Geschlechterverhältnisse in Lilienthal

Wo sind die Frauen?

In Lilienthal fehlen weibliche Entscheider, sagt eine Ratsfrau der Partnergemeinde Stadskanaal – viele Frauen aus den Leitungsebenen von Vereinen und der Politik stimmen ihr zu.
15.01.2018, 19:33
Lesedauer: 4 Min
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Wo sind die Frauen?
Von Lisa-Maria Röhling
Wo sind die Frauen?

Griet Schipper hatte am Sonntag die Diskussion in Gang gebracht.

Sabine von der Decken

Lilienthal. Haben in Lilienthal zu wenige Frauen die Hebel in der Hand? Grietje Schipper sieht das so. Die Ratsfrau aus der niederländischen Partnergemeinde Stadtskanaal war beim Neujahrsempfang des Bürgermeisters am Sonntag zu Gast und wunderte sich: „Ich sehe hier so viele Männer.“ Für die Politik und für die Gesellschaft sei es besser, wenn mehr Frauen an den Entscheidungen beteiligt wären. Zahlreiche Vereinsvertreter, Feuerwehrleute, Politiker, Kirchenleute, ehrenamtlich Engagierte und viele andere Gäste, die mit der Gemeinde verbunden sind, waren am Sonntag ins Rathaus gekommen (wir berichteten). Bürgermeister Kristian Tangermann (CDU) forderte in seiner Rede, der Staat müsse den Bürgern sein Handeln begründen, um die gemeinsamen großen Aufgaben auch im Kleinen zu erklären. Die größte Herausforderung für die Gemeinde bleibe die Kinderbetreuung, sagte der Bürgermeister. Doch sind auch fehlende Frauen auf der Leitungsebene ein Problem?

Kristian Tangermann findet, man müsse die Einschätzung der Ratsfrau differenziert sehen: „Der Neujahrsempfang ist nur eine Momentaufnahme.“ Immerhin seien 60 der 180 anwesenden Gäste Frauen gewesen. In der Politik gebe es außerdem zahlreiche Frauen in Führungspositionen, wie die stellvertretende Bürgermeisterin Monika Röhr. Trotzdem sei es das Ziel der Gemeindeverwaltung, den Frauenanteil dort zu steigern. Allerdings sei das ein langfristiger Prozess, erklärt der Bürgermeister, da die Lilienthaler Verwaltung sehr klein sei.

Seit er ins Amt gekommen ist, habe er schon mehrere Frauen als Abteilungsleiterinnen angestellt, sagt Tangermann. Für ihn sei aber eine gemischte Mitarbeiterschaft wichtig, denn nur so könne ein gutes Arbeitsklima erzielt werden. Das bedeutet: gemischte Altersstrukturen, gemischte Konfessionen und eben auch gemischte Geschlechterquoten. Denn jeder einzelne Mitarbeiter bringe unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen mit. Um mehr Frauen in seine Teams zu bringen, sei für ihn ein Ansatz wichtig: „Wir wollen darauf achten, dass Frauen sich motiviert für mehr Verantwortung fühlen.“ Schon anhand der Auslastung von Kitas und Krippen sei erkennbar, dass Handlungsspielräume eröffnet werden, um Familie und Beruf zu vereinbaren.

Viele Lilienthalerinnen, die jetzt schon Führungspositionen in Vereinen, in der Politik oder anderen Organisationen innehaben, sehen das anders. Sie bestätigen die Einschätzungen der Niederländerin. „Es ist immer noch so, dass ich in meiner Arbeit überwiegend mit Männern in Besprechungen sitze“, sagt Jutta Rühlemann, Superintendentin der Evangelischen Kirche. Das sei aber sicher kein Problem, das nur Lilienthal betreffe. Es müsse selbstverständlich werden, dass der Frauenanteil in Führungspositionen steigt. Warum der Weg dahin so lang ist? „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele schwierig“, erklärt sie.

