Grasberg

Wetteifern für sauberes Wasser in Afrika

Grasberg. Die Schubkarre schaukelt bedenklich hin und her, bevor sie wieder sicher auf Spur kommt. Jetzt bloß nicht anhalten.
19.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulrike Schumacher

Die Schubkarre schaukelt bedenklich hin und her, bevor sie wieder sicher auf Spur kommt. Jetzt bloß nicht anhalten. Das Mädchen hat die beiden Griffe fest in der Hand und stemmt kraftvoll die Beine in den Boden. Jetzt bloß Tempo geben. Fünfzig Schritte mögen es noch sein. Fünfzigmal flink die Füße voreinander setzen. Dann geht es wieder zurück. Ihre Mitschülerin hockt auf der Ladefläche, hält sich mit beiden Händen am Rand fest und balanciert jedes Schaukeln mit dem Oberkörper aus. Schon ist der Wendepunkt erreicht. Nun wieder zurück an den Start, wo die anderen fiebern, dass sie Fracht und Läufer sein können.

Die fünften und sechsten Klassen an der Grasberger Gesamtschule tauschen ihren Unterricht an diesem Vormittag gegen eine schweißtreibende Aktion. Etwa 320 Kinder sind auf dem Sportplatz neben dem Neo Tokio auf den Beinen, weil sie an einem Spendenlauf für Unicef teilnehmen. „Die Idee fand ich cool“, erzählt Lana. Wie ihre Mitschüler und Mitschülerinnen hat sich auch die Zwölfjährige auf die Suche nach Sponsoren gemacht, nachdem das Projekt in der Klasse vorgestellt wurde. Auf der Laufkarte, die jeder Teilnehmer erhielt und die nach jeder Runde einen Stempel aufgedrückt bekommt, ist Platz für zehn Sponsoren, die für jede geschaffte Laufrunde einen frei gewählten Betrag zahlen. Manche geben 50 Cent, andere eins, zwei Euro. Lana hat als Sponsoren die Eltern und Großeltern gewinnen können. Die meisten Schüler haben in ihrem Verwandtenkreis gefragt, ob Mutter, Vater, Geschwister, Tanten und Onkel den guten Zweck unterstützen wollen. „Man konnte aber auch Geschäfte um Unterstützung bitten“, erzählt Lehrerin Brigitte Schäfer, die als Fachbereichsleiterin Sport den Lauf mit auf die Beine gestellt hat.

In Grasberg ist der Spendenlauf ein besonderer, weil er aus drei Stationen besteht und auch die Kinder mit Handycap mit einbezieht. Neben der 400 Meter langen Runde, die die Läufer unermüdlich von Neuem angehen, gibt es den Schubkarren-Lauf mit menschlicher Ladung und auf dem Straßenabschnitt neben der Sportwiese die Strecke für alles, was Rollen hat. Hier sind Skater unterwegs, Roller, Fahrräder und auch Rollstühle. An jeder Station gibt es einen Tisch, an dem Pädagogen und Schüler den Stempel-Marathon leisten. Dicke Trauben von Schülern sammeln sich dort immer wieder, um den begehrten Haken hinter jede Runde setzen zu lassen. 15 Felder für 15 Runden gibt es dafür auf der Laufkarte. Manche sind schon mit der dritten Karte unterwegs. Wen erstmal das Lauf-Fieber gepackt hat, der hört so schnell nicht auf.

Erlös wird geteilt

Zu den Zuschauern gehört auch Margret Ringies von Unicef-Bremen. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin strahlt angesichts des eifrigen Einsatzes der Kinder und Jugendlichen. Die Hälfte des Geldes, das die Sponsoren innerhalb der nächsten 14 Tage an der Schule abgeben sollten, bleibt dort zur Unterstützung des Sportfreizeitbereichs. Die andere Hälfte der Spenden erhält Unicef für sein Projekt „Wasser wirkt“, mit dem in Afrika das Kinderrecht auf Wasser unterstützt wird. Mehr als 500 000 Kinder in sechs Ländern Afrikas konnten schon dauerhaft mit sauberem Trinkwasser, Latrinen und Informationen versorgt werden, berichtet die Unicef-Mitarbeiterin. Die Kindersterblichkeit aufgrund unreinen Wassers sei sehr groß, und das Projekt gehe erfolgreich dagegen an. Der Brunnenbau, für den auch die in Grasberg erlaufenen Spenden genutzt werden, hätte noch einen zusätzlichen guten Nebeneffekt, sagt Margret Ringies. In Afrika seien die Mädchen dafür zuständig, zu den Wasserlöchern zu laufen und Wasser zu holen. „Wenn aber die Wasserpumpen vor Ort sind, haben die Mädchen Zeit, zur Schule zu gehen.“

Auf dem Grasberger Sportplatz kommen die Beine unterdessen nicht zur Ruhe. Fabian aus der fünften Klasse strahlt. „Erst habe ich gedacht: Oh nein!“, erzählt er von seiner Reaktion auf den geplanten Spendenlauf. Doch jetzt hat der Elfjährige schon 40 Runden geschafft. Längst wetteifern sie darum, wer die meisten Stempel einheimsen konnte. Matteo aus der sechsten Klasse bringt es auf 54. Und einer, so die Nachricht, die unter den Schülern die Runde macht, „hat sogar schon mehr als 60“.

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