Peter Arndt hat vor 50 Jahren einen Tunnel von West- nach Ostberlin gegraben / Morgen berichtet er im Erzählcafé Der Maulwurf

Als 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, drückte Peter Arndt noch die Schulbank. "Wir waren empört über den Mauerbau", erinnert sich der Süstedter. Für ihn stand sofort fest, dass er seinen Freunden aus Ostberlin bei der Flucht in den Westen helfen würde. Zwei Wochen lang hat er sich mit seinem mittlerweile verstorbenen Bruder wie ein Maulwurf durchs Erdreich gewühlt. Kaum war der Tunnel fertig, bekam die Stasi Wind von den Plänen der Fluchthelfer. Die wohl spannendste Episode seines Lebens erzählt der Künstler morgen ab 19.30 Uhr im Erzählcafé.
10.04.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Als 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, drückte Peter Arndt noch die Schulbank. "Wir waren empört über den Mauerbau", erinnert sich der Süstedter. Für ihn stand sofort fest, dass er seinen Freunden aus Ostberlin bei der Flucht in den Westen helfen würde. Zwei Wochen lang hat er sich mit seinem mittlerweile verstorbenen Bruder wie ein Maulwurf durchs Erdreich gewühlt. Kaum war der Tunnel fertig, bekam die Stasi Wind von den Plänen der Fluchthelfer. Die wohl spannendste Episode seines Lebens erzählt der Künstler morgen ab 19.30 Uhr im Erzählcafé.

Syke·Süstedt. Kürzlich klingelte bei Peter Arndt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war ein Mann, der behauptete, mit ihm vor 50 Jahren einen Tunnel von West- nach Ostberlin gegraben zu haben. Ohne lange zu überlegen machte der Süstedter die Nacht zum Tage und düste mit dem Auto in die Hauptstadt. Am nächsten Morgen sah er beim Treffen des Vereins Berliner Unterwelten seine ehemaligen Weggefährten wieder, allesamt Fluchthelfer. An der Heidelberger Straße im Stadtteil Neukölln angelangt, fand Peter Arndt den Eingang zum alten Tunnel sofort wieder. "Ich habe ein fotografisches Gedächtnis", und so erinnerte sich der Maler sofort an den unterirdischen Gang, der von einem ehemaligen Luftschutzkeller in Richtung Treptower verläuft. Die Estrichplatten seien zwar zugefüllt worden, aber das Loch sei noch da gewesen. "Es war ein seltsames Gefühl für mich, als ich den Tunnel wieder gesehen habe. Wie eine Gedenkstätte für meinen verstorbenen Bruder", erzählt der 73-Jährige von seinen bewegenden Eindrücken in der Berliner Unterwelt. Den Fall der Mauer habe sein Bruder gerade noch erlebt. Seine damalige Reaktion: "Dann habe ich ja gar kein Feindbild mehr."

Über seinen Bruder hat Peter Arndt, der zur Zeit des Mauerbaus noch Schüler in Osnabrück war, Kontakte nach Berlin geknüpft. "Ich habe meinem Rektor ganz offen von unseren Plänen erzählt", berichtet der Süstedter schmunzelnd. Dessen Antwort: "Dann nichts wie los." Also begab sich Arndt mit seinen Helfern in den Luftschutzkeller an der Heidelberger Straße. In einem solchen hatte der aus Pommern stammende Maler schon den Zweiten Weltkrieg überlebt. "Von Neukölln aus haben wir ein leeres Grundstück auf der anderen Seite der Mauer angegraben. Wir wussten, dass die befreundete Jazzband immer dienstags auf dem Gelände des Treptower Elektrizitätswerks probt. An einem Dienstag wollten wir die Musiker dann auch in den Westen holen", erzählt Arndt.

Zwei Wochen lang wühlten sich die Männer wie die Maulwürfe durchs Erdreich. Mit Schaufel, Spaten und Kinderbadewanne ausgerüstet, begann das große Graben. Kinderbadewanne? "Die hatten wir an einem Tau befestigt, um den Sand abzutransportieren", sagt der Süstedter. Lässt Peter Arndt heute, 50 Jahre später, im Garten Sand durch seine Hände gleiten, erinnert er sich automatisch an die intensive Verstärkereigenschaft, die Sand hervorruft. "Nichts leitet so wie Sand. Wir mussten unheimlich vorsichtig sein, als wir den unterirdischen Gang nach Ostberlin ausgehoben haben. Die Worte der Hausfrauen, die drei Meter über uns miteinander geredet haben, konnten wir fast alle verstehen."

Weil in Berlin keine Luftschutzkeller aus dem Zweiten Weltkrieg vermietet wurden, konnten die Fluchthelfer die anfallenden Sandberge gleich vor Ort zurücklassen. In Ostberlin angekommen, betätigte sich Peter Arndt als Kurier, wollte den Musikern das entscheidende Signal geben, sie zur Flucht in den Westen animieren. Doch bevor es dazu kommen konnte, hatte die Staatssicherheit (Stasi) schon Wind von den geheimen Fluchtplänen bekommen, der Tunnel der Brüder Arndt flog also auf. "Allein an der Heidelberger Straße gab es damals rund 17 solcher Tunnel", weiß Peter Arndt. Die Häuser, die sich in unmittelbarer Nähe zur Mauer befanden, seien später abgerissen worden. "Davor haben sie in der Tiefe des Tunnels einen Graben ausgebaggert, der dann mit Grundwasser geflutet wurde", berichtet der Süstedter Künstler. Peter Arndt vermutet heute, dass sein Bruder 1963 verraten wurde. "Diese Erkenntnis hat mein Neffe aus der Stasi-Akte seines Vaters gewonnen."

Nachdem sie aufgeflogen und als Menschenhändler angeprangert waren, steckten die Brüder Arndt den Kopf nicht in den Sand. "Wir machen weiter und helfen unseren Freunden im Osten", stand für die beiden Männer aus der Bundesrepublik fest. Peter Arndt, der später im Saarland studierte, verhalf vor allen Dingen ostdeutschen Medizinstudenten zur Flucht. "Viele Studenten aus dem Osten waren an der Freien Universität (FU) im Westen der Stadt eingeschrieben. Nach dem Mauerbau konnten sie ihr Examen nicht mehr ablegen", erklärt er seine Beweggründe, als Fluchthelfer tätig zu werden. Bei sich in Saarbrücken habe er später viele Flüchtlinge aufgenommen. "Die Stasi hatte ein super Spitzelsystem aufgebaut, aber mein Bruder und ich waren ihr immer drei Schritte voraus", resümiert Arndt. Und weiter: "Je gefährlicher es wurde, desto ruhiger wurden wir."

Über seine Erlebnisse als Tunnelbauer und Fluchthelfer möchte Peter Arndt bald ein Buch schreiben. Warum er für die "Doppelgänger-Methode" die Reisepässe seiner Kommilitonen benötigte, darüber referiert der Süstedter morgen Abend auf Einladung des Vereins Rund ums Syker Rathaus im Erzählcafé. Ab 19.30 Uhr dreht sich im Café Alte Posthalterei, Waldstraße 3 in Syke, alles um deutsch-deutsche Freundschaften, Fluchtwege, Passierscheine und umgebaute Autos.

Der Maulwurf

Peter Arndt hat vor 50 Jahren einen Tunnel von West- nach Ostberlin gegraben / Morgen berichtet er im Erzählcafé

Zitat:

"Mein Bruder und ich waren der Stasi immer drei Schritte voraus."

Peter Arndt

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