Glocken und ihre Geschichten Wenn Glocken erzählen könnten

Sie rufen zum Gottesdienst oder zum Gebet. Gerade zu Weihnachten haben Kirchenglocken wieder viel zu tun. Nicht wenige haben auch eine bewegte Vergangenheit.
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Von Fritz Armbrust

Landkreis Osterholz. Am Heiligen Abend leisten Kirchenglocken Schwerstarbeit. In manchen Kirchen müssen sie mehrfach Gottesdienste einläuten und auch zum „Vaterunser“ erklingen. Fünf Gottesdienste sind es zum Beispiel in der St.-Willehadi-Kirche in Osterholz-Scharmbeck. „Süßer die Glocken nie klingen, … grad als ob Engelein singen, wieder von Frieden und Freud“. Dieses Weihnachtslied lässt an Idylle und heimeligen Klang denken.

Doch Glocke kann auch anders. Das zeigen sie und ihre Türme mit ihren eigenen Geschichten. Eine davon hat sich in den 80er Jahren in der St.-Willehadi-Kirche in Osterholz-Scharmbeck zugetragen, wo drei Glocken zu Gebet und Gottesdienst läuten. „Damals brach plötzlich der Klöppel der mittleren schwersten Glocke ab und sauste herunter“, erzählt Küster Matthias Kluth. Das Teil wog mehr als einen Zentner.

In der Hannoverschen Landeskirche erklingen die Glocken nach der Läuteordnung von 1956. Unter Grundsätzliches heißt es: „Die Kirche weiht und verwendet Glocken zu liturgischem Gebrauch. Die Glocken rufen zum Gottesdienst, zum Gebet und zur Fürbitte.“ Sie würden die Glieder der Gemeinde begleiten von der Taufe bis zur Bestattung als „mahnende und tröstende Rufer des himmlischen Vaters“, so die Läuteordnung. Hinsichtlich ihrer liturgischen Funktionen gibt es die Tauf-, Trau-, Sterbe-, Bet-, Vaterunser- und Sonntagsglocke.

Doch die große Glocke von St.-Willehadi ist auch ein geschichtliches Zeugnis. Denn sie hält in ihrer Inschrift fest: „...gegossen im Jahr Christi 1707 July Monats. Da gewesen Superintendent zu Bremen Herr Doctor Gerhard Meier, Pastor hierselbst Casparus Fabricius. Kirchenjuraten Peter Arfmann, Hinrich Fresen, Marten Wellbrock, Johann von Oehsen – Christof Haugner fecit aus Stade."

Hanns Martin Rincker ist Glocken- und Kunstgießer im hessischen Sinn, in einer von noch fünf in Deutschland bestehenden Glockengießereien. Angesprochen auf die Inschrift sagt er: „Das ist barocktypisch. Außerdem kostet das zusätzlich Geld und ist auch eine Frage der Eitelkeit.“ Die Rinckers fertigen schon seit etwa 1590 Glocken an. Hanns Martin Rincker kommt hinsichtlich seines Berufes ins Schwärmen. Entscheidend ist für ihn, dass in Lehm gegossen wird. „Die Dauerstandfestigkeit von Lehm ist einmalig. Wir gießen dabei um 1100 Grad ein.“ Zum anderen komme der Bronze als Gussmaterial eine besondere Rolle zu. Hanns Martin Rincker weist auf ein wiederentdecktes dreieinhalbtausend Jahre altes Glockenspiel aus Bronze hin und bewundert die Qualität: „Das klingt immer noch wie am ersten Tag.“ Für den Glockengießer ist die Glocke auch ein „liturgisches Musikinstrument“.

Um die 1707er Glocke von St. Willehadi ranken sich weitere Geschichten. Eine weiß Küster Kluth. Denn beinahe wäre es um die Glocke im Jahr 1944 geschehen gewesen, so der Küster. Die Nationalsozialisten brauchten Munition und Waffen für den „Endsieg“. Damals wurde dafür Bronze als Rohstoff benötigt. Soldaten holten die große Glocke aus dem Turm, indem sie Schrauben und Bolzen lösten und sie durch alle Zwischenböden nach unten aufs Fundament des Kirchturms krachen ließen. Es sei ein kleines Wunder gewesen, dass die dabei nicht zerbrochen sei, sagt Kluth. Die Scharmbecker Glocke wurde zum Einschmelzen nach Hamburg transportiert und auf einer Halde mit anderem waffenfähigen Material zwischengelagert. Dann kam die Kapitulation und irgendjemandem fiel die Inschrift ins Auge. So kehrte die Glocke zurück in die Kreisstadt.

