Als einziger ausgebildeter Mühlenführer ist der Niederländer Jan Tissing überfordert Worpswede sucht einen Hobbymüller

Mit Mühlen hatte Jan Tissing nichts am Hut, als er vor elf Jahren nach Worpswede kam. "Ich war Unternehmensberater, kein handwerklich begabter Mensch", sagt der Holländer. Doch dann hat er sich zum Hobbymüller-Lehrgang angemeldet. Jan Tissing hat Wind- und Wassermühlen von Dangast bis Delmenhorst gesehen. Jetzt kennt er ihre Technik und Geschichte. "Das ist hochinteressant." Seit Jahren zeigt Tissing Besuchern die Worpsweder Mühle. "Das ist lustig, das mach’ ich gerne." Nur: Allein ist der 71-Jährige überfordert, das Interesse an Mühlenführungen ist groß. "Es wäre schön, wenn da mal ein paar Mitstreiter wären", hofft Tissing.
13.04.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Wilke

Mit Mühlen hatte Jan Tissing nichts am Hut, als er vor elf Jahren nach Worpswede kam. "Ich war Unternehmensberater, kein handwerklich begabter Mensch", sagt der Holländer. Doch dann hat er sich zum Hobbymüller-Lehrgang angemeldet. Jan Tissing hat Wind- und Wassermühlen von Dangast bis Delmenhorst gesehen. Jetzt kennt er ihre Technik und Geschichte. "Das ist hochinteressant." Seit Jahren zeigt Tissing Besuchern die Worpsweder Mühle. "Das ist lustig, das mach’ ich gerne." Nur: Allein ist der 71-Jährige überfordert, das Interesse an Mühlenführungen ist groß. "Es wäre schön, wenn da mal ein paar Mitstreiter wären", hofft Tissing.

Worpswede. Im Jahr führt Jan Tissing 300 bis 400 Menschen durch die Worpsweder Mühle. Er zeigt ihnen die tonnenschweren Mahlsteine und die Königswelle in der Mitte, die dafür sorgt, dass sich die steinernen Kolosse drehen. Die stählerne Welle reicht bis hinauf zum Flügelkreuz der 16 Meter hohen Windmühle. Jan Tissing, der Hobbymüller, erklärt den Gästen mit niederländischem Akzent, wie die Mühle arbeitet. Er zeigt ihnen die alten Maschinen, den Wurfsichter und die Haferquetsche, den Sackheber und den Getreidereiniger, dazu die Singer-Sacknähmaschine.

Jan Tissing kann viel erzählen über die Mühle auf dem Rattenberg. Sie steht auf einer Sanddüne in der Hammeniederung. Bei den winterlichen Überschwemmungen retteten sich Mäuse und Ratten auf den Mini-Hügel, daher der Name. "Wieso hat man das Ding nicht auf den Weyerberg gestellt?", hat sich Tissing gefragt. Da herrschen bessere Windverhältnisse. "Aber da kam man mit dem Schiff nicht hin", erklärt er den Mühlenbesuchern heute. Wenn Land unter war, kamen die Bauern mit Kähnen. Um im Sommer hätten sich die Landmänner mit ihren Karren auf weichen Sandwegen auf den Weyerberg quälen müssen.

Bei Gewitter droht Gefahr

Täglich guckt Jan Tissing nach der Windmühle. "Man hat eine große Verantwortung." Wenn die Technik streikt, wenn etwas kaputt geht, kann er die Hobbymüller in Osterholz-Scharmbeck oder Lübberstedt anrufen. "Ich kenne alle Leute in der Umgebung. Die meisten sind handwerklich geschickt." Bisher hatte Tissing einen kompetenten Mitstreiter auch in Worpswede: Heinrich Schwenke, Sohn des letzten Worpsweder Müllers. "Heini Schwenke konnte das", sagt Tissing. Der Müllersohn, der in Worpswede ein Versicherungsbüro betrieb, kannte die Mühle aus dem Effeff. Und er konnte bei Führungen Geschichten erzählen. Das betont Susanna Böhme-Netzel, Vorsitzende der Freunde Worpswedes. Der Verein kümmert sich um die Mühle und die Führungen. Tissing sitzt im Mühlenkreis der Worpswede-Freunde.

"Heinrich Schwenke kannte jedes Teil, jeden Handgriff", so Böhme-Netzel. Er habe "wunderbar spannende Führungen" angeboten. Sein plötzlicher Tod am 9. Januar hat eine Lücke gerissen, die die Freunde Worpswedes nicht schließen können. Zwar hat der Bruder Stefan Schwenke seine Hilfe angeboten. Doch als Worpsweder Bürgermeister ist er ein viel beschäftigter Mann. "Ich will gerne helfen, soweit es mir möglich ist", sagt der Verwaltungschef. "Wenn der Kopf mal gedreht werden muss. Die Dinge kenne ich ja noch."

Gefahr droht bei Gewitter, wenn Sturmböen die Windrichtung abrupt ändern. Dann kann der Mühlenkopf kippen. Um das zu verhindern, muss jemand die Leitern hochklettern, ganz oben die Flügel von der Windrose abkoppeln und den Mühlenkopf per Kurbel drehen. Als Müllersohn ist Stefan Schwenke mit dem Handwerk vertraut. Die Mühle ist jetzt 125 Jahre im Familienbesitz, der Urgroßvater kaufte sie anno 1888. Nach Heinrich Schwenkes Tod suchen die Freunde Worpswedes dringend Unterstützung für ihren Hobbymüller Jan Tissing. "Ideal wäre ein Rentner oder Freiberufler, der in der Nähe von Worpswede wohnt", erklärt Susanna Böhme-Netzel. Zwar melden sich die meisten Gruppen vorher bei der Tourist-Information an, wenn sie die Mühle von innen sehen wollen. Doch mitunter stehen Worpswede-Besucher unangemeldet vor der Windmühle.

Eine Ausbildung zum freiwilligen Müller bietet die Mühlenvereinigung Niedersachsen-Bremen an. Sie dauert zwölf bis 18 Monate mit 160 Stunden Theorie und Praxis. In Wochenendseminaren lernen die Hobbymüller Mühlensysteme kennen. Wer sich dafür interessiert, kann sich unter Telefon 04792/1277 an Susanna Böhme-Netzel wenden.

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