Familienbetrieb Rauschert existiert seit 1903 Als die Zeitung noch ein Ei kostete

Stuhr-Brinkum. Rauschert ist in Brinkum längst ein fester Begriff - auch über die Gemeindegrenzen hinaus hat der Name in der Druckereibranche einen guten Klang. Seit 1903 wird in Brinkum ordentlich 'Druck gemacht'. Zunächst waren Zeitungen im Fokus, heute sind es Werbeartikel.
07.04.2010, 05:20
Lesedauer: 6 Min
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Von Hauke Gruhn

Stuhr-Brinkum. Rauschert ist in Brinkum längst ein fester Begriff - aber auch weit über die Gemeindegrenzen hinaus hat der Name des Familienbetriebs in der Druckereibranche einen guten Klang. Seit 1903 wird in Brinkum ordentlich 'Druck gemacht'. Zunächst waren Zeitungen im Fokus, heute sind es Werbeartikel aller Art. Die Unternehmensgeschichte ist dabei nur so gespickt von Anekdötchen und Anekdoten. Horst Rauschert, mit 80 Jahren der Senior der Familie, kennt sie alle.

Das Ganze beginnt schon kurios: 'Mein Großvater Gerhard Hillje ist 1903 von Oldenburg nach Brinkum gezogen', erzählt Horst Rauschert. 'Er hatte hier die Brinkumer Zeitung aufgekauft. Hergestellt wurde sie damals aber nicht in einer herkömmlichen Druckerei, sondern in einer Gärtnerei im Alten Zollhaus neben der Brinkumer Kirche. Dort hatte mein Großvater Räume angemietet.' 1908 folgte der Umzug in ein Gebäude an der Bahnhofstraße, das heute die Hausnummer 2 trägt. Sechs Jahre später ging es zurück an die Bremer Straße. Dort, wo sich heute ein türkischer Bäcker befindet, wurde noch bis 1956, als das heutige Gebäude an der Bremer Straße/Ecke Bahnhofstraße eingeweiht wurde, produziert. Von der Brinkumer Zeitung trennte sich Gerhard Hillje bereits 1920, die Druckerei wurde aber weiterbetrieben. Heute sind seine Urenkel Holger und Stefan Rauschert die Geschäftsführer bei Rauschert-Druck.

Horst Rauschert hat sich bereits 1995 aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen, aber er schaut noch immer regelmäßig im Betrieb nach dem Rechten. Sein späterer Beruf stand als einziges Kind von Erich und Martha Rauschert (gebürtige Hillje) schnell fest. 'Mein Vater ist um 1925 aus Mecklenburg nach Bremen gekommen', erzählt Horst Rauschert. 'Eigentlich wollte er Schriftsetzer oder Buchdrucker auf einem Lloyd-Passagierdampfer werden. Damals gab es ja auf jedem großem Schiff fünf oder sechs Leute, die mit so etwas beschäftigt waren.' Statt in See zu stechen, blieb Erich Rauschert aber bei der Weser-Zeitung in Bremen hängen, die später in den Bremer Nachrichten aufgehen sollte. 'Die Weser-Zeitung erschien damals dreimal täglich - wegen der Börsennachrichten', erzählt Horst Rauschert. Sein Vater arbeitete in Bremen, aber er wohnte in Brinkum, wo er Martha Hillje kennenlernte. So kam eins zum anderen.

Während des Zweiten Weltkriegs musste Horst Rauschert mit seiner ganzen Schule im Rahmen der Kinderlandverschickung ins Vogtland und nach Bayern umziehen. Zurück in der Heimat fing er 1944 eine Lehre als Schriftsetzer bei Carl Ed. Schünemann in Bremen an. Weil die Druckerei damals aber ausgebombt worden war, pachtete Schünemann vorübergehend in Brinkum eben jene elterliche Druckerei Rauschert (die damals noch Hillje hieß) an. Sohnemann Horst lernte dadurch zeitweise im elterlichen Betrieb, nur eben bei einer anderen Firma.

Nach dem Krieg war Horst Rauschert als Lehrling auch an der Herstellung des ersten WESER-KURIER beteiligt. Der wurde damals noch bei Schünemann gedruckt, die Bremer Nachrichten durften erst später wieder erscheinen. Horst Rauschert erinnert sich noch an den feierlichen Akt im September 1945: 'Bei der Lizenzübergabe durch die Besatzungsmacht waren damals viele amerikanische Offiziere dabei.' Und Horst Rauschert erinnert sich auch noch, dass er dem kaufmännischen Prokuristen und späteren Verleger des WESER-KURIER, Hermann Rudolf Meyer, das Büro einrichtete.

'Die Not war groß damals'

Es war eine Zeit ärmlicher Verhältnisse, aus denen so manche kuriose Begebenheit resultierte. 'Bremen stand unter amerikanischer Besatzung, mein Heimatort Brinkum aber unter britischer Kontrolle', erzählt Horst Rauschert. Die Folgen: 'Während es in Bremen schon den WESER-KURIER als Tageszeitung gab, durfte in Brinkum noch keine Zeitung erscheinen.' Doch der Bedarf an Informationen war groß. Und so fasste der junge Horst Rauschert sich ein Herz, besorgte sich von Kollegen regelmäßig Exemplare des WESER-KURIER und verteilte sie in seiner Heimat. Geld nahm er dafür nicht an - die Währung waren Eier. 'Die Not war groß damals', erinnert sich der heute 80-Jährige. 'Ich habe einen Teil der Eier an meine Kollegen in der Druckerei abgegeben, und einen Teil habe ich behalten.' So kam der WESER-KURIER also nach Brinkum - und die heimischen Eier wanderten nach Bremen.

