Haus Kreienhoop öffnet seine Tür für Besucher

Wo einst Walter Kempowski wohnte

Nartum. Es ist der 65. Literaturnachmittag, den der Rotenburger Touristikverband organisiert hat: Einführung, Lesung und Hausbesichtigung im Heim von Walter Kempowski. Gästeführerin Helga Schnars ist eine Insiderin.
06.08.2010, 18:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulrike Schumacher

Nartum. Der bange Wunsch liegt Jahrzehnte zurück. 'Hoffentlich wird die Aussicht nicht mal zugebaut eines Tages...' Doch sie ist geblieben, die Aussicht. Auch wenn hoch stehender Mais im Moment keinen weiten Blick zulässt. Über den Schreibtisch hinweg und über dessen Kante hinaus durch die schmalen, langen Fensterscheiben stoßen die Augen auf das beruhigende Grün der Natur.

Hier hat er also gesessen und zu Papier gebracht, was später ungezählte Leser in Händen halten sollten. Ein bisschen hat man das Gefühl, der Schriftsteller Walter Kempowski müsste gleich dazustoßen. Gemächlichen Schrittes durch den langen Büchergang laufen und die Gäste durch sein Haus führen. Sie werden im Spiegelsaal mit ihren Blicken an den vielen Masken hängen bleiben, die der Autor von einer seiner Reisen mitgebracht hat. Sie werden im ehrwüdigen Rostock-Saal in Alben mit alten Fotografien blättern oder sich im wuchtigen Rundturm staunend im Kreis drehen.

Auch Horst Köhler war hier

Wer sonst schon alles hier war! Kleine metallene Namensschilder an den Bücherregalen erinnern an all die Prominenz, die sich bei Walter und Hildegard Kempowski in Nartum die Klinke in die Hand gab: darunter Johannes Rau, Martin Walser, Peter Rühmkorf, Harry Rowohlt, Horst Köhler, Christian Wulf und nicht zu vergessen Edda Seippel und Karl Lieffen, die beiden Schauspieler, die manchen aus der 30-köpfigen Besuchergruppe sofort in den Sinn kommen. Hatten sie doch das Leben der Familie Kempowski aus Rostock in den siebziger Jahren so eindrucksvoll auf die Mattscheibe gebracht.

Es ist der 65. Literaturnachmittag, den der Rotenburger Touristikverband organisiert hat. Der nächste wird am 1. September sein. Auch wieder mit Einführung, Lesung und Hausbesichtigung. Gästeführerin Helga Schnars ist eine Insiderin. Die Nartumerin kennt den Schriftsteller noch als Mann aus dem Dorf. 'Meine Kinder sind bei ihm zur Schule gegangen', erzählt sie. Und dass das Ehepaar Kempowski sich vor Jahren an den Touristikverband gewandt hat, um das Besucherinteresse in geordnete Bahnen zu lenken, nachdem dauernd jemand bei ihnen anklopfte, um sich durchs Haus führen zu lassen, das am äußersten Rand von Nartum in einer Siedlung den Schlusspunkt setzt und 'Kreienhoop' heißt. Benannt nach der plattdeutschen Bezeichnung des Flurstücks, erklärt Helga Schnars. Im Hochdeutschen bedeutet Kreienhoop Krähenhaufen.

Seit 1965 wohnten Kempowskis in Nartum. Die Familie lebte im Haus der alten Dorfschule, wo Walter Kempowski Lehrer war. 'Dieser Beruf war sein Standbein, wie er oft genug betonte, auch als er längst auf seinem Spielbein, der Schriftstellerei hätte stehen können', heißt es im schmalen Band, das die Berliner Edition Fischer unter dem Titel 'Walter Kempowski in Nartum' just herausgegeben hat.

Mitte der siebziger Jahre entstand Haus Kreienhoop nach eigenen Entwürfen. Er habe stets berichtet, dass er sich darüber genauso viele Gedanken gemacht habe wie über seine Bücher, erzählt Gästeführerin Helga Schnars bei Heidelbeer- und Ananastorte. Zur anderthalbstündigen Einführung vor dem 'Besuch in der Dichterklause'treffen sich die Teilnehmer aus Bremen, den Landkreisen Osterholz und Rotenburg sowie aus München im Nartumer Hof. Hier lässt Helga Schnars das bewegte, arbeitsintensive Leben des Schriftstellers, der am 5. Oktober 2007 starb, vor dem geistigen Auge vorbeiziehen. Dann geht es in kurzer Fahrt zur Stätte seines Wirkens und Lebens.

In seinem 1988 erschienenen Roman 'Hundstage' hat Walter Kempowski das Haus beschrieben. An diesem Nachmittag wird aus diesem Roman gelesen. Nach dem Tod des Autors übernehmen das seine Witwe und Weggefährten. Diesmal lauschen die Gäste Pastor Manfred Thoden aus Sittensen, der Kempowskis Zeilen mit tiefer sonorer Stimme vorträgt, der den feinen Beobachtungen und versteckten Spitzen der lakonisch erzählten Geschichte Ausdruck verleiht und den 'Hundstagen' außerdem Einträge aus dem 1990 erschienenen Tagebuch 'Sirius' gegenüberstellt. Gewissermaßen als atmosphärische Einstimmung auf die später folgende Entdeckungsreise auf eigene Faust.

Hildegard Kempowski hat von den Weinranken im Innenhof eine große Traube abgepflückt und bietet den Gästen die Beeren zum Probieren an. Zusammen mit der Kempowski-Stiftung hält sie das Wirken ihres Mannes in Erinnerung. Dem Autor hätten all die interessierten Damen und Herren gefallen, die mit Augen und Ohren aufsaugen, was ihn zeitlebens beschäftigte. In seinem Tagebuch hat er vermerkt: 'Das fröhliche Treiben soll sich fortsetzen, auch wenn ich nicht mehr Regie führe.'

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