Klimaschutz-Vorbild Tarmstedt

Wie es mit dem Klimaschutz voran geht

Wie es mit dem Klimaschutz in der Samtgemeinde Tarmstedt voran geht, darüber hat die 16-jährige KGS-Schülerin Neele Wesseloh ihre Facharbeit geschrieben. Ihre Lehrerin gab ihr dafür die Bestnote 1+.
27.06.2017, 16:49
Lesedauer: 5 Min
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Von Johannes Heeg
Wie es mit dem Klimaschutz voran geht

Hat den Klimaschutz fest im Blick: die KGS-Schülerin Neele Wesseloh.

Johannes Heeg, Heeg

Tarmstedt. Ist die Samtgemeinde Tarmstedt ein Vorreiter in Sachen Klimaschutz, ein Vorbild und Motivator für andere Kommunen, ein „Leuchtturm“ gar? Dieser Frage ist die KGS-Schülerin Neele Wesseloh nachgegangen. In ihrer mit 15 Punkten, also mit der Bestnote 1+ bewerteten Facharbeit im Seminarfach Klimawandel hat sie akribisch untersucht, wie es um die Erzeugung und Nutzung erneuerbarer Energien in der Samtgemeinde steht. Auch dem Thema Mobilität hat sich die 16-Jährige gewidmet, die 2018 ihr Abitur machen will. Die Tarmstedterin berichtet über das seit zwei Jahren laufende Elektroauto-Carsharing und über ein Projekt, das sie selber angeschoben hat: Fahrräder für Lehrer.

Auf das Fahrradprojekt ist sie gekommen, weil sie beobachtet hat, dass etliche Lehrer die 450 Meter zwischen KGS-Hauptgebäude und der Oberstufe mit dem Auto überwinden. Das mag an Zeitmangel liegen oder an den mitunter schweren Taschen, die die Lehrer schleppen müssten, sagt sie. „Auf jeden Fall tragen diese kurzen Fahrten viel zum Klimawandel bei und verschlimmern unsere Situation weiter.“ Ihre Idee, gebrauchte Fahrräder einzusammeln und sie der Lehrerschaft zur Verfügung zu stellen, kam bei Schulleiter Michael Berthold und später auf der Gesamtkonferenz gut an. Daraufhin trugen sich binnen zwei Wochen 25 Lehrer, die dieses Projekt unterstützen wollten, auf einer Liste ein.

Derzeit arbeitet sie noch an einigen praktischen Details ihres Projekts, das als Vorbild für andere dienen und zu einer umweltbewussten Lebensweise beitragen solle. Nachdem die Schülerin bereits ein gutes halbes Dutzend Fahrräder hat beschaffen können, gehe es nun darum zu klären, wie Reparatur und Instandhaltung organisiert werden könnten. Sie schlägt vor, die Fahrradwerkstatt der Schülerfirma wiederzubeleben, und zwar als AG. Ersatzteile könnten durch Spenden oder den Verkauf von Waffeln finanziert werden. Um die Fahrräder gegen Diebstahl zu sichern, hat sich Neele Wesseloh bereits im Wilstedter Fahrradladen beraten lassen. Ungeklärt sei auch noch die Unterbringung der Fahrräder. Sie müssten für die Lehrer am Tag leicht zugänglich sein, nachts aber sicher unterkommen. „Ein weiterer kritischer Punkt ist die Frage, wer die Fahrräder zu Schulbeginn aus dem Nachtlager heraus holt und zu Schulende in das Nachtlager hinein bringt“, so die Schülerin.

Über ihr Projekt informiert Neele Wesseloh mit einem eigenen Flyer, den eine Tarmstedter Druckerei kostenlos hergestellt hat. Darin ist auch die Kontonummer des Schulvereins abgedruckt, über den sie Spenden für die Fahrrad-Aktion sammelt. Mittlerweile seien einige Geldbeträge an sie persönlich gegangen, die dem Projekt zugute kommen. 85,50 Euro für das Projekt wurden durch den Verkauf von Waffeln und Kuchen in zwei Pausen erzielt. Beim Spenden sammeln hat sie aber auch Absagen bekommen, schreibt sie in ihrer Arbeit. Zwar halte man den Grundgedanken dieses Projektes „für eine gute Sache“, doch sei man nicht bereit, Fahrräder für Lehrer zu finanzieren. „Auch wurde mir oft die Frage gestellt, ob die Lehrer nicht ihre eigenen Fahrräder hätten und warum nun die Gemeinde diese finanzieren soll“, heißt es in der Arbeit.

