Bürgerversammlung im Borgfelder Gemeindehaus zur Containerlösung für Flüchtlinge an Linie 4-Wendeschleife

„Willkommenskultur schaffen“

Die Standpunkte waren klar. Auf der einen Seite besorgte Bürger, die um die Wohnqualität in ihrem Ortsteil fürchten und Gefahren für die allgemeine Sicherheit sehen. Auf der anderen Seite viele Borgfelderinnen und Borgfelder, die aktiv für eine Betreuung und eine gute Willkommenskultur eintreten. Auf dem Podium Behördenvertreter, die sich für die Unterbringung von Flüchtlingen einsetzen, „weil es dazu keine Alternative gibt“. Im Publikum auch Vertreter von Flüchtlingsinitiativen, die zu Patenschaften aufrufen.
25.09.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Klaus Göckeritz

Die Standpunkte waren klar. Auf der einen Seite besorgte Bürger, die um die Wohnqualität in ihrem Ortsteil fürchten und Gefahren für die allgemeine Sicherheit sehen. Auf der anderen Seite viele Borgfelderinnen und Borgfelder, die aktiv für eine Betreuung und eine gute Willkommenskultur eintreten. Auf dem Podium Behördenvertreter, die sich für die Unterbringung von Flüchtlingen einsetzen, „weil es dazu keine Alternative gibt“. Im Publikum auch Vertreter von Flüchtlingsinitiativen, die zu Patenschaften aufrufen.

Die mögliche Unterbringung von Flüchtlingen am Wendeplatz der Linie 4 hat die Bevölkerung mobilisiert. Wenn es nach den Plänen des Sozialressorts geht, werden auf einer Parkplatzfläche vor dem Gelände des TSV Borgfeld noch in diesem Jahr 40 sogenannte unbegleitete Jugendliche in Containern untergebracht und betreut (wir berichteten). Über Einzelheiten informierten Vertreter des Sozial- und Innenressorts sowie der Polizei jetzt im Gemeindesaal der Borgfelder Kirche. „Um zu informieren und den Bürgern eventuelle Ängste zu nehmen“, wie es im Vorfeld der Bürgerversammlung hieß. Das Thema bewegt die Borgfelder offensichtlich sehr. Bereits eine halbe Stunde vor Beginn war die Kapazität der Versammlungsstätte erschöpft.

Die Stadt wie auch die Republik erleben in diesen Monaten einen Flüchtlingsboom, erklärte Staatsrat Horst Frehe aus dem Sozialressort einleitend. In Bremen seien im vergangenen Jahr rund 1000 Flüchtlinge angekommen, diese Zahl werde sich im Verlauf diesen Jahres auf rund 2000 verdoppeln. Die Unterbringung der daran beteiligten jungen Menschen sei grundsätzlich alternativlos, auch Bremen habe keine Wahl. „Wir sind per Grundgesetz verpflichtet, jugendliche Flüchtlinge aufzunehmen“, erklärte Staatsrat Frehe.

Bürger äußerten Ängste. Einige vermuteten mit Hinweis auf Berichte aus anderen Stadtteilen, dass unbegleitete Jugendliche kriminell werden, sich zu Banden zusammenschließen und die öffentliche Ordnung nachhaltig stören könnten. Andere Bürger wiesen darauf hin, dass der Wohn- und Immobilienwert im Ortsteil leiden würde. Väter fürchteten, dass ihre Kinder nicht mehr in sicherer Obhut aufwachsen können. Der Verwaltung wurde vorgeworfen, sich nicht ernsthaft um einen anderen Standort bemüht zu haben. Und wenn man Flüchtlinge aufnehme, dann sollte man Jugendliche und Familien gemeinsam unterbringen, hieß es weiter.

Die Ressorts räumten mit vermeintlichen Missverständnissen auf. Obwohl die politische Lage derzeit im Nahen Osten eskaliert, würden die avisierten Jugendlichen aus anderen Herkunftsländern stammen. Vornehmlich aus Afghanistan, Gambia, Guinea, Somalia aber auch aus Algerien und Marokko. „Aus Syrien vergleichsweise wenig“, wie Uwe Old aus dem Innenressort deutlich machte.

Die 40 überwiegend männlichen Jugendlichen sollen in Containern am Wendeplatz der Linie 4 nicht nur untergebracht, sondern auch betreut werden. Tagsüber werde sich eine Gruppe von Sozialpädagogen, Erziehern und Hauswirtschafterinnen kümmern, nachts sollen bis zu zwei Nachtwachen und eine Bereitschaft zuständig sein. Die Jugendlichen würden im Übrigen der Schulpflicht unterliegen und Schulen in Walle und in Grambke besuchen. Die Betreuung soll über die Wohlfahrtsverbände organisiert werden. Dem besseren Einstieg könnte ein Begrüßungsfest, der weiteren Betreuung runde Tische dienen, schlug Bernd Rein vom Sozialressort vor.

Man dürfe junge Flüchtlinge nicht allgemein kriminalisieren, betonte Uwe Old. Das Bremer Klientel sei rund 300 Personen stark, davon seien aktuell „nur“ 16 aufgefallen. Die Sicherheit sei in keiner Weise gefährdet, dies gelte im Übrigen auch für mögliche Einsätze von Feuerwehr und Rettungskräften, ergänzte Derk Dreyer, Leiter der Polizeiinspektion Ost. Im Übrigen sei die Furcht vor den Flüchtlingen grundsätzlich zu hinterfragen. „Die jungen Menschen haben genauso viel Angst wie Sie“, so Bernd Rein.

„Patenschaften übernehmen“

Die Borgfelder sollten sich aktiv einsetzen und Patenschaften für die Jugendlichen übernehmen, appellierten Vertreterinnen des Vereins Fluchtraum. Wichtig sei eine Willkommenskultur. Der Borgfelder Johannes Rehder-Plümpe appellierte an seine Mitbürger, diese Kultur zu schaffen. „Es sollte doch 40 Leute geben, die Patenschaften für Jugendliche übernehmen.“ In die Betreuung eingebunden werden könnte auch das Freizeitheim. Das Sozialressort sagte grundsätzliche finanzielle Hilfe zu, und regte grundsätzlich an, Initiativen aus anderen Stadtteilen einzubinden. Eine gemeinsame Unterbringung von unbegleiteten Jugendlichen und Familien wird es dagegen wohl nicht geben. „Damit haben wir schlechte Erfahrungen gemacht“, so Staatsrat Frehe. Über die Unterbringung entscheidet der Borgfelder Beirat am Dienstag nächster Woche. Wie das Votum ausfällt, ist unsicher. Wie die CDU unmittelbar nach der Versammlung mitteilte, will sie sich für die Unterbringung von Familien und für einen anderen Standort einsetzen. Die Grünen unterstützen die Unterbringung von Jugendlichen, kündigte Petra Kettler an. Die SPD berate noch, sagte Gerd Ilgner.

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