Dasselbe Los zog die Glocke der St.-Cosmae- und Damiani-Gemeinde in Hambergen. Der Gemeinde wurde 1929 eine neue Glocke aus Bronze von Hermann Bullwinkel aus New York und Bernhard Brünjes, Brooklyn, gestiftet – übergeben im Rahmen eines Festgottesdienstes am Pfingstsonntag desselben Jahres. Doch Anfang Februar 1942, berichtet die Chronik, wird die Glocke ausgebaut und als Kriegsmaterial verwendet.

Eine andere Rolle kommt einer Glocke aus dem Jahr 1950 in Hambergen zu. Sie hängt nicht mehr im Turm, sondern steht auf dem Rasen vor dem Glockenturm. „Diese Eisenglocke hat eine deutlich geringere Lebensdauer als Bronzeglocken“, sagt Pastor Björn Beißner. Deshalb sei sie 1978 durch eine neue ersetzt worden. „Außerdem ist der Klang von Bronzeglocken deutlich schöner, weil voller.„ Nun dient die Eisenglocke vor der Kirche als Hingucker und “als Kletterobjekt für Kinder“. Der Pastor nennt noch ein weiteres Kuriosum: In der Hamberger Kirche hängen zwei Glocken. Die große aus dem Jahr 1978 und eine kleine. „Die kleine ist älter als die Kirche“, weiß Beißner. Die stamme aus der Zeit um 1450 und sei mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Glockengießer namens Ghert Klinghe aus Bremen gemacht worden.

Dem Schicksal, zu Munition eingeschmolzen zu werden, entgingen die drei Glocken der Kirche in St. Jürgen. Ihr Klang gehört mit zu den schönsten im Bremer Umfeld. Die kleinste Glocke ist eine sogenannte Zuckerhutglocke. Ihr Gussjahr wird auf um 1190 nach Christus datiert. Sie stammt aus der Zeit, als die Kirche erbaut wurde. Die anderen beiden Glocken wurden um 1470 gegossen, auch von Ghert Klinghe. Die erste Glocke heißt Maria, die zweite Katrina. Das geht aus den Inschriften hervor: „MARIA IK HETE. DAT KARKSPEL TO SUNTE JURGEN HEFT MI LATEN GHET“. Auf Hochdeutsch: „Maria ich heiße. Das Kirchspiel zu Sankt Jürgen hat mich lassen gießen“. Ähnlich steht es auf der Glocke Katrina.

Wie pragmatisch der Moorkommissar Jürgen Christian Findorff gewesen sei, weiß Volker Müller. Müller gehört der St.-Marien-Gemeinde in der Kreisstadt an. Er hat sich intensiv mit seiner Kirche befasst und ist Kirchenführer. 1769 habe es einen gewaltigen Sturm gegeben, so Müller. Findorff habe daraufhin dafür gesorgt, dass der Südturm mit drei Glocken abgerissen und mit dem Material der Nordturm ausgebessert wurde. „Zwei Glocken kamen nach Worpswede in die Kirche, eine nach Gnarrenburg."

Von den beiden Glocken im Nordturm nahm die große einen besonderen Weg. Sie bekam Ende 1700 einen Riss. „1792 hat Johann Philipp Bartels in Bremen diese Glocke umgegossen“, sagt Müller. Das Schicksal ereilte sie noch einmal 1953. Denn zuvor sei ein kalter Schlag in den Turm gefahren. Das Interessante an dieser Glocke ist: Sie besteht noch aus dem ursprünglichen Material der Klosterglocke von 1196.

Traditionell wurden Kirchenglocken von Hand geläutet. Dabei wiegt die 1707er-St.-Willehadi-Glocke schon eine Tonne. Aber im Vergleich ist sie ein Fliegengewicht zum Dicken Pitter, der großen Glocke im Kölner Dom. Die bringt 25 Tonnen auf die Waage. Längst treiben Elektromotoren die Glocken an, die Schlagfrequenz regelt eine Elektronik. Dass das so einfach funktioniert, ist einem Gespräch zu verdanken, das zwei Brüder vor über hundert Jahren führten. Der eine, Friedrich Bokelmann, hatte im Jahr 1892 die Herforder Elektrizitätswerke mit gegründet. Der andere war Pastor im Westfälischen und hatte die Idee, den neuen elektrischen Strom auch für das Läuten seiner Kirchenglocken zu nutzen.

Süßer die Glocken nie klingen: Das mag auch und wohl für Weihnachten gelten. Dagegen: Spannender die Glocken nie klingen, macht man sich auf zu ihren geschichtlichen Wurzeln. Dann ertönen bemerkenswerte Erlebnisse.

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