26-jähriger Fahrer wird wohl nicht überleben Bestürzung nach schrecklichem Unfall

Weyhe. Fassungslosigkeit in Kirchweyhe: An der Unfallstelle haben Trauernde Blumen abgelegt und Kerzen angezündet. Immer wieder kommen Menschen vorbei, halten inne und gedenken der jungen Unfallopfer, die in der Nacht zu Sonntag in der Straße Kleine Heide verunglückt waren.
20.04.2010, 15:30
Lesedauer: 5 Min
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Von Claudia Gilbers und Hauke Gruhn

Weyhe-Kirchweyhe. Fassungslosigkeit in Kirchweyhe: An der Unfallstelle haben Trauernde Blumen abgelegt und Kerzen angezündet. Immer wieder kommen Menschen vorbei, halten inne und gedenken der jungen Unfallopfer, die in der Nacht zu Sonntag in der Straße Kleine Heide verunglückt waren. Ein 21-jähriger Mann und eine gleichaltrige Frau sowie ein 16-Jähriger sind bei dem Verkehrsunfall gestorben. Zwei 16-jährige Mädchen sind schwer verletzt, der 26-jährige Fahrer schwebt weiter in Lebensgefahr, für ihn gibt es keine große Hoffnung.

Wie berichtet, waren die sechs jungen Leute mit einem Audi A3 in der Tempo-30-Zone in Richtung Bahnhofstraße unterwegs - und das viel zu schnell und nicht angeschnallt. Nach Auskunft der Polizei kam der 26-jährige Fahrer, gerade weil er so schnell fuhr, um 0.20 Uhr nach rechts von der Fahrbahn ab und prallte frontal gegen einen Baum. Der Tacho blieb nach dem Unfall bei 130 km/h stehen, was aber laut Polizei nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Geschwindigkeit beim Unfall zulässt. Die Beamten gehen derzeit aber von mindestens Tempo 100 aus.

'Wir haben einen dumpfen Knall gehört, dann war wieder Ruhe', sagte gestern Petra Klöker, die in der Nähe der Unfallstelle wohnt. Sehr laut sei der Knall aber nicht gewesen. 'Es hätte auch das Schließen eines Garagentores sein können', schilderte sie ihre Wahrnehmungen. Was wirklich passiert sei, habe sie erfahren, als kurz später die Rettungskräfte eintrafen. Auch ihre Tochter sei zu dem Zeitpunkt noch nicht zu Hause gewesen: 'Ich habe sie dann schnell angerufen und ihr gesagt, dass sie vorsichtig fahren soll.' Dass auf der Kleinen Heide zu schnell gefahren wird, ist für sie nichts Neues. '30 fährt da keiner', sagte sie.

Vermutlich war Alkohol im Spiel

Die Gruppe in dem Audi hatte vor dem Unfall zusammen mit weiteren Gästen in einem Privathaus gefeiert und wollte das dann in einer Kirchweyher Diskothek fortsetzen. Den nur rund zwei Kilometer langen Weg von der Feier zur Diskothek mit dem Auto zurückzulegen wurde ihnen dabei zum Verhängnis. Vermutlich war aber auch Alkohol im Spiel. 'Ich kenne den Fahrer vom Sehen', sagte gestern ein Schulkamerad des verstorbenen 16-Jährigen. Der 26-Jährige sei dafür bekannt gewesen, betrunken Auto zu fahren. Auch in der Unfallnacht soll er stark alkoholisiert gewesen sein. 'Ich habe gehört, dass er sofort hingefallen ist, als er bei der Party vom Sofa aufgestanden ist', so der Schulkamerad.

Zusammen mit einem Freund war er nach der Schule zur Unfallstelle gekommen, um dem getöteten 16-Jährigen zu gedenken. Der Verstorbene hatte wie die beiden eine neunte Klasse an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Stuhr-Brinkum besucht. 'Er war ein guter Freund von mir, im letzten Sommer haben wir fast jeden Tag zusammen verbracht', schilderte der junge Mann, den Tränen nahe. Auch er sei in der Nacht zu Sonntag unterwegs gewesen, allerdings in einer Bremer Diskothek. 'Ich wollte ihn noch anrufen, bin dann aber darüber hingekommen', sagte er.

Schüler unter Schock

Von dem folgenschweren Unfall seines Freundes erfuhr der Neuntklässler dann am Sonntagvormittag, als er den Computer startete und auf den Seiten eines sozialen Netzwerkes surfte. Dort hatten bereits viele seiner Bekannten Trauereinträge vorgenommen. Auch in der Schule sei heute nicht an normalen Unterricht zu denken gewesen. 'Wir haben im Stuhlkreis gesessen, in der Mitte lag neben einer Kerze ein Foto von ihm', sagte der Freund. Der Tote sei sehr beliebt in der Klasse gewesen.

