Interview zur Kampagne des Jugendamts

Wenn Eltern den Blick aufs Handy richten

Wenn Eltern sich mit dem Handy beschäftigen, dann sind sie abgelenkt. Kinder nehmen dies durch mangelnden Blickkontakt, fehlende Aufmerksamkeit und verringerte Zuwendung wahr.
29.01.2018, 12:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ulrike Schumacher
Wenn Eltern den Blick aufs Handy richten

Wenn Eltern sich mit dem Handy beschäftigen, dann sind sie abgelenkt. Kinder nehmen dies durch mangelnden Blickkontakt, fehlende Aufmerksamkeit und verringerte Zuwendung wahr.

Lino Mirgeler, picture alliance / Lino Mirgeler/dpa

Was ist Eltern wichtiger: die eigenen Kinder oder das Smartphone?

Susanne Kampmann: Das ist ja eine Frage! Ich bin überzeugt, dass den Eltern ihre Kinder ganz, ganz wichtig sind. Und dennoch gibt es das Smartphone, das ganz viel Aufmerksamkeit fordert.

Wenn man sich die Plakate anschaut, mit denen der Familienservice des Jugendamtes Osterholz auf die Kampagne „Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ aufmerksam macht, erhält man einen anderen Eindruck. Da haben Mütter und Väter den Blick auf ihr Handy gerichtet und sehen nicht den fragenden Blick ihres Kindes.

Hanna Ahrens: Ja, damit wollen wir zum Nachdenken anregen. Das Smartphone ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenkenden. Es bietet viele Vorteile, hat aber auch eine Kehrseite: Das Miteinander in der ­Familie kann sich bei ständiger Nutzung des Smartphones schleichend zum Nachteil verändern. Jetzt hat der Familienservice des Jugendamtes das zum Thema gemacht und zum ersten Mal im Rahmen des Netzwerks „Frühe Kindheit“ die Kampagne „Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ gestartet. Sie ist gefördert vom Bundesfamilienministerium, der Bundesinitiative Frühe Hilfen und der Landeskoordinierungsstelle ­Frühe Hilfen beim Niedersächsischen Landesjugendamt. Das Smartphone ist eine technische Entwicklung, die in unser aller Leben stark eindringt. Zudem ist es ein ­Medium, das sehr individualisiert wirkt.

Warum weisen Sie so deutlich darauf hin?

Hanna Ahrens: Es ist eine Möglichkeit, Eltern für ihr Verhalten zu sensibilisieren. Die Plakate zeigen ihnen, wie die Nutzung des Smartphones nach außen wirkt. Und Kinder nehmen ihre Eltern durch diese Außenwirkung wahr.

Susanne Kampmann: Was für Erwachsene zum Beispiel Pause vom Alltag sein kann, kann bei Kindern ganz anders wirken: Für sie ist die Bezugsperson schlicht abwesend. Es fehlen Aufmerksamkeit, Blickkontakt und Zuwendung.

Meinen Sie, dass das den Eltern nicht ­bewusst ist?

Hanna Ahrens: Doch, aber durch die Bilder wird dieses Bewusstsein gestärkt.

Suanne Kampmann: Sie werden stärker sensibilisiert für die Außenwirkung und außerdem darin gestärkt, das Smartphone, von dem eine starke Erwartungshaltung ausgeht, zur Seite zu legen. Ein Beispiel: Kommt auf dem Handy eine Whatsapp an, erwartet der Whatsapper die sofortige Antwort. Wenn ich mich aber gestärkt fühle, kann ich viel besser sagen: Ich setze meine Prioritäten – und antworte dann, wenn es passt.

Was versprechen Sie sich von der ­Kampagne?

Susanne Kampmann: Ich verspreche mir davon, dass Eltern über das Thema ins Gespräch kommen, dass in den Elterncafés und den Kitas über Bindung, kindliche Entwicklung und hier insbesondere Sprachentwicklung und über den Einfluss von Smartphones und Co gesprochen wird. Auch, dass Eltern sich durch die Plakate und Postkarten angeregt fühlen, sich zu informieren. Unsere Mitarbeiterinnen sprechen das Thema außerdem aktiv an. Aus meiner Sicht sind gerade Eltern von kleinen Kindern sehr offen, sich über Vor- und Nachteile der Smartphonenutzung, über Erziehung und Förderung zu informieren und auf Grundlage dieses Wissens die Eltern-Kind-Bindung positiv zu gestalten und so möglichst viele daraus entstehenden Vorteile für sich und Ihre Kinder nutzbar zu machen.

Hanna Ahrens: Ich verspreche mir davon, dass allein der Blick auf dieses Bild Eltern animiert, auf sich selbst zu schauen, sobald sie in Gegenwart ihrer Kinder zum Smartphone greifen. Aber es geht nicht darum, Eltern Vorwürfe zu machen oder mit gehobenem Zeigefinger zu agieren. Im Prinzip ist ein bedachter Umgang mit dem Smartphone ein gesamtgesellschaftliches Thema.

