Worpswede anders kennenlernen

Wenn Touristen selbst zur Kunst werden

Künstler erstellen einen Performance Walk als Alternative zur Führung durch Worpswede. Man erhofft sich eine frische Note für junge Leute.
26.07.2018, 18:41
Lesedauer: 3 Min
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Von Lara Paul und Marius Roskamp
Wenn Touristen selbst zur Kunst werden

Die Titelfigur des Performance Walk wird an der entsprechenden Station nachgestellt.

Christian Kosak

Worpswede. Über Kopfhörer erreichen uns sanfte Elektro Rhythmen und die Stimme eines Mannes. „Stelle dich hinter die kleine Eisenfigur und nimm genau die gleiche Position wie diese ein.“ Gemeint ist ein kleiner Boccia-Spieler, der gerade zum Wurf ausholt. Der Sprecher lässt uns eine Pause, in der wir selbst die Position einnehmen können. Danach fährt die Stimme fort: „Zähle laut von zehn bis null abwärts.“ Spätestens jetzt schaut uns eine Frau, die hinter uns auf einer Bank sitzt, verwundert an. Doch wir folgen den Anweisungen weiter, denn wir befinden uns auf dem Performance Walk, einem experimentellen Rundgang durch Worpswede.

Hierbei handelt es sich um ein Projekt des Südtiroler Künstlers Hannes Egger. Seine Stimme ist es, die den Hörer begleitet. Der Rundgang entstand in Zusammenarbeit mit dem lebendigen Galerieraum Paula und der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg. „Unser Ziel war es, eine frische Note für junge Leute anzubieten, die Worpswede kennenlernen möchten“, erzählt Sara Schwienbacher. Sie ist die künstlerische Leiterin des Galerieraums Paula und hat Hannes Egger extra aus Südtirol nach Niedersachsen eingeladen, um das Projekt zu realisieren. „Wir sind im selben Dorf aufgewachsen, daher kennen wir uns“, erzählt sie. Die einzelnen Stationen des Rundgangs wurden von Studierenden entwickelt. „Die Ergebnisse des Workshops waren so spannend und konkret, dass wir uns entschieden haben, daraus einen fix installierten Performance Walk zu erstellen, der nun von jeder und von jedem begangen werden kann“, erklärt Egger.

Fritz Mackensens große Kunst "Gottesdienst unter freiem Himmel bei den Moorbauern" an der Wand der Zionskirche nutzen wir, um in die gemalte Welt einzutauchen. Praktisch, dass auf dem Gemälde ein freier Stuhl abgebildet ist. Wir sollen so tun, als säßen wir als Teil der Gemeinde im Bild und lauschten einer Predigt. Den Inhalt können wir uns selbst ausdenken und dabei unserer Kreativität freien Lauf lassen. Schließlich fordert Eggers Stimme dazu auf, uns mit unserem gemalten Sitznachbarn über die Rede des Priesters zu unterhalten. Laut sollen wir dabei sein, wir warten mit der Umsetzung daher, bis eine größere Gruppe von Touristen den Platz verlassen hat.

Man kann die Tour mit 17 verschiedenen Stationen durch Worpswede seit Mai bestreiten. Auch zum Galerieraum Paula führt eine der Stationen. Für den Rundgang ist eine Stunde eingeplant, bei langsamem Tempo können es aber auch anderthalb Stunden werden, bis man die große Runde durch das Dorf abgeschlossen hat. Ausgangspunkt und Ziel ist das Tourist-Informationsbüro, Bergstraße 13 in Worpswede. Dort können MP3-Player kostenlos ausgeliehen werden, mit denen man durch die Tour geleitet wird, oder aber man lädt das kostenlose Audio-Feature auf der Webseite www.soundcloud.com unter den Schlagworten Hannes Egger, Performance-Walk Worpswede.

Bald befinden wir uns vor einer Kapelle in der Nähe der Zionskirche. Hier säumen drei weiße Pfeiler den Weg. Der Stimme von Hannes Egger lauschend, befolgen wir die künstlerische Darbietung dieser Station. „Jetzt bücke deinen Oberkörper nach vorne, sodass deine Stirn den Pfeiler vor dir berührt“, weist er uns an. Nach kurzer Zeit bemerken wir, dass es sich hier um das Titelbild des Performance Walks handelt, welches wir schon zuvor bei Soundcloud gesehen haben. Erst haben wir die Zeichnung nicht verstanden, aber nun bilden wir genau diese Figur nach. Wieder gibt es eine Pause, damit wir in der Position verharren, es fühlt sich ein bisschen wie Yoga an.

„Worpswede habe ich als einen sehr charmanten Ort wahrgenommen, der seine eigene Zeitlichkeit hat und stark aus der Vergangenheit lebt. Es ist ein landschaftlich und historisch sehr ansprechender Ort, der aber gerne mit immer derselben Brille wahrgenommen wird“, sagt Hannes Egger. Ziel sei es auch gewesen, den Blick durch diese Brille neu auszurichten. „Es geht um direkte Erfahrungen, welche beim Begehen des Ortes gemacht werden. Die Aufmerksamkeit wird auf gern Übersehenes, Alltägliches und Ungewöhnliches gelenkt“, so Egger.

Noch an anderen Stellen des Ortes gibt Hannes Egger Anweisungen, die den kreativen Prozess unterstützen. Dabei gilt wie ein Leitsatz: Sei laut! Denke dir ein historisches Ereignis aus, erzähle es laut. Überlege dir, du wärst Touristenführer in der Galerie Paula, beschreibe die Führung: Laut! Das alles gipfelt darin, dass der Performer vor einem Parkautomaten steht und diesem wiederholt sagen soll: "Du bist schön!" Fast schreit man am Ende. Das ist nichts für introvertierte Gemüter. Ein bisschen muss der Hörer selbst zum Künstler werden.

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