70 Jahre Kriegsende Zeitzeugen erinnern sich

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Anton Cordes als Soldat an der Elbe bei Magdeburg, wo britische und sowjetische Truppen zusammentrafen. Der Lilienthaler kam in Kriegsgefangenschaft.
26.04.2015, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Lars Fischer

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Anton Cordes als Soldat an der Elbe bei Magdeburg, wo britische und sowjetische Truppen zusammentrafen. Der Lilienthaler, der schon 1941 als 19-Jähriger eingezogen wurde, kam in Kriegsgefangenschaft. Zuvor war er auf der Krim und im Kaukasus stationiert, bis 500 Kilometer vor Stalingrad führte ihn der Krieg. Sein Zwillingsbruder starb in Norwegen, als er abseits der Kampfhandlungen auf eine Landmine trat, ein weiterer Bruder wurde in der Normandie während der Invasion erschossen. Anton Cordes kam glimpflicher davon: Nur „eine leichte Verwundung“ sei der Beindurchschuss gewesen, den er am 9. April 1944 erlitt, sagt er.

„Ich war sehr gefährdet in Russland“, rekapituliert der heute 93-Jährige in der Rückschau, „und habe es überlebt.“ Über zwei Wochen dauert der Krankentransport mit dem Schiff übers Schwarze Meer und dem Güterzug nach Polen, bis er schließlich im Lazarett in Warschau ankommt. Als er dann wieder einsatzfähig ist, weicht seine Einheit immer weiter vor der vorrückenden Roten Armee zurück gen Westen, und schließlich kommt Cordes in englische Kriegsgefangenschaft.

Die Briten beginnen bald, die Soldaten nach Hause zu entlassen. Anton Cordes meldet sich an – und wird abgewiesen. „Zunächst kamen alle die aus der britischen Besatzungszone frei“, erinnert er sich. Der Landkreis Osterholz ist aber an die Amerikaner übergeben worden. Also stellt der gelernte Kaufmann eine zweiten Antrag 14 Tage später und schreibt hinein: „Lilienthal/Landkreis Bremervörde“. Der Trick klappt, und im August 1945 geht es nach Zeven. Als sich bei einer Kontrolle jemand über die Ortsangabe wundert, stellt Cordes sich dumm, wie er grinsend einräumt. Schließlich darf er gehen, marschiert nach Tarmstedt, übernachtet, als die Sperrstunde kommt, in einer Scheune und fährt mit dem ersten Zug der Jan-Reiners-Kleinbahn am nächsten Morgen heim.

Er findet Arbeit als Helfer in der Küche der in Lilienthal stationierten amerikanischen Soldaten, die im früheren Hotel Kummer untergebracht sind. „Das entsprach zwar nicht meiner Planung, aber das Arbeitsamt wollte es so. Es zeigte sich dann aber sehr schnell, dass ich mit dieser Vermittlung Glück gehabt hatte, denn vor dem Beginn unserer Tätigkeit wurden meine beiden neuen Kollegen und ich gefragt, ob wir schon gefrühstückt hätten, was wir natürlich verneinten. Das Frühstück, das wir dann bekamen, war sehr gut und reichlich.“ Die Helfer bekommen, was auch die Soldaten essen. Wenn etwas übrig bleibt, dürfen sie es mitnehmen und können so auch ihre Angehörigen versorgen.

In Lilienthal halten sich die Zerstörungen in Grenzen, und die Atmosphäre ist vor allem von Erleichterung geprägt. „Die Soldaten waren sehr nett und haben uns manchmal von den Päckchen, die sie aus Amerika erhielten, etwas abgegeben“, berichtet Anton Cordes. „Ganz besonders haben wir aber den Küchenchef geschätzt. Er hat uns, nachdem die Kompanie im Oktober 1945 verlegt worden war, vor seiner Heimreise nach Amerika an Weihnachten noch Bohnenkaffee geschenkt.“

Cordes engagierte sich in der Jugendarbeit der Lilienthaler Kirchengemeinde. Besonders den Gottesdienst in der Klosterkirche Weihnachten 1945 hat er bis heute in lebhafter Erinnerung. Die Kirche sei immer gut besucht gewesen: „Ein Grund dafür waren wohl die zahlreichen Flüchtlinge, die in die Gemeinde aufgenommen wurden. Es lag aber sicher auch daran, dass die Menschen dankbar dafür waren, dass der Krieg beendet war und sie noch lebten.“