Müssen wir in heutiger Zeit nicht damit ­leben, dass das Handy zum Alltag gehört und eine gewisse Aufmerksamkeit fordert?

Hanna Ahrens: Es sind immer technische Entwicklungen, die das Familienleben verändern. Früher war es das Fernsehen. Dann kamen die Familiensendungen auf den Bildschirm, die dann immerhin die ganze Familie davor versammelten. Aber beim Smartphone ist es anders. Das ist eine sehr individuelle Einrichtung. Kinder können schwer einschätzen, was ihre Eltern da überhaupt machen. Es wirkt auf sie irritierend, wenn ihre Eltern zum Beispiel als Reaktion auf Nachrichten auflachen. Es ist nicht kompatibel mit dem, was Menschen zur Kommunikation bewegt.

Was löst es bei Kindern aus, wenn Eltern ­ihnen Aufmerksamkeit entziehen?

Susanne Kampmann: Wenn Kinder sich an ihre Eltern wenden, dann haben sie ein Bedürfnis. Sie wollen Lob, Anerkennung oder haben Angst. Wenn dieses Bedürfnis nicht gestillt wird, löst das bei den Kindern Stress aus. Es hemmt die Kinder, zur Ruhe zu kommen. Das müssen sie aber, um die erforderlichen Entwicklungsschritte, zum Beispiel in der Sprache, möglichst unbeeinträchtigt bewältigen zu können. Die Verunsicherung der Kinder ist also das größte Problem. Sie haben Fragen, wünschen sich ungeteilte Aufmerksamkeit, aber es bleibt eine Lücke. Daran wird deutlich, dass Eltern und Kinder eine sich wechselseitig beeinflussende Einheit sind.

Hanna Ahrens: Nehmen wir die Spielplatzsituation. Nicht ohne Grund gehen Mutter und Vater mit auf den Spielplatz. Das Kind kann sich völlig sicher fühlen – Mama und Papa sind ja da. Das Kind kann in die Welt butjern und sich dabei sicher sein, dass die Eltern gucken, was sie machen. Das ist wichtig für die Entwicklung. Wenn Kinder aber sehen, meine Eltern reagieren nicht, führt das zu Verunsicherung. Darüber hinaus kann es auch gefährlich sein, wenn Eltern ihre Kinder nicht im Blick haben. Es gibt Umfragen, in denen Eltern zugeben, dass sie bei Unfällen nicht aufgepasst haben, weil sie durch ihr Smartphone abgelenkt waren.

Gibt es Studien zu dem Thema?

Susanne Kampmann: Es gibt Studien aus Skandinavien, aber keine vergleichbaren Studien aus dem deutschsprachigen Raum. Aber es gibt Aussagen von älteren Kindern, die Situationen beschreiben, in denen sie sich von ihren Eltern alleingelassen fühlten. Diese Aussagen in Verbindung mit dem Wissen über die Bindungsentwicklung unterstreichen die Kampagne, Eltern darin zu bestärken, wie wichtig Aufmerksamkeit für die Entwicklung ihrer Kinder ist. Intuitiv machen Eltern mit einem feinfühligen Zugewandtsein schon sehr viel. Manchmal haben sie aber auch Hemmungen ihrer eigenen Intuition zu vertrauen, es umzusetzen. An diesem Punkt versuchen wir, Eltern zu ermutigen, mit ihren Kindern im stetigen Kontakt zu sein, ihnen Zuwendung zu geben und auf ihren inneren Impuls zu hören.

Hanna Ahrens: Wir sind sicher, dass Eltern ihre Sache gut machen. Wir sehen aber auch, dass die hochgradige technische Weiterentwicklung den Erziehungsalltag der Eltern nicht immer leichter macht. Deshalb wollen wir die Eltern stärken, sich diesen Herausforderungen zu stellen und ihr Verhalten in anscheinend alltägliche Situationen im familiären Zusammenleben öfter mal zu reflektieren.

Susanne Kampmann: Ziel ist es, mit Wissen über Bindung und Sprachentwicklung Eltern zu unterstützen, einen reflektierten Umgang mit Smartphone und Co zu finden. Dazu passt ein Zitat des Kinder- und Jugendlichenpsychiaters und Bindungsforschers Karl Heinz Brisch: „Mit einer sicheren Bindung werden die Eltern große ­Freude an ihrem Kind haben, weil sicher gebun­dene Kinder eine bessere Sprachentwicklung haben, flexibler und ausdauernder Aufgaben lösen, sich in die Gefühlswelt von anderen Kindern besser hineinversetzen können, mehr Freundschaften schließen und in ihren Beziehungen voraussichtlich glück­lichere Menschen sein werden.“

Das Gespräch führte Ulrike Schumacher.

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