Wolfram Boberski geht in Ruhestand "Bobby" und der Osten

Wie viele Kilometer Wolfram Boberski in seinem Leben für die Arbeit gefahren ist, kann er nur grob überschlagen. Mehrmals um die Erde wohl. Bald endet seine berufliche Reise.
15.06.2018, 16:39
Lesedauer: 4 Min
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Von Sebastian Kelm

Weyhe-Leeste. "Bobby". Unter diesem Spitznamen kennen viele an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Leeste Wolfram Boberski. "Schüler sollen mich eigentlich nicht so nennen, aber es kommt schon mal vor", sagt der Didaktische Leiter mit seinem ebenfalls bekannten Lächeln. Viele wissen auch, dass er seit langer Zeit, seit 1980, mit der Familie in Kirchweyhe lebt. Was vielen wiederum nicht bewusst sein dürfte: So konstant sein Privatleben lief, beruflich kann Wolfram Boberski keine derart geradlinige Vita vorweisen. Kurz vor seinem Abschied zum Ende des Schuljahres erzählt der 66-Jährige uns seine Geschichte. Und die hat mit vielen gefahrenen Kilometern zu tun. Und dem Osten – sozusagen fast der einzige rote Faden dabei.

1951 in Bremerhaven geboren und auch dort aufgewachsen, verschlug es den jetzigen Fast-Pensionär zum Studium in Göttingen und nach einem kurzen Abstecher nach Marburg bis zum Examen 1977 wieder dorthin zurück. Seine Fächerkomibination: Politik und Deutsch. Eine Wahl, die sich aus Karrieresicht als problematisch erweisen sollte. Denn ein Referendariat bekam Boberski damit nicht gleich. Kein Bedarf. Für ihn der Beginn eines "Treppenwitzes", wie er es ausdrückt. Die Auflösung später. Jedenfalls war es für ihn auch der Auftakt eines mehr als wechselhaften Weges.

Zunächst fand er nur eine Anstellung in der außerschulischen Jugendarbeit. Später ging es für ihn an ein Gymnasium in seiner Heimatstadt, wo er aufgrund des akuten Personalmangels als Lehrkraft eingesetzt wurde – ohne Referendariat und jede praktische Unterrichtserfahrung. "Ich bin nur eine Woche mitgelaufen, dann ging es los", erinnert sich Boberski an diese Zeit in Bremerhaven. Von 1980 bis 1982 konnte er am Hermann-Böse-Gymnasium in Bremen endlich seine reguläre Lehrerausbildung durchlaufen. Doch dann: Einstellungsstopp. "Eigentlich war mit meiner Stelle alles klar", erzählt der Pädagoge.

Unliebsame Stasi-Begegnung

Also nutzte er ein Stipendium des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für seine – allerdings bislang nie abgeschlossene – Doktorarbeit über die Literaturpolitik des Dürerbundes. "Der hatte sich in der Kaiserzeit der Vermittlung hochwertiger Literatur und dem Vertrieb preiswerter Drucke verschrieben", erklärt er. Und weil der Bund im Wesentlichen in Dresden wirkte, wirkte er eben dort. Mit offizieller Erlaubnis des Ministerrates der DDR durfte er sogar Forschungsunterlagen mit über die Grenze und wieder zurück nehmen. "Das war ein großer Akt damals, ich war ein Exot", sagt er nicht ohne Stolz. Und er ergänzt: "Ich habe die DDR intensiv kennengelernt, das war schon irre." Als er sich beispielsweise mal in einem Gebäude verlaufen hatte, habe er eine unliebsame Begegnung mit der Stasi gemacht.

Später war Boberski für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die gerade die außerunterrichtliche Lernhilfe ins Leben gerufen hatte, in der Nachmittagsbetreuung und abermals in Bremerhaven tätig. Es folgte eine Umschulung zum Kommunikationsprogrammierer, darauf ein Abstecher zur Krupp Maschinentechnik GmbH in Essen. Anschließend boten sich ihm zwei Möglichkeiten: EDV-Leiter werden "in einem großen Bremer Krankenhaus" oder Dozent beim Computer Data Institut (CDI). Letzteres wurde es – mit einer weiteren Episode im Osten.

