Im Ökosystem Wald spielen Pilze eine wichtige Rolle / Heiko Ehing und Reiner Baumgart sehen keine Gefahr für Bestand durch Sammler

„Wir würden im Müll ersticken“

Wissenschaftler gehen davon aus, dass es 1,5 Millionen Pilz-Arten gibt. 75 000 sind bekannt; 5000 wachsen in Deutschland. Ein Bruchteil von ihnen kann gegessen werden; aber alle sind unentbehrlich, erklären Förster vom Forstamt Harsefeld.
06.11.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Wir würden im Müll ersticken“
Von Brigitte Lange

Wissenschaftler gehen davon aus, dass es 1,5 Millionen Pilz-Arten gibt. 75 000 sind bekannt; 5000 wachsen in Deutschland. Ein Bruchteil von ihnen kann gegessen werden; aber alle sind unentbehrlich, erklären Förster vom Forstamt Harsefeld.

Die für diese Jahreszeit ungewöhnlich warmen Temperaturen und der Regen lassen die Pilze aus dem Boden schießen. Die Sammler freut’s. Fast täglich trifft Heiko Ehing in den Wäldern der Landesforsten Niedersachsen auf sie; sieht sie mit vollem Korb davon marschieren. Im Bundesland Rheinland-Pfalz machen sich die Förster laut Presse bereits Sorgen, über die Menge an Speisepilzen, die aus den Wäldern getragen werden. Das könne das Ökosystem Wald stören. Ehing, selbst Förster für Waldökologie bei den Forstämtern Harsefeld und Rotenburg, ist skeptisch. „Ich glaube nicht, dass die Pilzpopulation durch die Sammler wirklich gestört wird.“ Sie nähmen schließlich nur die Fruchtkörper und damit höchstens zehn Prozent des Organismus mit. 90 Prozent von ihm überlebe im Erdreich. „Wenn ich annehmen müsste, dass sie die Pilze gewerblich sammeln, würde ich sie anhalten.“ Denn das ist laut Naturschutzgesetz nicht erlaubt.

Einige Pilzsorten seien durchaus in den vergangenen Jahren zurückgegangen, räumen Ehing und sein Kollege Reiner Baumgart, Pressesprecher beim Forstamt Harsefeld, ein. Die Zahl der Sammler sei wieder gestiegen. Vielleicht weil die bei den Pilzen gemessenen Werte für Radionuklide – die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl in extreme Höhen geschossen waren – wieder deutlich unter die als bedenklich geltende Grenze von 800 Becquerel gefallen sind. Für die Förster ist das aber nicht der Hauptgrund. „Mykorrhizapilze, und dazu gehören alle Speisepilze, reagieren sehr empfindlich auf eine Überdüngung mit Stickstoff“, so Ehing. Und dass der Stickstoffeintrag bedenklich geworden ist, belege der jüngste Waldzustandsbericht, ergänzt Baumgart. Sie erklären diese Entwicklung durch geänderte Landnutzung.

Ob ein Pilz eingegangen ist, sei schwer zu sagen. Manchmal bilde er nur lange Zeit keine Fruchtkörper aus, weil die Bedingungen nicht stimmten. So geschehen beim Ästigen Stachelbart. „Er wurde über Jahre nicht gesehen“, sagt Baumgart. Vor etwa drei Jahren habe er wieder Fruchtkörper gebildet. „Pilze sind überall – wir sehen sie nur nicht“, stimmt ihm Ehing zu.

Gäbe es sie nicht, würde das allerdings schnell zum Problem. „Wir würden im Müll ersticken“, sagt Ehing. Sie seien es, die Lignum und Cellulose in Holz und Laub aufspalteten. Sie verwandelten beides in Humus. Ohne sie wäre der Kreislauf der Natur unterbrochen, und nicht nur die Laubhaufen würden ins Unendliche wachsen.

Damit diese Spezialisten unter den Pilzen nicht verhungern, brauchen sie totes Holz. „Deshalb lassen wir bewusst in unserem Teil des Klosterholzes welches liegen“, berichtet Heiko Ehing. Bei einigen Bürgern sorge das nach wie vor für Kopfschütteln. Eine Untersuchung habe aber ergeben, dass dort, wo totes Holz im Klosterholz liegen gelassen wurde, die Vielfalt des Lebens weit größer ist, als an Orten ohne Totholz.

Zu dieser Vielfalt tragen die mit Pilze bei. Während sie sich vom morschen Holz ernähren, leben Spinnen, Insekten, Maden, Käfer, Schnecken und Co. von den Pilzen. Andere Pilzsorten sind wieder für die Gesundheit der Bäume und damit des gesamten Waldes verantwortlich. „Sie überziehen mit ihrem Fadengeflecht die Baumwurzeln und helfen ihnen, mehr Wasser und Nährstoffe aufzunehmen“, erklärt Reiner Baumgart. Trocken- und Frostperioden könnten die Bäume dadurch besser überstehen, hätten weniger Stress. Sie seien vitaler. „Im Gegenzug bekommen die Pilze von den Bäumen Zucker und einige Nährstoffe, die sie nicht selbst produzieren können.“ Eine perfekte Symbiose. Dass es auch weniger nette Gesellen unter ihnen gibt – parasitische Pilze, die Bäume absterben lassen – lassen die Förster und Sebastian Littmann, Student der Forstwissenschaften, dabei nicht unerwähnt. „Als Schädlinge kann man sie trotzdem nicht bezeichnen“, findet Baumgart. Denn wo ein Baum abstirbt, verjünge sich der Wald, das biete neuen Pflanzen Licht, Raum und Nahrung.

Um diese Vielfalt zu bewahren, bitten die Forstexperten die Sammler darum, die Pilze mit dem Messer abzuschneiden – damit möglichst viel Wurzel im Erdreich verbleibt. Gleichzeitig raten sie davon ab, in der Saison täglich Pilze zu essen. „Sie reichern Schwermetalle an, die den Körper belasten“, so Ehing. „Das ist total ungesund.“ „Aber sie in Maßen zu genießen, ist unbedenklich“, meint Baumgart.

Zumindest wenn die Sammler die 150 Speisepilze erkennen und nicht aus Versehen einen von den 150 giftigen Sorten (von denen zehn tödlich sind) heim tragen.

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