Abgesehen von ihrem eigenen Projekt beleuchtet Neele Wesseloh den Stand der Energiewende in der Samtgemeinde Tarmstedt. So würden derzeit elf Biogasanlagen betrieben: zwei in Tarmstedt, eine in Hepstedt, drei Anlagen in der Gemeinde Breddorf, drei in Westertimke, eine in Vorwerk und eine in Wilstedt. Am Beispiel der Tarmstedter Anlage berichtet sie, dass durch das entstehende Biogas in drei Blockheizkraftwerken gleichzeitig Strom und Wärme erzeugt wird. Ein Kraftwerk beheizt seit Anfang 2012 die Grundschule samt Turnhalle, das Oberstufengebäude der Gesamtschule, den Kindergarten Schulstraße und das alte Doktorhaus, in dem der Jugendtreff untergebracht ist. Ein weiteres Kraftwerk wurde an der Kooperativen Gesamtschule aufgestellt, und das dritte BHKW steht direkt bei der Biogasanlage. Der produzierte Strom wird in das öffentliche Stromnetz eingespeist, während die Abwärme zur Beheizung der umliegenden Gebäude beiträgt. So trügen diese und die zehn weiteren Biogasanlagen einen kleinen Teil dazu bei, die Umwelt zu schonen, und gleichzeitig stellten sie eine günstige Methode zur Strom- und Wärmeversorgung dar, heißt es in der Arbeit.

Zur Windenergie schreibt die Schülerin, sie sei unter den erneuerbaren Energien eine „Mustertechnologie“, da sie „eine der umweltfreundlichsten und klimaschutzförderndsten Energieproduzenten“ sei. Zwischen Tarmstedt und Wilstedt drehten sich fünf Windräder, und in Buchholz werde ein neuer Windpark errichtet. Es gebe aber auch ein Projekt der erneuerbaren Energiegewinnung, das fehlgeschlagen sei: Der mittlerweile nicht mehr existierende kleine Windpark in Tarmstedt habe sich nicht rentiert.

Die Technik der Photovoltaik sei in der Samtgemeinde noch nicht allzu stark vertreten, schreibt Neele Wesseloh. Jedoch würden in den Neubaugebieten dank des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes alle Neubauten mit Photovoltaikplatten ausgerüstet. Auf ein Photovoltaikprojekt in Breddorf geht sie ausführlich ein. Ein Breddorfer Landwirt möchte in seinem Dorf auf einem 37 000 Quadratmeter großen Gelände 6000 Photovoltaik-Module aufstellen. Diese Anlage könnte im Jahr 420 000 Kilowattstunden Strom produzieren, mit dem 135 Haushalte mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 3100 Kilowattstunden im Jahr mit grünem Strom versorgt werden könnten. Der Gemeinderat stehe dem Plan positiv gegenüber.

Ein großes Kapitel der Arbeit widmet die Schülerin Elektroautos und der privaten E-Car-Sharing-Initiative, die seit Mai 2015 in Wilstedt, Tarmstedt, Buchholz, Vorwerk und Bülstedt moderne Stromautos verleiht. „Durch die wachsende Begeisterung für die Nutzung von Elektrofahrzeugen“, schreibt sie, müsse auch eine gute Versorgung mit öffentlichen Ladesäulen sichergestellt werden. Seit Juli 2016 sei eine Schnellladesäule beim VW-Autohaus in Tarmstedt in Betrieb – die erste ihrer Art im Landkreis Rotenburg. In 30 Minuten könne sie ein Elektroauto zu 80 Prozent aufladen, dafür habe sie allerdings auch 60 000 Euro gekostet. Mittlerweile habe auch die Samtgemeinde einen Beitrag geleistet, denn im Frühjahr wurde auf dem Parkplatz des Rathauses in Tarmstedt eine Ladesäule für zwei Elektroautos aufgestellt. Die Steckdosen sind frei für jeden zugänglich.

Ebenfalls in ihre Arbeit aufgenommen hat Neele Wesseloh die Wählergemeinschaft „Natürlich Wilstedt“, die im Wilstedter Gemeinderat vertreten ist und sich unter anderem um den Naturschutz kümmere. Es sei nicht zu leugnen, heißt es in der Seminararbeit, „dass der Natur- und Lebensraum im ländlichen Bereich sich in den vergangenen Jahren stark verändert hat“. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft mit dessen Modernisierung und Technisierung habe für ein stark verändertes Landschaftsbild gesorgt mit der Folge, „dass immer größere Ackerlandschaften und Maismonokulturen entstehen. Zudem gehen Feldgehölze und ungenutzte, naturnahe Feucht- und Moorbereiche verloren“. Um dem entgegen zu wirken, setze „Natürlich Wilstedt“ stark auf die Ausweisung von Landschafts- und Naturschutzgebieten durch den Landkreis.

Ist denn die Samtgemeinde nun Vorreiter beim Klimaschutz? „Ja“ lautet das Fazit der jungen Tarmstedterin. Ihre Resultate sprächen dafür, dass sich die Kommune auf dem besten Weg befinde, solch eine Vorbildfunktion einzunehmen. Mitfahrgelegenheiten wie die Mitfahrerbänke oder das E-Car-Sharing würden weiterentwickelt. Und die Samtgemeinde habe sich zum Ziel gesetzt, zukünftig energieautark zu sein, wie ihr Bauamtsleiter Marco Wesemann erklärt habe.

Wesemann war übrigens so angetan vom Engagement der Jugendlichen, dass er sie in die Arbeitsgruppe aufgenommen hat, die die Mobilitätsstudie für die Samtgemeinde begleitet hat.

„Samtgemeinde Tarmstedt ist Vorreiter beim Klimaschutz.“ Neele Wesseloh, Schülerin an der KGS
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