Biologische Station Osterholz sammelt Daten über die verschiedenen Lebensräume in der Hammeniederung Zur Inventur in die Natur

In der Hammeniederung sind sie zurzeit dabei zu beobachten, wie sie den Blick nach unten gerichtet über die Wiesen des GR-Gebietes stapfen. Im Auftrag des Landes Niedersachsen sind sie unterwegs: die sieben Kartierer der Biologischen Station Osterholz.
19.05.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Zur Inventur in die Natur
Von Brigitte Lange

In der Hammeniederung sind sie zurzeit dabei zu beobachten, wie sie den Blick nach unten gerichtet über die Wiesen des GR-Gebietes stapfen. Im Auftrag des Landes Niedersachsen sind sie unterwegs: die sieben Kartierer der Biologischen Station Osterholz.

Landkreis Osterholz. Sobald sich die Regenwolken verzogen haben, macht sich Hans-Gerhard Kulp auf den Weg. An den Füßen Gummistiefel, unterm Arm ein Klemmbrett mit Erhebungsbogen sucht der Leiter der Biologischen Station Osterholz (Bios) seit Anfang Mai fast jeden Nachmittag die Hammeniederung auf. Sein Auftrag: Lebensräume, Biotope und bestimmte Pflanzenarten im sogenannten GR-Gebiet zu dokumentieren. Die Experten sprechen vom Kartieren.

Auf dieser 2700 Hektar messenden Fläche realisiert der Landkreis seit Mitte der 1990er Jahre ein Naturschutzgroßprojekt von gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung. Der Europäischen Union ist es als FFH-Gebiet (Fauna Flora Habitat) gemeldet. Es trägt dazu bei, die biologische Vielfalt in Europa über alle nationalen Grenzen hinweg zu erhalten. Um diese FFH-Räume zu schützen, wurden von der EU eigens Richtlinien erlassen.

"Mit sieben Leuten sind wir im Einsatz", geht Kulp auf den Auftrag ein. Vier Mitarbeiter der Bios, drei Externe – sie alle erkennen die Pflanzen und Tiere der Region noch mit verbundenen Augen. Dabei sei es egal, ob die Pflanzen bereits ihre typischen Blütenmerkmale zeigten. Mit diesem Fachwissen überzeugten sie das Land Niedersachsen. Es attestierte der Bios, dass sie die Qualifiziertesten und die Wirtschaftlichsten für die Aufgabe seien. "Der Auftraggeber wollte uns, weil wir die beste Artenkenntnis vor Ort besitzen", bringt es Kulp auf den Punkt.

Niedersachsen hatte den Auftrag Anfang des Jahres ausgeschrieben. Es braucht aktuelle Informationen über die Biotoptypen – also die verschiedenen Pflanzen- und Tiergesellschaften – in der Hammeniederung. "Selbst ein Bahndamm ist ein Biotop", erklärt Kulp den oft missverständlich gebrauchten Begriff. Denn auch dort leben Pflanzen und Tiere. Gefährdete und stark gefährdete Arten würden sie bei der Kartierung extra notieren.

"Das Land ist verpflichtet, dem Bund regelmäßig den Zustand des FFH-Gebietes zu melden", sagt Kulp. Die von der Bios gesammelten Daten geben Auskunft darüber, wie das Naturschutzgroßprojekt voranschreitet und ob die gesteckten Ziele erreicht werden. Es ist eine Erfolgskontrolle.

Auch die EU braucht Informationen: "Die Kommission in Brüssel will wissen, welche Lebensformen hier vorkommen." Diese Lebensraumtypen stimmen in etwa mit den Definitionen der verschiedenen Biotoptypen überein. Zusätzlich möchte die Kommission Informationen, in welcher Qualität der Lebensraumtyp ausgeprägt ist. Konkret: Finden sich in einer Pflanzengesellschaft weniger als vier für den Bereich typische Arten, betrachtet Brüssel ihn nicht als sonderlich gut entwickelt. Er gilt dann nicht als Lebensraumtyp. "Ein Biotoptyp ist er trotzdem", sagt Kulp. Schließlich ist er Lebensort für Tier- und Pflanzengesellschaften; also ein Biotop.

