 22 Uhr werden in zwei Schichten 1500 bis 1600 Zentner Kartoffeln gedämpft und in hochwertiges Futtermittel verwandelt“, berichtete damals die lokale Presse. Durch schnelle Verwertung sollten die Landwirte vor größeren Verlusten durch Fäulnis bewahrt werden. „Die Kartoffeln dampften von den Hängern, manchmal kleckerte auch etwas auf die Straße“, erinnern sich einige Besucher. 1958 erfolgte ein Um- und Erweiterungsbau, damals besaß das Unternehmen zwölf eigene Molkereifahrzeuge, es wurde ein neues Labor zur Untersuchung auf Fettgehalt und Säuregrade eingerichtet, die Käserei erhielt eine Käsewanne mit halbautomatischem Rührwerk.

1971 wurde der Betrieb eingestellt. Ein Jahr später zog die Stoteler Brotfabrik ein. Deren Räumlichkeiten waren abgebrannt. Pro Schicht wurden 3200 Kilogramm Brot gebacken. 1976 begann ein weiteres Kapitel der ehemaligen Molkerei: „Die Hagener Erfrischungsgetränke Industrie hatte hier ihren Sitz“, sagt Hansdieter Kurth. Tafelwasser sowie Orangen- und Zitronenlimonade habe man produziert. Eine alte Flasche hat Erich Glabbatz an diesem Tag des offenen Denkmals dabei. Selbst der Preis klebt noch auf dem Kunststofferzeugnis.

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