Lilienthaler Werkstatt wartet E-Mobil-Flotte Wenn die Post abgeht, passiert das leise

Sie sind knallgelb und ganz leise unterwegs: Neuerdings fahren einige Postboten kleine Elektrowagen. Es werden immer mehr. Inzwischen wartet die Lilienthaler Werkstatt Geffken schon 20 E-Transporter.
16.06.2017, 17:59
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Michael Wilke

Wer vom Falkenberger Kreisel kommt und in Richtung Bremen fährt, sieht die knallgelben Kastenwagen vor dem Autohaus Geffken. Der Motor sitzt vorne unter der Haube, hinter der Fahrertür ragt eine große gelbe Kiste oben ein bisschen heraus. Das ist der Laderaum. Er sieht aus wie ein Paket mit Übergröße. Wenn die Post abgeht, passiert das ganz leise. Geffken wartet und repariert Streetscooter, so heißen die kleinen Elektroautos der Deutschen Post AG. Anfangs waren es drei, inzwischen sind es etwa 20, die die Werkstatt betreut. „Die fangen ja erst an“, sagt der Meister Heiko Schloen. „Grasberg, Tarmstedt, Ritterhude, es kommen ja immer neue Bezirke dazu.“ In Lilienthal sind zwei Streetscooter unterwegs.

Bis zum Jahr 2050 soll jeder Postbote im Elektrowagen oder mit dem E-Bike unterwegs sein, das ist der Plan. Bis dahin will der größte Brief- und Paketdienst der Welt seine gesamte Fahrzeugflotte auf größere und kleinere Transporter mit Elektromotoren umstellen. Inzwischen produziert die Post den Streetscooter selbst in eigenen Fabriken. Der Logistik-Riese hat den kleinen Hersteller mitsamt den Patenten einfach aufgekauft. Jetzt läuft die Serienproduktion. Im vergangenen Jahr kamen bundesweit 10 000 Kleintransporter in den Verkehr, in diesem Jahr sollen es 20 000 sein. Das zweite Werk ist eröffnet, weitere sollen folgen, um die Jahresproduktion auf 100 000 E-Mobile zu steigern. Das geht aus Medienberichten im Internet hervor.

Es ist ein cleverer Schachzug des gelben Riesen. Er will Marktführer für E-Mobile werden und die etablierte Konkurrenz wie Daimler oder VW ins Hintertreffen bringen. Denn er produziert die Streetscooter nicht nur für den Eigenbedarf. Mehr als die Hälfte der Jahresproduktion will der Logistik-Konzern für Kommunen und Unternehmen fertigen. Der Grundpreis steht auch schon fest: 32 000 Euro. Im Blick hat die Post-DHL-Gruppe den Mittelstand mit seiner Masse an Handwerkern ebenso wie die Großunternehmen.

Die Batterie des Streetscooters klebt unter dem Laderaum, der aussieht wie ein Postpaket. Als Thomas Dogansoy das Kraftpaket zum ersten Mal sah, staunte er. „Lauter Zwölf-Volt-Blöcke sind das mit jeder Menge Kabel drauf. Und da blinken LEDs. Das sieht gewaltig aus. Wie eine blinkende Bombe.“ Thomas Dogansoy ist Techniker, er ist der Fachmann für die Streetscooter im Autohaus Geffken, geschult für den Umgang mit den Elektrowagen. Warten, reparieren: Das kann nicht jeder. „Da sind um die 400 Volt verbaut, das ist schon 'ne Hausnummer“, sagt Dogansoy. „Wenn jemand dabeigeht, der sonst nur mit Zwölf-Volt-Batterien zu tun hat, kann das böse ins Auge gehen.“

Dogansoy ist 45 Jahre alt und bald 30 Jahre bei Geffken, ein erfahrener Mann. Hochspannung unter der Ladefläche: Wie gefährlich ist das denn? Der Techniker schüttelt den Kopf. „Das ist schon ein sehr sicheres System. Da sind unheimlich viele Sicherheitseinrichtungen drin.“ Dogansoy erinnert sich an einen Kurzschluss in den letzten zweieinhalb Jahren, den einzigen. Da hat die Steuerungseinheit die Geschwindigkeit gedrosselt und den Motorbetrieb heruntergefahren. „Dann bleibt das Fahrzeug liegen.“

Dogansoys Streetscooter-Welt reicht von Stuhr bis Hambergen. Software-Fehler behebt er im Poststützpunkt. Wenn mehr zu tun ist, nimmt er den E-Transporter auf dem Abschleppwagen mit nach Lilienthal in die Werkstatt. Große Probleme gebe es mit den Elektrowagen nicht, sagen Heiko Schloen, der Werkstattmeister, und Thomas Dogansoy, der Techniker. Mal geht eine Tür nicht auf, mal quietschen die Bremsen so laut, dass es Postkunden und Passanten stört. „Die Fahrzeuge sind ziemlich wartungsarm“, findet Dogansoy. „Das meiste ist reiner Verschleiß.“

Es gibt viel weniger Verschleißteile als an Dieseln und Benzinern. E-Mobile haben keinen Auspuff, keinen Vergaser, Zündverteiler und andere Fehlerquellen. 50 Prozent weniger Wartungs- und Servicekosten und 80 Prozent weniger Reparaturkosten: So wirbt die Post für ihren Streetscooter. Die tägliche Reichweite liegt bei 80 Kilometern, und die Post plant die Touren so, dass alle Fahrzeuge nachts aufgeladen werden.

Fest steht: Die knallgelben E-Mobile sind im Kommen. Nach dem Beginn der Serienproduktion ist die erste Welle auf den Straßen. In der Probephase, die Ende 2014 begann, gab es in der Region zwischen Verden und Cuxhaven, Berne und Bremervörde ganze drei Streetscooter: zwei in Osterholz-Scharmbeck und einen in Lilienthal. „Das sind die Fahrzeuge der ersten Generation“, erklärt Maike Wintjen, Pressesprecherin der Post für das westliche Niedersachsen und Bremen. In Lilienthal fährt inzwischen auch ein Streetscooter der zweiten Generation. In diesem Jahr sind in fünf Monaten 36 Fahrzeuge der zweiten Generation dazugekommen. In Hambergen setzt die Post nun neun gelbe E-Transporter ein, dazu neun in Oyten und elf in Stuhr. Sieben Streetscooter verkehren in der Stadt Geestland im Kreis Cuxhaven.

„Unser Ziel ist es, die Emissionen bis 2050 auf null zu senken und nur noch E-Mobile einzusetzen“, sagt Maike Wintjen. Die Streetscooter sind für die Dörfer, Klein- und Mittelstädte bestimmt. Dort reicht das Ladevolumen für Briefe und Pakete. Für Großstädte wie Bremen sind sie zu klein. Dort will die Post größere batteriebetriebene Transporter einsetzen. Zusammen mit Ford will der posteigene Autohersteller einen Transporter vom Transit-Format bauen. Dazu bekommt das Fahrgestell des Transit einen Elektromotor samt Akku sowie einen Karosserieaufbau nach den Vorgaben der Post. „Wegen des Paket-Booms im Online-Handel brauchen wir in den Großstädten größere Transporter“, erklärt die Sprecherin der Post.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+