Unter Schock standen auch die Schüler einer Parallelklasse an der KGS Brinkum. Eine ihrer Mitschülerinnen ist ebenfalls unter den Unfallopfern, sie ist schwer verletzt. Ihren Klassenlehrer Rolf-Dieter Brinkmann zog es gestern zur Unfallstelle. Er kannte auch den verstorbenen Schüler aus der Parallelklasse. Die Stimmung in seiner Klasse sei am Montagmorgen sehr bedrückend gewesen. Statt mit dem Lehrplan fortzufahren, sei über den Unfall und seine schweren Folgen gesprochen worden. 'Wir haben uns ausgetauscht und darüber nachgedacht, wie das passieren konnte und warum die Mitfahrer ins Auto eingestiegen sind', sagte er. Seine Hoffnung sei nun, dass der Unfall zumindest Signalwirkung habe, damit so etwas nicht noch einmal passiere.

Dass es für die Angehörigen und Freunde der Opfer eines solchen Unfalls wichtig ist, darüber zu reden, weiß auch Pastor Holger Tietz. Er war in der Nacht zu Sonntag als Notfallseelsorger an der Unfallstelle. Mehr als ein halbes Dutzend der weiteren Partygäste hätte sich dort eingefunden. Deshalb seien auch noch die Pastoren Dagmar und Ele Brusermann nachgekommen. 'Man kann dann nur zuhören und ein offenes Ohr haben', erklärte er, wie man als Seelsorger in solchen Situationen helfen kann. 'Reden, reden, reden' sei für die schockierten Menschen am besten. 'Wir haben allen angeboten, sich einen Gesprächspartner zu suchen', sagte Tietz, der sich gestern erneut an der Unfallstelle einfand. Auch er kannte die Unfallopfer.

Unter den Schwerverletzten befindet sich auch eine 16-jährige Schülerin, die die KGS Leeste besucht. 'Wir sprechen mit den Schülern über das, was geschehen ist', sagte Schulleiter Lothar Kuhn auf Anfrage. 'Pastor Tietz war auch bei uns als Notfallseelsorger im Einsatz.' Man müsse den Schülern nun Raum geben, alles zu verdauen. Mit etwas Abstand wolle man dann das Thema Alkohol und Drogen im Straßenverkehr noch einmal ausführlich behandeln.

Obwohl sich der Unfall in Kirchweyhe ereignete, ist unter den Opfern keines, das die dortige Kooperative Gesamtschule besucht. 'Aber das hat sich trotzdem schnell rumgesprochen unter den Schülern', schilderte Schulleiterin Karin Busch. Auch, weil unter den Ersthelfern vor Ort zwei Schüler der KGS Kirchweyhe waren, ist die Betroffenheit groß. Ein Diakon und eine Sozialpädagogin kümmern sich laut Busch gemeinsam mit den Lehrern um die Schüler. 'Die Kinder und Jugendlichen erwarten jetzt Antworten von uns Erwachsenen', so die Schulleiterin. 'Ich kann nur wirklich hoffen, dass das jetzt eine Lehre für alle ist. Mit Alkohol ist nicht zu spaßen.'

Axel Meyer, Sprecher der Weyher Feuerwehren, bekam den Unfalleinsatz in der Nacht zu Sonntag vor Ort mit. 'Das war ein heftiger Anblick. So etwas habe ich noch nicht erlebt', sagte er gestern auf Anfrage. Feuerwehrleute, die unter dem Eindruck des Geschehenen Hilfe benötigten, könnten die jederzeit erhalten, so Meyer. 'Wir reden auch untereinander viel darüber.'

Die Überlebenschancen des 26-jährigen Fahrers sind laut Thomas Gissing von der Polizeiinspektion Diepholz unterdessen äußerst gering. 'Laut Arzt wird er definitiv nicht überleben, es ist eine Frage der Zeit.' Ob der Fahrer tatsächlich zur Unfallzeit betrunken war, konnte Gissing gestern noch nicht abschließend sagen. 'Das Ergebnis einer Blutprobe steht noch aus.' Aber Aussagen von Teilnehmern an der Feier ließen eine erhebliche Alkoholisierung des Fahrers vermuten.

Laut Thomas Gissing ist der jugendliche Leichtsinn, der zum Unfall geführt habe, inzwischen eher untypisch. 'Sonst sind junge Leute für Prävention sehr offen. Ich weiß, dass eine der Schwerverletzten in ihrer Freizeit beim Jugendrotkreuz tätig ist und sonst sehr verantwortungsvoll handelt. Aber wenn Alkohol im Spiel ist und sich eine Gruppendynamik entwickelt, dann hilft bei so jungen Leuten irgendwann auch keine Prävention mehr.'

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