Gleich neben dem Ahrensfelder Damm liegt eine der Flächen, die Kulp begutachten muss: Für den Laien eine Wiese mit verschieden hohen Gräsern. Weiße, gelbe und rosa Blüten wiegen sich über und zwischen den Halmen im Wind. Hans-Gerhard Kulp geht die Fläche ab. Bei jedem Schritt schwingt der Boden unter seinen Füßen leicht mit. Laut Biotoptypen-Schlüssel handelt es sich um eine basen- und nährstoffarme Nasswiese. "Das entspricht laut EU dem Lebensraumtyp ,Pfeifengraswiese auf torfigen Böden’", sagt er.

Seine Aufgabe ist es nun zu gucken, wie vollständig diese definierte Lebensgemeinschaft ist. Setzt sie sich zum Beispiel aus vielen niedrig, mittel und hoch wachsenden Kräutern – wie es sich für eine solche Nasswiese gehört – zusammen? Oder fehlen typische Merkmale wie eine dichte Moosdecke? Im nächsten Schritt geht es um die Arten, die auf der Wiese wachsen. Das Arteninventar. "Finde ich hier mehr als zehn typische Arten, ist das hervorragend", sagt Kulp. Gebe es nur sechs, sei der Lebensraumtyp weitgehend vorhanden; bei vier bis fünf spricht die EU von schlecht ausgeprägt.

Kulp kniet sich hin, nimmt eine noch nicht erblühte Pflanze zwischen die Finger: eine Sumpfplatterbse. "Die steht auf der roten Liste", sagt er. Auf dieser Nasswiese gibt es sie noch. Daneben wachsen Sumpfdotterblumen, deren Samen schwimmfähig sind. Auch die Blasensegge und das Wassergreiskraut kommen vor. Dass selbst das schmalblättrige Wollgras dort wächst, ist ein Zeichen dafür, wie wenig Nährstoffe im Boden sind. Eine Bedingung für diesen Lebensraum. Würde die Fläche gedüngt, wäre es mit der Artenvielfalt vorbei. Und auch die Uferschnepfe, die solche selten gewordenen niedrigwüchsigen Nasswiesen als Kinderstube nutzt, würde verschwinden. Die Kräuter, von deren Blüten ihre Jungen Insekten picken, würden von schnell wachsendem Gras verdrängt, so Kulp.

Nach kurzem Suchen findet er ein unscheinbares Gras: das duftende Mariengras. "Bundesweit ist es vom Aussterben bedroht", erklärt er. "Aber in den Hammewiesen kommt es noch recht häufig vor." Nach der Mahd sorgt sein Cumarin-Geruch für den typischen Duft des Heus. Sein Vorkommen am Ahrensfelder Damm wird von ihm, genau wie das der Sumpfplatterbse extra in den Karten vermerkt.

Nach diesen vorgegebenen Kriterien – den Kartierungs-Schlüsseln – müssen Hans-Gerhard Kulp und seine sechs Kollegen nun die gesamten 2700 Hektar des GR-Gebietes untersuchen. Allein 2000 Hektar davon sind Grünland. Dessen Pflanzen müssen vor der ersten Mahd erfasst werden. Dass viele der Flächen nicht vor dem 1. Juni gemäht werden dürfen, hilft. "Wenn man sich da erst mit der Lupe und dem Bestimmungsbuch hinsetzen müsste, würde man die Flächen nicht schaffen", sagt er.

Ist das Grünland erfasst, werden sich Kulp und seine Kollegen den Gehölzen, Wäldern und Mooren des GR-Gebietes widmen. "Bis September werden wir unterwegs sein", sagt der Leiter der Bios.

Und da Kreis, Land und EU immer wieder Informationen zum GR-Gebiet benötigen, wird es wahrscheinlich nicht die letzte Erhebung sein, für die Hans-Gerhard Kulp die Hammeniederung durchstreift.

Zitat:

"Wenn man sich erst mit der Lupe hinsetzen müsste, wäre das nicht zu schaffen."

Hans-Gerhard Kulp, Biologische Station

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