Feinkostladen verlässt die Klosterstraße „Wenn Rossmann rausgeht, ist die Ecke tot“

Wieder verliert die Klosterstraße einen kleinen, aber feinen Laden: Das Feinkostgeschäft Culinari sieht dort keine Perspektive mehr. Der Inhaber fürchtet, dass es mit der Klosterstraße bergab geht.
31.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Michael Wilke

Lilienthal. Im Internet ist der Petit Marché immer noch präsent. Man sieht das malerische Fachwerkhaus im warmen Sonnenlicht, davor sitzen ein paar Menschen unter dem Grün der alten Baumkronen an Tischen. Das Bild gibt es nur noch im Netz. Der Petit Marché ist weg, seit langem schon. Kein Restaurant mehr, kein Bistro, wo man Weine und Feinkost probieren und kaufen konnte. Jetzt ist auch das Culinari ausgezogen. Stammkunden vermissen die feine Kost aus Italien, die Antipasti und Öle, das Pesto, Essig und Gewürze, Tee und Kaffee. Im Ladenlokal konnte man die Spezialitäten probieren, es gab auch einen Mittagstisch. Anders als der Petit Marché bleibt Culinari in Lilienthal. Die Neueröffnung in der Hauptstraße 46 steht bevor. Nur: Die Klosterstraße verliert erneut einen kleinen, aber feinen Laden.

Blutet die Pflasterstraße, die in den alten Ortskern mit dem Amtsgericht, dem Klosterhof und der Klosterkirche führt, langsam aus? Kai Saathoff, der mit seiner Frau Jennifer die Culinari-Neueröffnung vorbereitet, befürchtet das. Den Teeladen gebe es am Stadskanaal auch nicht mehr, und der Naturkostladen an der Straßenecke habe es schwer wegen der Konkurrenz des Bio-Supermarktes Aleco in Falkenberg. „Wenn Rossmann rausgeht, ist die Ecke tot“, prophezeit Saathoff. Die Drogeriemarkt-Kette ist ein Publikumsmagnet. Rossmann will in die Hauptstraße umziehen, wenn das neue Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Konventshof fertig ist (wir berichteten).

Manche Geschäftsleute aus der Klosterstraße und dem Stadskanaal halten Saathoffs Befürchtungen für Schwarzmalerei. Sie verweisen darauf, dass Culinaris verlassenes Domizil an der Ecke Klosterstraße / Apothekenstraße nicht allzu lange leer stehen wird. Das Mixx will dort einziehen, ein Restaurant mit guter Abendkarte, das noch auf der anderen Straßenseite ansässig ist. Das sei doch eine gute Lösung, finden einige Nachbarn.

Und Rossmann? In der Klosterstraße hält sich das Gerücht, dass der Drogeriemarkt bleibt. Die Umzugspläne hätten sich zerschlagen, weil sich das Neubauprojekt wegen diverser Probleme weiter verzögere, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Ulrich Müller, den Investor, nervt das Gerede. „Ich habe einen Mietvertrag, der von Herrn Rossmann persönlich unterschrieben worden ist“, sagt der Geschäftsmann der Redaktion. „Wir haben eine Karenzzeit vereinbart: August 2018 bis April 2019. Wenn ich früher fertig werde, zieht er früher ein. Wenn ich mit dem Abriss anfange, will Rossmann da Werbung machen.“

Tagsüber wird die Klosterstraße an Leben verlieren – davon ist Kai Saathoff überzeugt. Das Mixx öffnet erst um 17 Uhr. „Mittwochs nachmittags und freitags ist Lilienthal tot“, sagt der Culinari-Inhaber. „Sobald die Ärzte ihre Praxen zumachen, ist doch nichts mehr los.“ In die vom Mixx hinterlassene Lücke gegenüber auf der anderen Seite der Klosterstraße werde Care 24 einziehen, ein Internet-Shop: „Das ist auch nichts zum Flanieren.“ Flanieren und draußen sitzen im Grünen, das ist es, was die Menschen wollen, so sieht es der Culinari-Inhaber. Abends sei Lilienthal lebendig: „Das Mixx ist immer voll, die anderen Restaurants auch. Das zeigt doch, dass die Leute hier bleiben wollen im Ort.“

