Drei Jahre und einen Tag lang darf Zimmermannsgeselle Malte Braun seinen Heimatort nicht mehr betreten Wanderschaft ist kein Schonwaschgang

Wenn einer beim Fortgehen aus seinem Dorf übers Ortsschild klettert, dann steckt etwas Besonderes dahinter. Malte Braun hat Frankenburg auf genau diese Weise verlassen. Der 21-jährige Zimmermannsgeselle ist auf Wanderschaft gegangen.
14.06.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ulrike Schumacher

Wenn einer beim Fortgehen aus seinem Dorf übers Ortsschild klettert, dann steckt etwas Besonderes dahinter. Malte Braun hat Frankenburg auf genau diese Weise verlassen. Der 21-jährige Zimmermannsgeselle ist auf Wanderschaft gegangen.

Lilienthal. Der junge Mann lässt sich auf die Knie sacken und sieht fassungslos auf den Suppenlöffel, den ihm jemand in seine rechte Hand drückt. "Damit?" Der fragende Blick bleibt ohne Antwort. Also gut. Der Boden unter seinen Knien ist hart wie Beton. Darüber ein wilder Wuchs aus hohem Gras. Malte Braun rammt den Löffelstiel in die Kruste und prökelt die ersten Erdkrumen heraus. Schon bald zeigt sich eine kleine Mulde. Ohne Unterlass bohrt der 21-Jährige weiter. Am Ende ist das Loch so tief, dass er sich bäuchlings davor legen muss, um seinen starken Arm darin zu versenken. Löffel für Löffel Sand holt er zutage, bis der prüfende Blick auf den Zollstock endlich Ruhe verspricht. Die Haare kleben Malte Braun auf der nass geschwitzten Stirn, als seine Augen ins 80 Zentimeter tiefe Loch schauen. Geschafft! Aber das ist erst der Anfang.

Sie schonen ihn nicht. Die Erfahrenen kennen die Bräuche, und sie sind fest entschlossen, diesen jungen Lilienthaler einzuweihen. Der hat sich vorgenommen, seinem Ort für mindestens drei Jahre und einen Tag den Rücken zu kehren. "Ich wollte schon immer in die Ferne", erzählt er nach der Buddelei ein wenig erschöpft. Und während seiner Ausbildung zum Zimmergesellen hat sich dieser Wunsch mehr und mehr verstärkt. Malte Braun ist seit dem Wochenende ein Wandergeselle. Mit allem, was dazu gehört. Der feucht-fröhliche und mühselige Start liefert den ersten Vorgeschmack auf das, was kommt. Die Wanderschaft ist kein Schonwaschgang.

Sie sind alle gekommen. Die Freunde aus der Landjugend, der Feuerwehr und von der Freilichtbühne, wo er jahrelang mitgespielt hat. So viele, dass der Fußweg vor Maltes Elternhaus gar nicht genug Platz bietet. Eine riesige Traube Menschen schwappt in Frankenburg auf die Landstraße. Wer hier mit dem Auto durch will, drosselt das Tempo auf Schrittgeschwindigkeit. Oder bleibt ganz stehen, um die Seitenscheiben herunterzulassen und dem jungen Mann in seiner schweren schwarzen Cord-Kluft ein paar gute Worte mit auf den Weg zu geben

Ein bisschen bedröppelt stehen Kerstin und Winfried Braun mittendrin. Den Sohn ziehen zu lassen, ist auch für die Eltern ein schwerer Schritt. "Das ist schon komisch auf den letzten Metern", sagt die Mutter. Natürlich war der Plan in den vergangenen drei Monaten immer öfter Thema in der Familie. Doch mit dem Trubel vor ihrer Haustür wird das Vorhaben jetzt zum unmissverständlichen Entschluss. "Und wie fühlst du dich, Malte?", fragt jemand. Die Antwort kommt prompt und ehrlich: "Scheiße."

