Traditionsgasthäuser Teil 4 Der Meyerhof in Heiligenrode zieht seit 1815 Prominente an

Stuhr. Auf dem Wiener Kongress 1815 werden die von Napoleon ins Wanken gebrachten Machtverhältnisse in Europa festgezurrt - und in Heiligenrode öffnet ein Gasthof, der knapp 200 Jahre später auf den Namen 'Meyerhof' hört.
09.02.2010, 03:32
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Von Hauke Gruhn

Stuhr. Das waren noch Zeiten, damals, 1815. Auf dem Wiener Kongress werden die von Napoleon ins Wanken gebrachten Machtverhältnisse in Europa festgezurrt, ein gewisser Otto von Bismarck erblickt das Licht der Welt - und in Heiligenrode öffnet ein Gasthof, der knapp 200 Jahre später auf den Namen 'Meyerhof' hört. So manch berühmter Zeitgenosse hat dort bereits sein Autogramm ins Gästebuch gesetzt - zum Beispiel Hans-Dietrich Genscher.

Ein Name fehlt allerdings in der großen Sammlung: Wilhelm Busch. Das mag daran gelegen haben, dass es zu seinen Lebzeiten noch gar kein Gästebuch gab. Aber selbst wenn, dann hätte der 'Max und Moritz'-Macher wohl keinen besonderen Wert auf einen Eintrag gelegt. Denn Busch stieg in Heiligenrode gleich mehrfach unter falschem Namen ab. Er nannte sich Wilhelm Knoop, um möglichst unerkannt zu bleiben - was ihm nicht so ganz gelang.

Der Meyerhof trägt seinen heutigen Namen erst seit 1972, obwohl sich das Gebäude bereits seit 1890 im Meyer?schen Familienbesitz befindet. 'Mein Ururgroßvater hat den Gasthof damals von C.I. Pleus gekauft', erzählt Seniorchef Georg Meyer. Doch weil der Name seit 1815 bereits zur bekannten Marke geworden war, stand in der Folge weiter 'Pleus Gasthof' über dem Eingang. 1972 benannten Georg Meyer und seine Frau Ursula, die er 1962 geheiratet hatte, die Traditionsgaststätte schließlich in 'Meyerhof' um, 'weil sie da schon so lange in Familienbesitz war'.

Der heutige Seniorchef erbte bereits im Alter von zehn Jahren den Betrieb, nachdem sein Onkel im Zweiten Weltkrieg gefallen war. Bis er ausgelernt hatte und die Verantwortung übernahm, das war 1955, kümmerte sich eine Tante ums Geschäftliche. 1972 war aber nicht nur wegen der Umbenennung ein wichtiges Datum für den Meyerhof: Damals schloss auch der hauseigene Kolonialwarenladen seine Pforten. Heute befindet sich dort das Jagdzimmer, in dem auch noch geraucht werden darf.

Stichwort Jagd: Auffällig sind die zahlreiche Geweihe, die im Meyerhof ausgestellt sind. Doch wer vermutet, dass Seniorchef Georg Meyer selbst die Büchse umgeschnallt und die Tiere erlegt hat, der irrt. 'Er hat die Geweihe nur gesammelt', erklärt Ehefrau Ursula. 'Sie stammen zum Teil aus Haushaltsauflösungen.'

Ganz früher, so weiß es Ursula Meyer aus Erzählungen, kamen die Sonntagsausflügler nach Heiligenrode mit ihrem eigenen Kaffee im Gepäck. Die Pferde wurden ausgespannt, Kuchen und deftige Wurstplatten kamen vom Gasthof. Es gab viele gemütliche Lauben auf dem Anwesen, dazu auch eine Kegelbahn. Und natürlich hatten die Ausflügler aus Bremen und umzu ihren feinsten Zwirn an, um sich in idyllischer Klosternähe zu vergnügen.

Zu den bekanntesten Gästen im Meyerhof gehört der frühere Innen- und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Der FDP-Grande war gleich dreimal in Heiligenrode zu Gast, erinnert sich Georg Meyer. Das erste Mal am 5. September 1970: 'Das war zur Goldhochzeit seiner Tante und seines Onkels, die in Huchting lebten. Es gab Pflaumenkuchen und später Bier.' Die Tesafilmstreifen im Gästebuch sind schon vergilbt, dafür strahlt der damals noch junge Genscher umso mehr. Er war dann noch mal 1989 im Meyerhof und zuletzt am 15. Juli 2000 zu einer Geburtstagsfeier gemeinsam mit Ehefrau Barbara. 'Als Herr Genscher zum ersten Mal da war, ging das rum wie ein Lauffeuer', erinnert sich Ursula Meyer. 'Da musste er viele Autogramme geben, und es wimmelte nur so von Sicherheitskräften.' Doch auch sonst machte die Prominenz um den Meyerhof keinen Bogen. Ende der 60er Jahre war der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf da, und Niedersachsens langjähriger Ministerpräsident Ernst Albrecht (der Vater von Ursula von der Leyen) kam auch.

Zu den schillerndsten Figuren im Gästebuch zählt aber sicher Roberto Blanco. Der wollte wie Genscher im Meyerhof gleich dreimal 'ein bisschen Spaß' haben. 1978 war Blancos Meyerhof-Premiere, und 1980 schrieb er ins Gästebuch: 'Ich war auch da! Komme bald wieder.' Er hielt sein Versprechen, ein Jahr später folgte der nächste Eintrag ins Ehrenbuch. Georg Meyer begeisterte sich aber vor allem über den Besuch des Hochadels: 'So um 1970 war Hohenzollern-Prinzessin Irmgard von Preußen hier. Das war für mich der Höhepunkt.'

Viel investiert hat die Familie in den Meyerhof. Zuletzt wurde der große Festsaal vor drei Jahren renoviert. Ordentlich Geld in die Hand genommen wurde auch für den Anbau 1980. Im Obergeschoss stehen 13 Hotelzimmer für Gäste bereit. Um die Nachfolge müssen sich Ursula und Georg Meyer eigentlich keine Sorgen machen: Ihre Tochter Diana und deren Mann Carsten, der schon den Namen Meyer angenommen hat, sind ausgebildete Köche - und seit Jahren im Familienbetrieb aktiv.

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