Malerin Ivanka Svobodová-Rinke stellt aus Worpsweder Freiheit in Rot

Planquadrate. Nichts als grasgrüne, wie mit dem Lineal gezogene. Planquadrate. Nichts als grasgrüne, wie mit dem Lineal gezogene Planquadrate. Gesäumt von grauweißen Birken. 360 Grad Horizont.
11.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Worpsweder Freiheit in Rot
Von Max Polonyi

Planquadrate. Nichts als grasgrüne, wie mit dem Lineal gezogene Planquadrate. Gesäumt von grauweißen Birken. 360 Grad Horizont. Das ist Worpswede – da ist nichts, das einem die Sicht versperrt. Keine Berge, keine Fabrikbauten mit rauchenden Schornsteinen. Keine Mauern. „Kein Eingesperrtsein“, sagt Ivanka Svobodová-Rinke. Vielleicht sei es das, was sie an ihrer Wahlheimat so liebe.

Sie, die hinter dem Eisernen Vorhang aufwuchs. Svobodová-Rinke, 64, schwarzer Wollpullover und knöchellanger Filzrock, ein bisschen Waldorf, ein bisschen erhaben, steht in ihrem Scheunen-Atelier und stellt Bilder von einer Wand an die andere. Eines, auf dem ein grauer Wall einem Menschenkopf die Sicht versperrt, hält sie ins Licht. Betrachtet es und sagt: „Das mit den Mauern zieht sich durch fast alles, was ich gemalt habe.“

Svobodová-Rinke muss Bilder aussuchen. Sie bereitet sich auf ihre Ausstellung im Museum am Modersohn-Haus vor. Am Sonntag ist Vernissage, bis zum 16. Mai werden dort rund 40 ihrer Werke zu sehen sein. „Sediment Purpur“ heißt die Schau.

Zur Eröffnung wird die Sammlerin Sigrun Kaufmann sprechen. Hans Dieter von Friedrichs, der die Barkenhoff-Stiftung gegründet hat, wird eine Laudatio halten und die Schauspielerin Nina Herting den Gästen Kafka vorlesen. Alles wegen Svobodová-Rinke. Es ist etwas Besonderes, sie wird eine der wenigen zeitgenössischen Künstler sein, die im Museum am Modersohn-Haus ausstellen dürfen. Und sie freut sich darauf, sagt sie, „das ist eine unheimliche Wertschätzung meiner Arbeit“.

Ihre Arbeit, das ist vor allem das Abstrakte. Sie malt Flächen und setzt auf die Wirkung von Farbe. Rot hat es ihr angetan, „das ist die schönste Farbe auf der Welt. Ich finde sie befreiend, nicht aggressiv, eher meditativ“, sagt sie. Auf fast jedem ihrer Bilder dominiert die Primärfarbe. Unregelmäßig aufgetragen ergibt das eine räumliche Tiefe: Das satte Rot im Vordergrund gibt hier und da den Blick frei auf Formen, Flächen und Farbvariationen, die darunter liegen. Sie malt Mauern, Wälle, Platten und darin Tore, Lücken und Löcher. Darüber Horizonte. „Es geht oft ums Einsperren und Ausbrechen“, sagt sie.

Svobodová-Rinke war selbst einmal eingesperrt. Sie sitzt in ihrem Atelier an einem runden Holztisch voll eingetrockneter Farbe und erzählt. 1951 in der Tschechoslowakei geboren und aufgewachsen, machte sie zunächst eine Ausbildung als Mess- und Regelmechanikerin in Prag. Im August 1968, als sowjetische Soldaten in das Land einmarschierten, fasste sie den Entschluss, zu fliehen. Prager Frühling. „Es war skurril. Ich lebte in einem Haus, in dem auch Russen wohnten“, sagt sie.

„Wir verstanden uns gut, aber als die Soldaten kamen und unsere Freiheit eingeschränkt wurde, wollte ich weg.“ Die Flucht verschlug sie nach Kiel, wo sie studierte und Erfahrung im westdeutschen Kunstbetrieb sammelte. „Ich hatte dort eine Galerie zusammen mit Freunden.“ Sie malte, stellte aus und verdiente ihr Geld mit Gelegenheitsjobs – „Kellnern, Babysitten, was man als junger Mensch macht.“ Eine wertvolle Zeit sei das für sie gewesen, sagt sie heute.

Nach einem Frankreichaufenthalt Ende der 1970er-Jahre erhielt sie 1983 ein Stipendium in Worpswede. „Ein Wahnsinns-Sommer war das“, erinnert sie sich. Die Sonne über der Moorlandschaft habe sie inspiriert, „ich habe Nächte durchgemalt“. Und sie ist geblieben, hat geheiratet und weiter gemalt. Ihre Bilder hat sie in Hamburg, Kiel und Bremen ausgestellt, manche ihrer Werke hängen in öffentlichen Einrichtungen in Flensburg und Schleswig. „Ich konnte mir ein treues Publikum aufbauen, darüber bin ich sehr glücklich“, sagt sie und lächelt.

Im vergangenen Jahr erhielt sie den Bernhard-Kaufmann-Preis, „das war sicher einer der Höhepunkte meiner Laufbahn“, sagt sie. Hat sich seitdem etwas für sie verändert? „Vielleicht ein bisschen. Ich glaube, es gibt mehr Interesse an meiner Arbeit, und mir wird etwas mehr Wertschätzung entgegengebracht.“

Nun aber muss sie weiter aussuchen, sondieren, welche Werke ausgestellt werden sollen. Sie steht vor einem Bild, ihr größtes, zwei Meter und 20 mal zwei Meter, rot in rot – „ muss mit“, sagt sie. Es passt nicht in den Kofferraum, „dafür nehmen wir einen Pferdewagen“. Ist sie aufgeregt? „Ach, ich freue mich vor allem“, sagt sie und lacht. Draußen, um die Galerie, die Planquadrate. Dahinter grauweiße Birken an den Straßen. 360 Grad Horizont, das ist Worpswede. „Hat was von Freiheit“, sagt sie.

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