Bürgermeister Traugott Riedesel startet als Privatmann ein Car-Sharing-Projekt in seiner Gemeinde Zwei Elektro-Autos für Wilstedt

Voraussichtlich ab Juni stehen den Wilstedtern zwei moderne Elektro-Autos zur Verfügung. Hinter dem in der Region einzigartigen Car-Sharing-Projekt steckt Wilstedts Bürgermeister Traugott Riedesel.
18.02.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Voraussichtlich ab Juni stehen den Wilstedtern zwei moderne Elektro-Autos zur Verfügung. Hinter dem in der Region einzigartigen Car-Sharing-Projekt steckt Wilstedts Bürgermeister Traugott Riedesel.

Ohne Auto mobil sein, zum Krankenhaus nach Rotenburg fahren oder zum Facharzt nach Zeven – das ist schwierig, wenn man in Wilstedt oder anderen Ortschaften im Süden der Samtgemeinde Tarmstedt wohnt. Denn die Busverbindungen sind eher mäßig, die Menschen fühlen sich regelrecht abgehängt.

Wilstedts Bürgermeister Traugott Riedesel will das jetzt ändern. Als Privatmann zieht der Arzt ein in der Region einzigartiges Car-Sharing-Projekt in seiner Gemeinde auf. Er hat zwei rein elektrisch betriebene VW Golf bestellt, heute spricht er mit Vertretern eines Stromversorgers wegen der benötigten Ladesäulen.

Zugute kommt Riedesel, dass die Metropolregion Hamburg, zu der der Landkreis Rotenburg gehört, gerade ein Programm aufgelegt hat, um die Elektromobilität voranzubringen. Passend dazu gibt es von den Herstellern der Elektro-Autos ebenfalls Unterstützung. So habe Volkswagen ein Leasing-Sonderprogramm für Gewerbetreibende gestartet, berichtet der Tarmstedter VW-Händler Wolf Warncke. Unterm Strich komme dank der Subventionen eine monatliche Leasingrate von 240 Euro pro Elektroflitzer heraus, die jeweils immerhin rund 40 000 Euro kosten.

Das Projekt, hinter dem auch das Bundesverkehrsministerium steht, läuft über 24 Monate und wird wissenschaftlich von der TU Harburg begleitet. „In die Autos wird ein digitales Logbuch eingebaut, das jede Fahrt aufzeichnet“, weiß Warncke, „die machen richtig Feldforschung im praktischen Betrieb.“ Für die teilnehmenden Betriebe sei das Risiko sehr gering, denn für die Autos gelte eine umfangreiche Garantie, und nach Abschluss des Projekts in zwei Jahren gingen sie einfach zurück. Es gebe weder Anzahlung noch Restzahlungen.

Das Wilstedter Car-Sharing-Projekt betrachtet Riedesel als Experiment. „Die individuellen Bedürfnisse der Menschen kann man ja vorher nicht abstrakt abfragen“, sagt er. Die Nachfrage sei schlichtweg nicht abzuschätzen, „da hilft nur das Prinzip Versuch und Irrtum weiter“. Die beiden E-Autos würden voraussichtlich im Mai ausgeliefert, der Betrieb solle möglichst zum 1. Juni starten. Das Ausleihen der Autos werde „niedrigschwellig“ vonstatten gehen. „Ohne Internet und ohne Apps und Smartphone“, sagt Riedesel, „das soll erst einmal über unsere Arztpraxis laufen“. Die sei die Woche über von 7.30 bis 18.30 Uhr besetzt, außer Mittwoch nachmittags. „Das wird sich irgendwie einpendeln“, meint er. Ausgeliehen werden sollen die Autos zu einem Stundenpreis, in dem die Stromkosten fürs Aufladen bereits enthalten seien.

Die Preise stehen noch nicht fest, doch könnte sich Riedesel vorstellen, dass eine Stunde vielleicht fünf Euro kosten wird, die zweistündige Nutzung dann neun Euro. „Billiger als Taxi fahren ist es allemal“, meint er. Noch günstiger werde es, wenn sich mehrere Menschen zusammentun, gemeinsam fahren und die Kosten teilen.

Seine Initiative begründet er so: „Ein Gedanke ist, dass einige Familien ihren Zweitwagen abschaffen können, den sie nur selten brauchen, der aber ein großer Kostenfaktor ist. Auch Menschen, die zwar einen Führerschein haben, aber kein Auto, können sich günstig einen Wagen ausleihen, um Besorgungen zu machen oder Behördengänge.“ Der Golf biete bis zu fünf Personen Platz, beide Fahrzeuge werden einen Kindersitz haben.

Die Ladestation möchte Riedesel gerne in der Ortsmitte neben dem früheren China-Restaurant platzieren. Genaugenommen will er zwei aufstellen: eine für Autos und eine für Elektro-Fahrräder. Denn die neu gestaltete Fläche, auf der die Schüler ihre Räder abstellen, liegt am Mönchs-Radweg, einer Fernverbindung. Ihre Akkus aufladen könnten dort natürlich auch Pedelec-Nutzer aus der Umgebung. „Vielleicht gibt es Leute aus Dipshorn, die mit ihrem E-Bike nach Wilstedt radeln, um dort in ein E-Auto umzusteigen, das sie nach Lilienthal oder Zeven bringt“, sagt Riedesel.

Die neuen Wilstedter Ladestationen an der künftigen Mobilitätsdrehscheibe kämen vielen Menschen zugute: „Je mehr Stromtankstellen es gibt, desto geringer wird die Angst der Menschen, irgendwo mit leeren Batterien liegen zu bleiben.“ Dank Starkstrom könne eine leere Batterie in einer halben Stunde zu 80 Prozent geladen werden. Elektro-Autos seien eine Zukunftstechnologie, die noch nicht ganz ausgereift sei, was die Reichweite betrifft. Riedesel: „Ich möchte sehen, ob sich die sauberen und leisen Autos im Alltag bewähren, ob die Reichweite tatsächlich den Hersteller-Angaben in den Prospekten entspricht. Es wird damit nicht vorangehen, wenn man es nicht erprobt. Mir macht das einfach Spaß.“

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