Dass so was ausgerechnet in Lilienthal passiert, hätte Carsten Mües, Sprecher der Ökumene der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden, nie gedacht. Ein Brandanschlag auf ein von Flüchtlingen bewohntes Haus, der erste in der Bremer Region. „Es ist beschämend“, sagt Carsten Mües. „Wo Lilienthal doch eine so gute Willkommenskultur entwickelt hat. Kirchen und Vereine, der ganze Ort scheint den Flüchtlingen helfen zu wollen. Und dann passiert so was “
Das weiß verputzte Haus wirkt unscheinbar, ein Einfamilienhaus mit Anbau nach hinten. Das Dach ist mit schwarzgrauen Pfannen gedeckt, der Giebel zeigt nach vorne zur Straße, auf der die Straßenbahn vorbeifährt. Es gibt viele solcher Häuser in Lilienthal. Dass in dem Haus an der Falkenberger Landstraße 15 Flüchtlinge untergebracht sind, vor allem alleinstehende Männer, war einigen Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite gar nicht bewusst. Der oder die Täter wussten es. Am Sonnabendabend gegen neun hat einer eine Brandflasche gegen die Wand geschleudert, gefüllt mit einem Benzin- und Ölgemisch, das besonders gut brennt. Oben in den Flaschenhals hatten der oder die Täter nach Recherchen der Polizei ein Stück Tuch gestopft. Der Molotowcocktail traf die Hauswand, er explodierte ein, zwei Meter vor der Eingangstür.
Das Feuer hat keinen großen Schaden angerichtet, nur ein meterbreiter Streifen an der Seitenwand mit dem Eingang ist verrußt, die Rußspuren reichen fast bis zum Dach. Es sieht so aus, als ob jemand das Gröbste schon abgewaschen hat. Der Täter hätte die Brandfackel auch in ein Fenster an der Front schleudern können oder direkt gegen die hölzerne Eingangstür mit kleinen Glasfenstern – das hätte verheerende Folgen haben können für die Menschen im Haus.
„Was hat so ein Mensch vor?“, fragt sich Helge Cassens, Sprecher der Polizeiinspektion Verden / Osterholz. Wollte er ein Zeichen setzen, ein Signal? War es eine Drohung? Die Spezialisten der Kripo suchen nach Spuren, die zum Täter oder zur Tätergruppe führen. Viel haben sie nicht in der Hand. Sie prüfen die Scherben vom Tatort, akribische Polizeiarbeit. Gibt es DNA-Spuren oder Fingerabdrücke? Es gibt einen Zeugen. „Der hat eine kurze Stichflamme gesehen“, berichtet der Polizeisprecher. Der Zeuge sah eine dunkel gekleidete Person weglaufen in Richtung Falkenberger Kreuz, viel mehr konnte er in der Dunkelheit nicht erkennen. Der Flüchtende könnte vorher aus einem Auto gestiegen sein, das dann in Richtung Bremen weiterfuhr. Vieles bleibt vage, das macht die Arbeit der Polizei nicht leichter.
Weil ein fremdenfeindlicher Hintergrund der Tat nicht ausgeschlossen wird, hat der für politisch motivierte Kriminalität zuständige Staatsschutz der Polizei die Ermittlungen übernommen. Die Auswertung der Spuren dürfte Wochen oder Monate dauern, polizeiliche Puzzlearbeit. Auf die leichte Schulter nehme die Polizei die Straftat aber keineswegs, betont Helge Cassens. „Wir nehmen das extrem ernst.“
Die Aussagen der Nachbarn halfen den Kripobeamten auch nicht weiter. Sie bekamen wenig oder gar nichts mit vom Anschlag. „Nee, wir haben nichts gesehen oder gehört“, sagt eine Frau im Haus nebenan. „Wir waren abends noch mit dem Hund draußen, aber da war gar nichts.“ Ein Nachbar aus einem der Häuser vis-à -vis auf der gegenüberliegenden Straßenseite will lieber gar nichts sagen: „Nachher sag’ ich noch was Falsches. Ich sehe nicht mehr so gut.“ Die Polizei sei schon öfter da gewesen Ein anderer ist ahnungslos. „Brandanschlag? Wo denn?“ Am Haus gegenüber? Nein, davon habe er nichts mitbekommen, sagt der Mann. In dem weißen Haus sind die Jalousien heruntergelassen. Auf dem Grundstück ist am frühen Nachmittag keine Menschenseele zu sehen.
„Mit so was rechnet man natürlich nicht. Wir haben in Lilienthal eine gute Willkommenskultur“, sagt der Bürgermeister Willy Hollatz. „Ich hoffe, dass es eine Einmaligkeit ist. Man muss es ernst nehmen, aber besonnen damit umgehen und die Ermittlungen der Polizei abwarten.“ Die könnten auch zu einem unerwarteten Ergebnis führen. Einige Lilienthaler, die anonym bleiben wollen, hörten von Flüchtlingen, dass der Anschlag nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun habe. Hintergrund sei ein Streit zwischen Ausländern in Lilienthalern und Bremern gewesen, hieß es.
Fenna Preuschoff, die Leiterin des Internationalen Cafés im Evangelischen Jugendheim Falkenberg, hat zuerst „richtig Angst gekriegt“, als sie die Meldung vom Anschlag in der Zeitung las. Doch dann traf sie im Café auf entspannte Flüchtlinge, die sich wohl fühlten. Bis zu 40 Männer, Frauen und Kinder kommen montags zum Treffpunkt, um Kaffee zu trinken und zu reden, zu singen und zu spielen. „Die Atmosphäre im Café war wie immer“, sagt Fenna Preuschoff. „Die Leute fühlen sich nicht bedroht. Sie fühlen sich in Lilienthal sicher und gut aufgehoben.“ Der Leiterin des Internationalen Cafés fiel ein Stein vom Herzen.