In Mecklenburg-Vorpommern schulte er kurz nach der Wende ehemalige Ingenieure des stillgelegten Kernkraftwerks in Greifswald, frühere Angehörige der Nationalen Volksarmee (NVA) oder Melkerinnen, deren Dienste in der jungen Bundesrepublik nicht mehr benötigt wurden. Er wohnte zeitweise in einem SED-Hotel in Warnemünde und bekam in Stralsund mit, wie die rechtsextreme Szene immer mehr aufkam. "Die Marschkolonnen sind ‚Ausländer raus‘-rufend an uns vorbeigezogen", sagt er. Die Ausschreitungen am Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen 1992 bekam er auch hautnah mit. "Ich hatte das Gefühl, die Polizei sympathisierte mit den Rechten", lassen die Erlebnisse ihn heute noch schaudern.

1994 waren dann tatsächlich wieder Stellen für seine Fächer Deutsch und Politik in Niedersachsen ausgeschrieben – ganze drei an der Zahl, so Boberski. Er war nach eigenen Angaben einer von 178 Bewerbern – und hatte Glück. "Das Nächste war für mich Schneverdingen, da konnte ich kommissarischer Didaktischer Leiter werden. 180 Kilometer waren es aber auch jeden Tag hin und zurück von Kirchweyhe aus", sagt er.

Wie viele Kilometer er insgesamt für den Beruf auf der Straße zurückgelegt hat – sei es in die Lüneburger Heide oder nach Ostdeutschland –, hat Wolfram Boberski nie hochgerechnet. Etliche Male um die Erde dürfte es jedenfalls gewesen sein. "In neun Jahren Schneverdingen habe ich drei Autos verbraucht. Aber ich habe nur zwei Mal eine Strafe wegen zu schnellem Fahren bekommen", gibt er lachend zu Protokoll.

Die Rolle des Dirk Tack

2003 dann der Wechsel an die KGS Leeste – über die richtigen Kontakte. Dirk Tack, mit dem er in Schneverdingen zusammen gearbeitet hatte, war dort inzwischen Schulleiter. Nicht hinderlich für Boberskis Versetzung. Die KGS kannte er da auch bereits gut: "Meine Tochter hatte da Abitur gemacht." Und natürlich habe er nur Gutes darüber gehört, blickt er augenzwinkernd zurück.

Nun konnte er sich den Traum erfüllen, mit dem Fahrrad zum Unterricht zu fahren: "Obwohl ich das nicht so oft genutzt habe, wie es hätte sein können. Aber ich habe auf jeden Fall Lebenszeit gewonnen."

2011 beerbte er Martina Bechmann-Hinsch und wurde Didaktischer Leiter. Dessen Hauptaufgaben sieht er in der "Weiterentwicklung der Schule" und einer gewissen "Allzuständigkeit". Gerne habe er immer Ideen der Kollegen umgesetzt, etwa das aktuell gültige Profilkonzept mit mehr Informatik und zum Beispiel dem neuen Fach Textildesign. "Wir setzen auch mehr auf Berufs- und Studienorientierung, öffnen uns in Bezug auf außerschulische Lernorte", zählt er weiter auf. So initiierte er eine Zusammenarbeit mit der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und eine früher für die zwölften Jahrgänge obligatorische Seminarfahrt nach Weimar – also wieder in den Osten. "Da reißen sich die Kollegen drum", sagt er über dieses inzwischen abgespeckte Angebot, das nicht mehr für Fremdsprachler und Naturwisschenschaftler gilt – obwohl auch stets Besuche beim Astrophysikalischen Institut der Universität Jena Bestandteil waren. Auch als Pensionär will Boberski beim nächsten Mal im Frühjahr übrigens noch einmal mitfahren.

Privat möchte er – trotzdem er früher so viel unterwegs war – künftig vermehrt reisen. Auch zu Auswärtsspielen von Werder Bremen. Und er wird seiner Leidenschaft für den Modellbau verstärkt nachgehen: "Mit acht Verrückten haben wir die Interessengemeinschaft Bassumer Modellbahn gegründet."

Hier noch die versprochene Pointe des eingangs erwähnten Treppenwitzes: War er am Anfang seiner Laufbahn als Politiklehrer nicht gefragt, unterrichtete Wolfram Boberski zuletzt gar nichts anderes mehr in der Oberstufe. Die Begründung: "Es gibt da jetzt einen großen Mangel."

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