Nach seiner Lehre kehrte Horst Rauschert in den elterlichen Betrieb zurück, das war 1948. 'Brinkum war stark zerstört, aber die Druckerei hatte zum Glück nicht so viel abbekommen', erzählt der Senior, der damals im elterlichen Betrieb noch der Junior war. 1958 erfolgte die Umbenennung von Hillje in Rauschert, zwei Jahre nachdem das heutige Gebäude der Druckerei hochgezogen worden war. Gründer Gerhard Hillje war 1955 gestorben, Erich Rauschert starb 1968. Von da an war Horst Rauschert Chef im Hause. Technisch hat der heute 80-Jährige die komplette Palette mitbekommen, vom herkömmlichen Buchdruck bis zum Offsetdruck, der Mitte der 60er Jahre aufkam. Auch heute noch versucht Horst Rauschert auf dem Laufenden zu bleiben. 'Ich weiß im Prinzip, wie alles funktioniert. Aber ich kann nicht mehr alle modernen Maschinen bedienen, da hat mich die Technik irgendwann schon etwas überrollt', gesteht Horst Rauschert und schmunzelt.

Aber es gibt im Hause Rauschert auch durchaus noch alte Maschinen aus den 1960er Jahren. Und sie sind keineswegs Museumsstücke. 'Die Heidelberger Druckmaschinen nutzen wir heute noch zum Stanzen, Nuten und Perforieren', erzählt Horst Rauschert. 'Dafür gibt es bis heute keine besseren Maschinen auf dem Markt.' Im Keller befinden sich hingegen noch allerlei Utensilien aus der alten Zeit, der Zeit des Bleis. 'Das haben wir aus Respekt vor der Tradition behalten. Und wenn wir Schülergruppen bei uns herumführen, können wir sie damit eher beeindrucken als mit den modernen Maschinen', erklärt Holger Rauschert. Dann erläutert er dem Nachwuchs auch gerne mal, was ein Stehsatz oder ein Brotsatz ist. 'Ein Stehsatz ist im Grunde das, was man sich aufbewahrt, weil man es immer wieder mal druckt. Und als Brotsatz wurde das bezeichnet, was nicht so wichtig ist, und einfach dazwischengequetscht wurde, wenn gerade Platz war.'

Viele Berufe im grafischen Gewerbe sind inzwischen längst ausgestorben. Der Klischeeätzer beispielsweise hatte die Aufgabe, die Teile der Druckplattenoberfläche, die nicht gedruckt werden sollten, wegzuätzen. Es gab Lithografen und auch Retuscheure. 'Letztere waren im Grunde Künstler - oder auch Fälscher, ganz wie man will', erzählt Horst Rauschert.

Heute sei Drucken bei Weitem nicht mehr so aufwändig wie früher, sagen die Rauscherts. 'Vierfarbig konnten wir zwar auch früher schon drucken', gibt Horst Rauschert ein Beispiel. 'Nur mussten wir dann eine Farbe nach der anderen aufdrucken. Und zwischendurch musste die Farbe trocknen.' Ein beidseitiges Dokument musste also achtmal durch die Druckmaschine. Das Handwerkliche ist im Zuge der Industrialisierung der Branche längst in den Hintergrund getreten. 'Früher haben wir auch noch von Hand spezielle Farben abgemischt, wenn der Kunde das wollte', erzählt Holger Rauschert. Heute ist alles hochtechnisiert.

Zu den anspruchsvolleren Aufträgen zählen im Hause Rauschert heimatkundliche Bücher. Da findet dann häufig eine Arbeitsteilung mit anderen Betrieben statt. Beispiel: das jüngst erschienene Buch 'Naturschätze im Landkreis Diepholz'. Die Druckplatten wurden bei der Firma Wegner in Brinkum-Nord hergestellt, gedruckt wurde bei Rauschert, und bei der Firma Nieth in Syke-Heiligenfelde wurden die Exemplare gebunden.

Sicherer als Hologramme

Neben vielerlei Werbematerial produziert Rauschert auch Tickets für Konzerte oder andere Großveranstaltungen, die besonders fälschungssicher sind. 'Wir sind eines der wenigen für Sicherheitsfarben lizensierten Unternehmen in Deutschland', so Holger Rauschert. Und er führt das Ganze vor, rubbelt eine Stelle auf einem Ticket frei, woraufhin das Wort 'Original' auftaucht - und sogleich wieder verschwindet. 'Hologramme sind wesentlich leichter zu fälschen', klärt der Geschäftsführer auf.

Durch das Finden von Nischen wie dieser sichert sich Rauschert-Druck das Überleben. Denn der Werbemarkt ist extrem konjunkturanfällig. Für Holger Rauschert eine Herausforderung: 'Es macht aber auch Spaß, wir produzieren ja nichts von der Stange. Und wir haben viel Umgang mit interessanten Menschen.' Auch Bruder Stefan bereut die Berufswahl nicht: 'Das wurde uns irgendwie schon in die Wiege gelegt, als Kinder haben wir ja bereits in der Druckerei gespielt. Aber wir haben uns freiwillig und bewusst für den Job entschieden.' Also ganz ohne Druck zum Druck.

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