Nach seinem Küchenjob arbeitete er wieder als Kaufmann und bewarb sich bei der Bremer Landeskasse. Auch dort kam ihm seine Herkunft noch einmal in die Quere, denn zunächst wurden nur Bremer eingestellt. Schließlich wurde der Lilienthaler doch angenommen und arbeitete im Lohnbüro im Bremer Rathaus. Auch seine Verbeamtungsprüfung bestand er, nicht zuletzt, weil ihm einer der Prüfer besonders wohl gesonnen war; ein junger Mann namens Hans Koschnick.

„Ich stand auf dem Dach und plötzlich marschierten Männer in karierten Röcken vorbei!“ Werner Schön war erst sechs Jahre alt, aber dieses Bild wird er nie vergessen. Im August 1943 war seine Familie aus Hannover nach Worpswede gezogen, weil sein älterer Bruder, gerade mal 15 Jahre alt, in Lilienthal einen Ausbildungsplatz gefunden hatte. Die alleinerziehende Mutter wollte in der Nähe leben und hoffte zudem, vor Bombenangriffen auf dem Land sicherer als in der Stadt zu sein.

Die Familie findet eine Mietwohnung am Richtweg, dem heutigen Udo-Peters-Weg. Darin ist noch einiges Mobiliar der vorherigen Bewohnerin und ehemaligen Besitzerin des Hauses, die sie nicht mehr kennenlernen: Rosa Abraham ist zu diesem Zeitpunkt bereits in Theresienstadt von den Nationalsozialisten ermordet worden. Im November 1939 war die Jüdin deportiert worden.

Aus der Perspektive des Kindes nimmt Werner Schön die Ereignisse im Künstlerdorf auf. Aber auch die Eindrücke aus den Bombennächten zuvor in Hannover, als die Familie in Bunkern Zuflucht suchte, sind ihm heute noch vor Augen. Werner Schön kennt das Geräusch der herannahenden Bomber. Geschlafen wurde in voller Montur, um schneller in den Bunker zu kommen. Zeitungspapier um die Schuhe sollte die Bettwäsche sauber halten. Auch in Worpswede gab es häufig Alarm, selbst wenn die Angriffe Bremen galten. Holpert nach Kriegsende ein schweres Gespann den unbefestigten Richtweg hinunter, schreckt der Junge oft im Schlaf hoch: „Es klang so wie das Donnern der Flugzeuge“, sagt Schön, der zunächst nicht verstand, das keine Gefahr mehr drohte.

Das ist in den letzten Kriegswochen in Worpswede noch anders: Auf dem Weg nach Schlußdorf, wo es im Kolonialwarenladen angeblich Essig geben soll, geraten sie unter Tiefflieger-Beschuss. Die gegenüber der Wohnung liegende heute nach Rosa Abraham benannte Dreieckswiese ist von Schützengräben durchzogen. In den letzten Kriegstagen beschießt eine deutsche Flakstellung aus Richtung Grasberg die Kreuzung vor der jetzigen Music Hall, damals Schröders Gasthaus, um den vorrückende Alliierten die Wege abzuschneiden. Eines der Geschosse bleibt in der Krone einer Linde am Richtweg hängen und schlägt im Dachstuhl des Abrahamschen Hauses ein. Der Schaden ist vergleichsweise gering, die meisten Räume bleiben bewohnbar. Zusammen mit einem größeren Jungen ist Werner Schön gerade dabei, heil gebliebene Ziegel aus dem Garten zu suchen und den Schaden am Dach notdürftig zu flicken, als das schottische Hochland-Regiment einmarschiert: „Soldaten kannte ich zur Genüge, aber solche hatte ich noch nicht gesehen.“

Bald kommen auch Engländer, später Amerikaner. Ein junger Brite muss das Haus gegenüber bewachen. „Er hatte den Tee, wir das heiße Wasser“, berichtet Schön. Man wird sich schnell einig. Die Bombentrichter laufen voll Wasser, Tiere trinken daraus, und mancher versenkt schnell noch Waffen und Munition, die die Kinder später beim Spielen wiederfinden.

