IGS-Klassen züchten Hühner und lernen dabei fürs Leben / Kinder motiviert bis in die Fingerspitzen

Wenn ein Ei Beine kriegt

Grasberg. Die Tür zum Klassenzimmer der 6.1 steht sperrangelweit auf.
05.05.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Petra Scheller
Wenn ein Ei Beine kriegt

Ganz vorsichtig gehen die Sechstklässler mit den frisch geschlüpften Küken um. Nach Ende des Projekts werden die Hühner auf ausgesuchte Bauernhöfe verteilt. Die Kinder können dann immer mal gucken, wie es ihren Schützlingen geht.

Petra Scheller

Die Tür zum Klassenzimmer der 6.1 steht sperrangelweit auf. Ein zaghaftes Piepen durchdringt die Stille beim Näherkommen. Seit ein paar Wochen wird in der Sechsten nur noch geflüstert. Die Kinder bewegen sich ruhig und umsichtig durch den Raum. Der Grund: Die Elf- und Zwölfjährigen erwarten Nachwuchs. „Neun Küken sind bereits geschlüpft“, flüstert Klassenlehrerin Beate Elsken.

Die Küken Zip und Aprillo kuscheln sich in ihrem Freilaufgehege eng aneinander. Über ihnen baumelt eine kleine Wärmelampe. Dicht daneben steht ein Futterschälchen mit Hafer, Mais und Weizenkörnern. Ein strombetriebenes Nest thront auf dem Nebentisch. „Das ist die Brutmaschine“, erklärt Matteo. Sein Küken namens Sven ist vor einigen Stunden auf die Welt gekommen, eng kuschelt es sich an den fast gleichaltrigen Gimo. Beide wurden rund 21 Tage lang bei 37,5 Grad im Brutkasten ausgebrütet. „Sonst macht das ja die Henne“, weiß Anika. Die Kinder nehmen die Küken vorsichtig in die Hand und setzen sie vom Brutkasten in die Voliere – dicht umringt von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern. Alle sind mucksmäuschenstill. „Damit sich die Kleinen nicht erschrecken“, flüstert Stanley.

In diesem Moment kommt Johann Brandenburg vorbei. Der Geflügelzüchter will nach Kindern und Küken sehen. Die Eier stammen von seinen Hennen, genauso wie das Equipment und das Wissen um die Aufzucht. Einmal am Tag müssen die Eier um 180 Grad gedreht werden, erklärt Elena. 15 bis 20 Minuten lang werde der Brutkasten täglich gelüftet. „Auch in den Ferien und an Wochenenden.“

Die Kinder seien bei diesem Projekt motiviert bis in die Fingerspitzen, freut sich Klassenlehrerin Natalia Hüsing aus der Nachbarklasse. Der Unterricht laufe wie ganz von alleine. „Die Kinder erinnern mich daran, dass wir die Eier drehen müssen, und wann gelüftet werden muss. Sie kümmern sich selbstständig um Fütterung und Wohlergehen der Tiere.“

Das Spannende sei das Schlüpfen, unterstreichen die Kinder aus beiden Projektklassen einstimmig. „Das ist so cool“, erinnert sich Matteo mit stolzem Blick auf seinen kleinen Sven. Manche Küken hätten länger als einen ganzen Tag gebraucht, um sich aus ihrem Ei zu picken. Andere hätten es auch gar nicht geschafft. „Das war sehr traurig, mein Küken ist gestorben“, so ein Junge aus der 6.1. Dafür kümmere er sich jetzt gemeinsam mit Matteo um den kleinen Sven.

Auch das gehöre dazu, unterstreicht Klassenlehrerin Beate Elsken. „Ehrfurcht vor dem Leben“ sei bei diesem Projekt eines von vielen unterschiedlichen Lehrinhalten. „Was glaubt ihr, warum machen wir so etwas?“, fragt die Deutsch- und Religionslehrerin in die Runde. „Weil Sie uns vertrauen, dass wir mit den Eiern vorsichtig sind“, sagt ein Mädchen. „Damit wir lernen, zuverlässig zu sein. Damit wir leise sind. Weil wir Verantwortung übernehmen sollen. Damit wir sehen, was mit den Eiern passiert“, so die Antworten der Sechstklässler.

Johann Brandenburg lächelt zufrieden. Für ihn sei es wichtig, dass die Aufzucht von Tieren „etwas Natürliches“ bleibe und nichts „Abstraktes“, das die Kinder nur aus Büchern lernten. Nach der Unterrichtseinheit bekommen die Tiere ein neues Zuhause auf ausgesuchten Bauernhöfen. Wichtig sei dabei, dass mindestens fünf bis sechs Küken zusammen blieben. „Die Kinder können dann immer mal gucken, wie es ihren Schützlingen geht“, sagt der Züchter. „Damit sie sich auch später daran erinnern wie es ist, wenn ein Ei Beine kriegt.“

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