Dr. Tobias Raabe ist neuer Schulpsychologe im Landkreis Diepholz Der Mann für heikle Aufgaben

Landkreis Diepholz. Mobbing, Prüfungsängste, Amokdrohungen: Wenn es an den Schulen im Landkreis Diepholz kriselt, wird oft der Schulpsychologe herbeigerufen. Diesen Job hat seit rund zwei Monaten Dr. Tobias Raabe inne. Im Interview erzählt er, was ihn an seiner neune Aufgabe reizt.
16.06.2010, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hauke Gruhn

Landkreis Diepholz. Mobbing, Prüfungsängste, Amokdrohungen: Wenn es an den Schulen im Landkreis Diepholz kriselt, wird oft der Schulpsychologe herbeigerufen. Diesen Job hat seit rund zwei Monaten Dr. Tobias Raabe (28) inne. Er ist der Nachfolger von Dr. Kirsten Brückner, die nach Uelzen wechselte. Was den frisch promovierten Thüringer an seiner neuen Aufgabe reizt und wie er sie ausfüllen will, verrät er im Gespräch mit Hauke Gruhn.

Herr Raabe, sie stammen aus Thüringen und arbeiten nun seit zwei rund Monaten als Schulpsychologe im Landkreis Diepholz. Was ist hier anders als in Ihrer Heimat?

Raabe:Die Unterschiede sind nicht so groß. Aber die Norddeutschen sind schon mal wesentlich freundlicher als ihr Ruf. Und wenn man durch den Landkreis fährt, merkt man im Vergleich zu manchen Gegenden in Thüringen auch, dass die Kommunen hier mehr Geld haben. Es gibt zum Beispiel weniger Leerstand.

Warum fiel Ihre Wahl gerade auf den Landkreis Diepholz?

Die Stelle als Schulpsychologe war ausgeschrieben, also bot sich mir die Gelegenheit. Zufällig war ich früher aber auch schon mal auf einer Klassenfahrt in Syke, das muss in der achten oder neunten Klasse gewesen sein. Die Stadt war mir also nicht ganz unbekannt.

Worin sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Da gibt es mehrere Bereiche. Wichtig ist mir die Betreuung der Beratungslehrer an den Schulen. Aber auch die Systemberatung spielt eine große Rolle. Da geht es um die Schule im Ganzen, um die Frage, wie Strukturen verändert werden können. In dem Bereich hat die Wissenschaft viel zu bieten - was aber bislang nur selten den Weg in die Praxis findet. Da würde ich gerne ansetzen. Krisen und Notfälle werden vermutlich ebenfalls ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein.

Sind Sie eigentlich nur für die Schüler zuständig - oder greifen Sie auch ein, wenn sich etwa ein Lehrerkollegium in die Haare bekommt?

(lacht)Möglich ist das! Ich bin Ansprechpartner für alle, die mit Schule zu tun haben. Bei größeren Problemen in der Lehrerschaft könnte zum Beispiel eine Mediation angeboten werden.

Bei tausenden Schülern im Landkreis steht Ihnen als einziger Schulpsychologe eine Menge Arbeit bevor. Wie wollen Sie das alles alleine bewältigen?

Das hängt auch von der jeweiligen Gestaltung der Arbeit ab.

Aber Wartezeiten sind doch programmiert?

Bei akuten Notfällen muss natürlich sofort etwas passieren. Aber es kann ansonsten in der Tat zu Wartezeiten von vier bis sechs Wochen kommen.

Es ist viel von einem höheren Druck in der Schule zu hören, gerade auch durch das Turbo-Abi nach zwölf Jahren. Wie macht sich das bemerkbar?

Bislang habe ich hier vor allem mit Fällen an Grundschulen zu tun gehabt. Möglicherweise werden dort die Probleme auch noch eher erkannt, weil die Schulen kleiner und überschaubarer sind. In meinen ersten zwei Monaten hier habe ich noch keine Fälle gehabt, wo Schüler von Gymnasien über zu hohen Druck klagten. Das heißt aber natürlich nicht, dass es das Problem nicht gibt.

Ein typisches Problem sind auch die Schulverweigerer. Wie bekommt man Schüler wieder dazu, am Unterricht teilzunehmen - und das möglichst auch noch gerne?

Da gibt es mehrere Typen von Schulverweigerern. Zum Beispiel die klassischen Schulschwänzer, die meinen, gerade Besseres vorzuhaben - etwa rumhängen. Oftmals wissen die Eltern dann gar, dass ihre Kinder nicht in der Schule sind. Da ist es wichtig, mit Sanktionen zu arbeiten. Es gibt aber auch Schüler, die eine regelrechte Schulangst haben, sich nicht in die Schule trauen. Das kann auch mit Trennungsangst vom Elternhaus zu tun haben. Manche Schüler wollen zum Beispiel deswegen nicht mit auf Klassenfahrt. Verbreitet sind auch Prüfungs- und Leistungsängste sowie Mobbing, was dazu führt, dass Schüler dem Unterricht fernbleiben.

In den vergangenen Jahren gab es im Nordkreis einige Amoklaufdrohungen an Schulen, die sich bislang zum Glück immer als übler Scherz herausstellten. Was kann man gegen so ein Verhalten tun?

Jede Drohung muss zunächst einmal ernst genommen werden. Dann muss man schauen, ob etwas Substanzielles dran ist. Das Phänomen der Nachahmung hat auch mit der medialen Begleitung zu tun. Wenn die Polizei in die Schule kommt, wird das von Lehrern, Schülern und Eltern natürlich zunächst mit sehr großer Sorge betrachtet. Von daher ist der Besuch der Polizei aus Sicht der Schule keine Kleinigkeit. Spätestens wenn die Polizei in die Schule kommt und mit den Schülern ernsthafte Gespräche geführt werden, sehen die meisten Schüler aber die Konsequenzen ihres Handelns ein, zum Beispiel wie sehr sie die Mitschüler dadurch verängstigt haben.

Wie kann man tatsächlich geplante Amokläufe im Vorfeld erkennen?

Gewaltfantasien sind an sich noch kein Warnzeichen, denn sie treten bei sehr vielen Menschen hin und wieder auf, etwa wenn man sich gerade sehr stark über jemanden ärgert. Kehren diese Gedanken jedoch immer wieder und werden sie zunehmend extremer, detaillierter und konkreter, dann entsteht ein ernst zu nehmendes Problem. Es verschwimmen dann irgendwann die Grenzen zwischen Fantasie und Realität. Computerspiele können eine solche Entwicklung bei manchen Kindern und Jugendlichen noch anheizen. Wichtig ist es, dass Eltern und Lehrer in engem Kontakt stehen und sich austauschen. Besorgte Eltern können sich natürlich auch bei mir melden.

Sie sind gerade mal 28. Ist es ein Vorteil, altersmäßig noch relativ nah dran zu sein an den Schülern?

Aus meiner Sicht schon. Die Schwelle ist niedriger, manchen Schülern fällt es dadurch leichter, mit mir ins Gespräch zu kommen. In Grundschulen bin ich eh ein Exot - jung und männlich. Da werde ich dann schnell umringt...

Wären Sie heutzutage gerne Lehrer?

Das könnte ich mir schon gut vorstellen. Lehrer wäre ein Beruf gewesen, für den ich mich begeistern kann. Aber ich bin mit meinem ausgewählten Beruf auch sehr zufrieden. Ein Vorteil des Lehrerberufs ist es, dass man die Entwicklung von Schülern fast jeden Tag verfolgen kann. Das kann ich als Schulpsychologe bei tausenden Schülern leider nicht.

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