Michael Metz, der Inhaber des Naturkostladens, reagiert schon auf Culinaris Auszug. Er will Kaffee und Kuchen anbieten, draußen Tische und Stühle aufstellen. Die Möbel sind schon bestellt, die italienische Kaffeemaschine auch. „Das geht jetzt bald los“, sagt Metz. Er will den Sommer nutzen. „Hier ist ja nicht mehr viel, seitdem Culinari weg ist.“ Mit seinen Umsätzen ist der Händler „nicht so zufrieden“, doch das liegt weniger am Standort Klosterstraße als an der Konkurrenz des Bio-Supermarktes in Falkenberg. „Es ist schwierig“, sagt Michael Metz. „Lilienthal hat halt nicht so ein richtiges Zentrum.“

Eine Geschäftsfrau, die ungenannt bleiben will, hat Kunden aus Bremen gefragt, was sie nach Lilienthal zieht. Draußen sitzen, Kaffee trinken und ein bisschen shoppen, das wollten die Menschen, sagt sie. „Die Leute suchen nette kleine Läden abseits der großen Ketten und wollen ein bisschen flanieren.“ Zu wenig Gastronomie gebe es in Lilienthal nicht, findet Heike Hoyer, die Inhaberin des Klostercafés. Das Café Rolf ist nach dem Start der Straßenbahn nur eine Straßenecke weiter unten ins Ärztehaus gezogen. Dort kann man auch draußen sitzen. „Für einen kleinen Ort wie Lilienthal ist das ganz schön viel Gastronomie“, sagt Hoyer.

Für das Ehepaar Saathoff ist es in der Klosterstraße nicht schlecht gelaufen. Es gab keinen Umsatzeinbruch, auch nicht in der langen Bauphase, als die Straßenbahnschienen für die Linie 4 verlegt wurden. Aber danach ging es nicht vorwärts. Die Saathoffs hatten das Gefühl, auf der Stelle zu treten, ihnen fehlte die Perspektive. „Jeder hat gedacht: Wenn die Bauphase vorbei ist, geht es nach oben“, erklärt Kai Saathoff. „Wir haben uns immer eine Flaniermeile vorgestellt. Aber zwei, drei Läden, wo man draußen sitzen kann, das ist zu wenig.“

Die Verkehrssituation sei ungünstig, findet Saathoff. Zu viel Autoverkehr, die Fahrer auf der Suche nach Parkplätzen. Vor dem Culinari standen zwei kleine Tische und vier Stühle, mehr Platz gab es nicht. Und wenn in der Parkbucht ein Kleinbus oder Transporter hielt, sahen die Kunden nur noch Blech. Er habe mit dem alten und dem neuen Bürgermeister und anderen Politikern gesprochen, betont Saathoff. „Alle haben gesagt: Da muss was gemacht werden. Passiert ist nichts.“ Die Klosterstraße werde seit Jahren vernachlässigt und oft übersehen, kritisiert Saathoff. „Die Leute aus den Neubaugebieten kommen gar nicht hierher. Die fahren die Hauptstraße lang oder auf die Umgehungsstraße.“ Man müsste alle an einen Tisch holen, findet Saathoff: den Bürgermeister, Politik und Verwaltung, den Wirtschafts-Interessenring (WIR) und die Lili-Marketing-Genossenschaft. Nötig sei ein Konzept zur Belebung.

Saathoff und seine Frau wollten den Laden ganz schließen. Sie haben sich umstimmen lassen von treuen Stammkunden. Die seien entsetzt gewesen, berichtet der Culinari-Inhaber. „Da standen einige im Laden, bei denen liefen die Tränen.“ So machen die Saathoffs jetzt doch weiter, in der linken Hälfte des aufgegebenen Damenmodegeschäfts Schulz. Rechts ist schon eine Versicherung eingezogen. Im Juni soll das Culinari in der Hauptstraße 46 neu eröffnet werden. Das malerische Ambiente der Klosterstraße mit den alten Bäumen fehlt in der Hauptstraße, aber dafür reicht der Platz für eine Terrasse zum Draußensitzen. „Hier werden wir mehr gesehen“, glaubt Kai Saathoff.

„Jeder hat gedacht: Wenn die Bauphase der Straßenbahn vorbei ist, geht es nach oben.“ Culinari-Inhaber Kai Saathoff
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+