So sieht es auch Anna-Maria Moll, Leiterin der Schroeterschule. Besonders für junge Frauen sei es schwer, eine Führungsposition mit der Familienplanung zu vereinbaren. Trotzdem sei die Einschätzung von Grietje Schipper zumindest in Bezug auf ihr Berufsfeld falsch: Jede der vier Lilienthaler Grundschulen steht unter weiblicher Führung. „Die Schullandschaft in Lilienthal ist von Frauen geprägt“, sagt Moll. Besonders junge Frauen seien hier vertreten. Im Primarbereich herrsche fast immer Männermangel; da sei es sogar wünschenswert, dass sich mehr Männer um diese Stellen bewerben. Trotzdem findet sie es gut, dass im Ort so viele Frauen die Schulen leiten. „Das ist sehr begrüßenswert“, sagt Moll.

Karina Kögel-Renken, Schulleiterin der Integrierten Gesamtschule in Lilienthal, stimmt dieser Einschätzung zu. Sie findet Frauen in Führungspositionen wichtig. „Frauen müssen an Schaltstellen sitzen. Sie bringen eine ganzheitliche Herangehensweise mit.“ So seien in vielen Institutionen und Unternehmen zwar weibliche Mitglieder vertreten, allerdings dominierten in den Führungsetagen die Männer. Nur eine intensive Familienpolitik, die es Frauen ermöglicht, in der entscheidenden Lebensphase ihren Beruf und ihre Familiengründung gut zu vereinbaren, könne helfen. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, findet sie.

Christa Kolster-Bechmann ist seit vielen Jahren Vorsitzende der Lilienthaler Bürgerstiftung. Bisher sei ihr nicht aufgefallen, dass in Lilienthal besonders wenige Frauen in Führungspositionen sind, sagt sie. „Aber es ist gut, dass es von einer Außenstehenden so beobachtet wird.“ Nur durch so einen Anstoß von außen könnten teilweise eingefahrene Strukturen verändert werden. Bundesweit seien Führungspositionen im Ehrenamt oft von Männern besetzt, erklärt sie, während die ausführende Arbeit vermehrt von Frauen gemacht werde. Dabei sei es wichtig, dass in allen Einrichtungen und Unternehmen leitende Positionen von Frauen und Männern zu gleichen Teilen besetzt werden.

Auch in der Feuerwehr Lilienthal engagieren sich zahlreiche Bürger ehrenamtlich. Die Geschlechterverhältnisse, sagt Jugendfeuerwehrwartin Anja Bellmann, sind unter allen Feuerwehrleuten gemischt. Allerdings sind auch dort nur wenige Frauen in den hohen Organisationsebenen zu finden. „Das könnten noch mehr machen“, sagt sie. Warum so wenige Frauen in diesen Positionen sind, wisse sie nicht. Sie selbst sei vor 15 Jahren gefragt worden, ob sie die Position als Jugendfeuerwehrwartin übernehmen wolle. Sie hofft, dass sich in Zukunft mehr Frauen für solche Aufgaben entscheiden. „Eine Ortsbrandmeisterin hatten wir in Lilienthal noch nicht.“

Andrea Vogelsang engagiert sich in zahlreichen Verbänden und Vereinen ehrenamtlich, ist außerdem Ratsfrau und sitzt für die SPD im Kreistag. Für sie sei es ganz normal, dass in führenden Positionen überall Männer seien, sagt sie. „Das ist leider der Standard.“ Zu oft seien typische Rollenbilder noch zu sehr in der Gesellschaft verankert – sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Es gebe immer noch viele Vorurteile gegenüber Frauen. Diese wiederum schreckten oft vor der Herausforderung einer Führungsposition im Verein oder einer politischen Aufgabe zurück. Dabei engagierten sich sehr viele Frauen in ihrer Freizeit. „Sie fürchten sich vor den veralteten Strukturen“, erklärt Vogelsang. Deswegen müsse Unterstützung nicht nur von Männern, sondern auch von anderen Frauen kommen.

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