Wie ein 15-Jähriger aus Stuhr die letzten Tage des Krieges erlebte Dem sinnlosen Endkampf entkommen

Hermann Peters aus Moordeich sollte kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges noch im sinnlosen Endkampf "verheizt" werden - dem damals 15-jährigen gelang die Flucht. An die Erlebnisse von damals erinnert er sich bis heute genau.
11.05.2010, 16:31
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Von Helmuth Riewe

Stuhr-Moordeich. Hermann Peters, 1929 in Tölkenbrück geboren, war im Frühjahr 1945 Lehrling in der Huchtinger Tischlerei Biermann. Der 80-jährige Tischlermeister aus Moordeich erinnert sich daran, wie am Freitag, 6. April 1945, ein Klassenkamerad zu ihm kam und sagte: 'Hermann, du weißt die Front kommt näher.' Am Tag darauf sollte daher auch der 15-jährige Lehrling ins Stuhrer HJ-Heim kommen - angeblich, um alten Leuten zu helfen, bei Bedarf in die Bunker zu gelangen.

Am Sonntag seien dann Uniformierte mit Lastwagen in Stuhr vorgefahren und hätten Luftwaffen-Uniformen samt Stahlhelmen vorbeigebracht. Er selbst habe bei einer Panzersperre an der Vareler Bäke teils scharfe Munition aufladen müssen, um sie zum Stuhrer HJ-Heim zu transportieren. Hermann Peters erinnert sich, dass zufällig der damalige NSDAP-Kreisleiter vorbeigekommen sei. Nachdem er sich erkundigt hatte, was die Jugendlichen dort machen, habe er sich mit den Worten verabschiedet: 'Jungs, schlagt euch wacker.'

Am Montag habe man dann für alle HJ-ler Gewehre zusammengesucht, er, Hermann Peters, habe den Karabiner eines Weltkrieg-Eins-Soldaten erhalten. Von einem Uniformierten hätten die Jugendlichen zudem Stahlhelm, Uniform, Koppel und Munitionstaschen in Empfang genommen. Außerdem habe es den Befehl für zehn von ihnen gegeben, zwei Tage später im Delmenhorster Stadion anzutreten. 'Dort haben wir zur Übung Handgranaten in einen Teich geworfen', erzählt Hermann Peters.

Mit dem Fahrrad zur Kaserne

Offenbar sollten die 15 und 16 Jahre alten Jugendlichen wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs noch vorbereitet werden für das 'Verheizen' in diesem aussichtslosen Endkampf. Andere Jugendliche seien zuvor bereits in einem sogenannten Wehrertüchtigungslager gewesen, er jedoch nur für drei Tage in Hude, erzählt Hermann Peters. Da seine Tischlerei damit beschäftigt gewesen sei, Kriegsschäden zu beseitigen, sei er 'reklamiert' worden und somit unabkömmlich gewesen.

'Ich hatte vom militärischen Einsatz keine Ahnung', erzählt Hermann Peters. Trotzdem hatte er sich am Donnerstag, 12. April 1945 mit neun weiteren Kumpels aus Stuhr auf dem Exerzierplatz der Kaserne in Adelheide einzufinden. Gemeinsam seien sie mit dem Fahrrad dort hingefahren. Nach seinem Eindruck waren viele der dort versammelten Jungs sogar noch jünger als er selbst, vielleicht erst 13 oder 14 Jahre alt. Dieses 'letzte Aufgebot' sollte nun zu einem Einsatz nach Friesoythe gebracht werden.

'Ich mache das nicht mit. Ich werde zu Hause gebraucht. Mein Vater und mein Bruder sind eingezogen. Meine Schwester ist beim Arbeitsdienst. Ich muss die Tiere füttern', maulte der 15-Jährige gegenüber einem Uniformierten. Daraufhin hatte er sich im Kasernengebäude bei einem Offizier zu melden. Nach der üblichen 'Heil Hitler'-Begrüßung trug der Jugendliche sein Anliegen erneut vor: 'Ich will mich reklamieren lassen. Ich muss das Vieh zurechtmachen.' Doch der Offizier ließ sich von dem mutigen Jungen nicht beeindrucken. 'Das ist keine Begründung - unten einreihen', bekam Hermann Peters zur Antwort. Also zog er wieder ab. Auf dem Kasernengelände wurden die knapp 200 Jungen im Durchschnittsalter von höchstens 15 Jahren noch vereidigt - die Reichsflagge konnte zunächst gar nicht gefunden werden, erinnert sich Peters.

Als es dann darum ging, auf die bereitstehenden Lkw zu steigen, habe er sich zurückgezogen, erzählt Hermann Peters. Mit einem Sprung habe er sich in einer Hecke aus Alpenrosen und Krüppelfichten versteckt. Drei Stunden habe er dort gewartet und sei so dem ansonsten wohl unvermeidlichen Kriegseinsatz entkommen. Schließlich, als die Luft rein war, habe er sich sein Fahrrad geschnappt und sei nach Hause gefahren. Natürlich war ihm mulmig zumute. Schließlich wusste er davon, dass viele Fahnenflüchtige an die Wand gestellt wurden. Zwei Tage und zwei Nächte habe er sich daher bei der Varreler Bäke versteckt. 'Ein Kumpel hat mir Essen gebracht', so Hermann Peters. Am Sonntag, 15. April, habe er sich dann schließlich wieder ins Elternhaus nach Tölkenbrück zurückgetraut.

Damit waren die Kriegserlebnisse des 15-Jährigen aber noch nicht zu Ende. Vielmehr hatte er sich noch dem sogenannten Volkssturm in Blocken anzuschließen, der von drei 'Spießen' des Ersten Weltkriegs geleitet wurde. Dort musste Hermann Peters dann eine Nacht Patrouille zu laufen - es ging in Richtung Groß Ippener, Heiligenrode und Malsch. Am Montag, 16. April, sei der Volkssturm in Blocken dann bereits aufgelöst worden, erzählt Hermann Peters weiter. Er sei dann nach Varrel gekommen und habe beim Vormarsch der alliierten Truppen viele Häuser in Tölkenbrück brennen sehen.

Von einem Vorgesetzten habe er noch den Auftrag erhalten, alleine nach Delmenhorst zu gehen und sich dort auf dem Marktplatz zu melden. 'Das habe ich aber nicht mehr mitgemacht', beendet Hermann Peters seine Erzählung. Vielmehr habe er sich einfach auf den Weg zu einer Tante nach Neuendeel-Hemmelskamp begeben. Aber fast hätte er dieses Ziel nicht mehr erreicht. 'Als ich unterwegs mit Gewehr, Mantel und Brot zur Rast unter einer Trauerweide lag, schlug plötzlich eine Maschinengewehr-Salve in die Krone des Baumes ein', erinnert er sich.

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