Andere sind unbelehrbar: Im Dorf erzählt man sich, Fritz Mackensen habe aus den Fenstern seiner Villa auch noch nach Kriegsende auf amerikanische Soldaten, die sich mit Worpsweder Mädchen amüsierten und sich in der Sonne liegend vom Kampf erholten, angelegt. Der Gründer der Künstlerkolonie muss sein Domizil räumen, auch er wird im Abrahamschen Haus untergebracht. Mit dem Nachbarsjungen spricht er aber kaum ein Wort, erinnert sich Werner Schön.

Die Amerikaner haben ihr Hauptquartier im Philine-Vogeler-Haus und beschlagnahmen mehrere Gebäude, die sie flugs mit Telefonleitungen verbinden. Die Kinder im Dorf legen schnell ihre Angst vor den Fremden ab und finden heraus, dass die Soldaten meistens Kaugummi springen lassen, wenn man nur lange genug fragt. Nachdem sie Ende 1945 abziehen – nicht ohne sich mit einem Kinderfest zu Weihnachten in Schröders Saal zu verabschieden – bleibt den Kindern nur noch Schweineschwarte als Ersatz: „Wir hatten uns so an das Kauen gewöhnt.“

Helmut Stelljes’ Vater wurde als Postbeamter bereits 1939 zur Feldpost eingezogen, seine Mutter suchte mit dem damals Sechsjährigen und seiner Schwester Schutz bei ihren Verwandten, die in der heute zu Grasberg gehörenden Moorsiedlung Seehausen einen bescheidenen Hof betrieben. Waren die Verhältnisse auch extrem einfach und die Arbeit hart, so hat der Junge aus Bremen vor allem Erinnerungen an eine idyllische, naturverbundene Kindheit, in die der Krieg nur selten einfiel.

Wenn die Sirenen heulen geht die Familie im Kartoffelkeller in Deckung, und als zwei Heranwachsende aus dem Dorf den mittlerweile wohl Elfjährigen für ein Treffen der Hitlerjugend abholen wollen, versteckt er sich im Heu. Dort bringt die Tante auch seine Cousinen in Sicherheit, wenn sich Soldaten dem Hof nähern und sie um die jungen Mädchen fürchtet.

Der Waller Junge geht wie alle anderen Kinder aus Seehausen zur Grundschule im Dorf und danach in die „Aufbauschule“ in Worpswede. Die sieben Kilometer bis dahin fährt er mit dem Fahrrad. „Dabei erlebten wir manchmal die Bombengeschwader, die über uns in großer Höhe hinweg brummten“, erinnert er sich. „Die Geschehnisse des Krieges wurden mehr und mehr sichtbar. Und auf den Feldern fürchteten sich die Dorfbewohner vor den Tieffliegern. Die Front der englischen Truppen kam zunehmend näher. Versprengte deutsche Soldaten kamen durch Seehausen. Und eines Nachts zog ein langer Zug von deutschen Soldaten mit Pferden, Wagen und Geschützen durchs Dorf in Richtung Tüschendorf.“ Eine Ziehharmonika haben sie dabei, aus einem ihrer aufgegebenen Lager. Die schenken sie Helmut, der darauf noch heute spielt.

Ende April 1945 rücken die englischen Truppen aus Wörpedorf und Grasberg in Seehausen ein. Die Soldaten quartieren sich in den ersten Bauerhäusern des Dorfes ein. Am 8. Mai 1945 tauchen dann zwei uniformierte Engländer auf der Diele auf. Sie sprechen Helmut Stelljes’ Tante Sine an und sagen freundlich einen kurzen Satz: „War is finished!“

Die Tante, die Zeit ihres Lebens Platt gesprochen hat, versteht nicht. Helmut aber, der in der Aufbauschule Englischunterricht gehabt hat, übersetzt, dass der Krieg beendet sei. Den Tag wird er nie vergessen: „Es war die Tageszeit vor Sonnenuntergang, und ich hatte zuvor den leuchtenden Sonnenball am Horizont betrachtet. In diesem Moment hatte die Sonne ein erkennbar lachendes Gesicht gezeigt. Das mag man glauben oder nicht, ich habe es an diesem Abend wirklich so erlebt.“

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