Die Strapazen des Vorabends stehen dem angehenden Wandergesellen buchstäblich im Gesicht. Der Brauch hatte schon da zugeschlagen. Die sechs Wandersleute, die aus verschiedensten Ecken Deutschlands angereist sind, um Malte Braun in den ersten Tagen zu begleiten, hatten ihn auf eine Werkbank gelegt und einen Nagel durch sein Ohrläppchen geschlagen. Jetzt steckt ein kleiner runder Ohrring in der blutverkrusteten Wunde. "Das gehört alles dazu", sagt sein Kollege Nikolai Wünsche.

Alles benutzen, nichts besitzen

Der Stuttgarter reist in der traditionellen Handwerkervereinigung Rolandschacht und wird dem Lilienthaler in den nächsten zwei Monaten zur Seite sein. Gemeinsam haben sie auch den Charlottenburger geschnürt. Das Bündel aus bedrucktem Stoff mit der Arbeitskleidung, dem Schlafsack und der Wäsche zum Wechseln. Malte Braun schwingt den Charlottenburger über die Schulter und greift nach dem Stenz. So heißt der Wanderstock, der als Ast im Wachstum von kletterndem Geißblatt umschlungen wurde und deshalb seine typische wulstige Form erhält.

So werden sie entspannt tippeln, meint der Stuttgarter. Sich Arbeit suchen und nach Unterkünften Ausschau halten. Im Sommer tut‘s auch die freie Natur. "Das Hotel der tausend Sterne", sagt Wünsche, der vor einem Jahr aufgebrochen ist. "Beim Wandern geht es auch darum, mit sich selbst konfrontiert zu sein und die Eigenarten der verschiedenen Chefs kennenzulernen", weiß er.

Auf ihrer Lebensreise dürfen sie alles benutzen, aber nichts besitzen, erklärt einer aus der Gesellenrunde. Nicht jeden Weg müssen sie sich erwandern. Wenn sie umsonst mitfahren dürfen, umso besser. Mails schreiben und telefonieren ist auch erlaubt, wenn sie jemand lässt. Vielleicht berichtet der Lilienthaler ja mal auf diese Weise, wie es ihm ergeht und ob sein großes Ziel Kanada schon in Sicht liegt. Nur der direkte Weg nach Hause bleibt den Wandergesellen versperrt. Er endet an der Bannmeile im Umkreis von 60 Kilometern.

Zeit aufzubrechen. Zahlreiche Arme umschlingen den kräftigen jungen Mann. Hände klopfen seine Schultern, und nicht nur den Frauen stehen Tränen in den Augen. Ein paar Seniorinnen haben sich aufgereiht, um dem sympathischen Jungen die Wange zu streicheln. Dann geht Malte Braun vor dem Ortsschild auf die Knie, um zu buddeln. Eine Flasche Schnaps muss er hier vergraben. So will es der Brauch. "Und wehe, die gräbt einer wieder aus!", ruft sein Vater. Das darf nur der Wandergeselle selbst, wenn er wieder zurückkehrt. Auf dieselbe besondere Weise, die sie jetzt alle zu sehen bekommen: Der 21-Jährige muss über das Ortsschild klettern, das mindestens doppelt so hoch ist, wie er selbst.

Ein letztes Umarmen mit der Familie, und nun rollen auch bei ihm die Tränen. "Endlich", sagt einer der Wandersleute. "Das ist gut so." Dann wirft Malte Braun mit einem Schwung seinen Charlottenburger übers Schild und zieht sich mit Hilfe der anderen Wandersleute an der Stange hoch. "Fort mit den Sorgen", singen die Gesellen. Und: "Herzgeliebte Eltern, seid nicht so betrübet." Dann bilden sie hinter dem Schild ein Spalier. "Wir sind jetzt deine Familie", rufen sie Malte Braun zu, der auf dem Ortsschild hockt und einen letzten heimatlichen Schluck aus der Pulle nimmt. "Lass dich fallen, wir fangen dich auf." Der Lilienthaler winkt kurz, ruft "Ich bin dann mal weg", landet in dem Netz aus zwölf Armen und marschiert los. Den Blick nach vorn. So will es der Brauch. Auf keinen Fall zurück.

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