Grenzgänger (III): In einem südwestlichen Zipfel Stuhrs leben Kreisdiepholzer und Kreisoldenburger Tür an Tür Die Ersten kamen nur fürs Wochenende

Stuhr·Landkreis Oldenburg. Neben dem Wort "Idylle" könnte im Lexikon ein Fotomotiv aus Siek stehen. Dort, im südwestlichen Zipfel der Gemeinde Stuhr, der von Kirchseelte und Groß Ippener umrahmt ist, fühlen sich nicht nur Pferde, Katzen und Hunde, sondern auch Menschen pudelwohl. Die etwas kuriose Situation, dass sich mitten durch die Nachbarschaft am Ende des Großen Heerwegs nicht nur die Gemeinde-, sondern auch noch die Kreisgrenze zwischen Diepholz und Oldenburg zieht, stört hier kaum jemanden. Wenn sich hier jemand ärgert, dann über den schlechten Internet- und Handyempfang.
02.04.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hauke Gruhn

Stuhr·Landkreis Oldenburg. Neben dem Wort "Idylle" könnte im Lexikon ein Fotomotiv aus Siek stehen. Dort, im südwestlichen Zipfel der Gemeinde Stuhr, der von Kirchseelte und Groß Ippener umrahmt ist, fühlen sich nicht nur Pferde, Katzen und Hunde, sondern auch Menschen pudelwohl. Die etwas kuriose Situation, dass sich mitten durch die Nachbarschaft am Ende des Großen Heerwegs nicht nur die Gemeinde-, sondern auch noch die Kreisgrenze zwischen Diepholz und Oldenburg zieht, stört hier kaum jemanden. Wenn sich hier jemand ärgert, dann über den schlechten Internet- und Handyempfang.

Doggendame Jamie kommt gemächlichen Schrittes näher, bellt, knurrt, schnuppert - und legt sich wieder ins Körbchen. Vom Reporter scheint keine Gefahr auszugehen. Jamie wacht mit ihren zwei deutlich kleineren Hundekameraden über den Reitstall Siek. Seit drei Jahren verwirklichen sich hier, am Rande der Gemeinde Stuhr, die gebürtigen Delmenhorster Dennis und Stefanie Tykac ihren Traum vom Pferdehof. "Es ist schön ruhig hier - nur im Büro zu arbeiten, wäre nichts mehr für mich", sagt der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann. Und auch seine Frau Stefanie, die gelernte Altenpflegerin ist, konnte sich schnell für diesen Flecken Stuhr begeistern. "Am Anfang haben wir uns natürlich schon etwas gewundert", spielt sie auf die Grenzlage an. "Da haben wir die Mülltonnen so an die Straße gestellt wie die Nachbarn auch - aber unsere sind stehengeblieben." Vorsätzliches Mobbing durch die Müllmänner? Das junge Ehepaar machte sich schlau und erfuhr schnell, dass die andere Straßenseite bereits

zu Kirchseelte (Samtgemeinde Harpstedt, Landkreis Oldenburg) gehört.

"Wenn man zum ersten Mal in diese Richtung fährt, denkt man schon: Jetzt kann es gleich eigentlich nicht mehr weitergehen", sagt Dennis Tykac. Am Anfang ging es ihm genau so. Doch er kennt mittlerweile die Vorteile der Abgeschiedenheit. Die Ruhe, die Natur, klar. "Aber man ist auch schnell am Dreieck Stuhr und in Groß Mackenstedt zum Einkaufen", erzählt der gebürtige Delmenhorster. "Und mit den Nachbarn klappt es hier auch gut", betont Stefanie Tykac. Weniger gut klappe es in der waldreichen Ecke mit der Technik. "Mit dem Navi ist es schwierig", berichtet sie. Ihr Mann Dennis kann sich noch gut daran erinnern, wie sich ihr Futterlieferant aus Holland verfuhr. "Da stand er dann plötzlich mit seinem 40-Tonner im Wald." Auch Taxis hätten bisweilen so ihre Probleme.

45 Pferde hat das Ehepaar Tykac zurzeit auf dem Hof stehen - dauerhaft ausgebucht. Die meisten Tiere gehören Stuhrern, Bremern oder Kirchseeltern. Mehrmals im Jahr kommen alle zusammen. Demnächst wieder zum Osterfeuer, später im Jahr zum Oktoberfest auf dem Hof. "Da waren letztes Jahr 250 Leute hier", erzählt Dennis Tykac. Für die kleine Siedlung ein echtes Großereignis.

Paradies für Naturfreunde

Ein paar Häuser weiter, auf Kirchseelter Seite, wohnt eine ältere Dame. Sie war früher einmal Lehrerin, jetzt geht sie gerade mit Hund Sunny spazieren. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, aber sie berichtet gerne von ihren Anfängen hier. "Wir hatten 1968 das Grundstück gekauft und es zunächst wie so viele als Wochenendhaus genutzt", erzählt sie. "Damals gehörte die ganze Siedlung noch zu Harpstedt, bis zur Gemeindereform." Jetzt sei wirklich alles doppelt. An zwei Müllabfuhren und zwei Postboten für die kleine Straße habe sie sich erst gewöhnen müssen, sagt sie. Aus dem kleinen Wochenendhaus wurde schließlich der Hauptwohnsitz. Mitten in der Natur, ganz nah dran an den geliebten Pferden. "Wenn man Naturfreund ist, ist das hier das Paradies", sagt die frühere Bremerin. "Aber ohne Auto geht es nicht." Obwohl sie seit vielen Jahrzehnten Kirchseelterin ist, orientiert sie sich mehr nach Stuhr - etwa zum Einkaufen. Behördengänge muss die Dame mit dem Hund aber natürlich im

Landkreis Oldenburg erledigen.

Mit ihr freut sich auch Sigrid Röben über die regelmäßigen Kohltouren der Nachbarschaft, immer Anfang März. Da halten alle zusammen, Stuhrer und Kirchseelter. Sigrid Röben und ihr Mann haben sich vor acht Jahren entschlossen, aufs Land zu ziehen. Ihm fiel die Entscheidung nicht schwer, stammt er doch aus Dimhausen. Sie als gebürtige Delmenhorsterin zierte sich jedoch etwas. "Früher war mir das alles zu weit draußen." Nun schätzt sie das ruhigere Leben hier. Nach und nach lernten sie auch die Nachbarschaft kennen. "Das erste Osterfeuer haben wir noch verpasst, jetzt sind wir aber alle eine gute Clique", sagt sie.

Auch die Gepflogenheiten der Gegend übernahmen Sigrid Röben und ihr Mann schließlich. "Wir waren eine der letzten, die sich einen Hund angeschafft haben", erzählt sie. Dafür aber gleich einen Bernhardiner. Ohne Wachhund könnte die Abgeschiedenheit auch schnell mal unheimlich werden. "Dass hier nicht so viel los ist, stört uns aber nicht weiter", betont die Stuhrerin. Mit Teich und Strandkorb im Garten und dem Ausblick auf die unendlichen Pferdewiesen lässt es sich gut leben.

Ein großes Thema in der landkreisgemischten Nachbarschaft ist das Internet. "Wir haben hier nur ISDN", beklagt Dennis Tykac. "Das dauert immer Jahre." Andere Nachbarn hätten sogar nur ein "ganz altes Modem" - noch langsamer. Ins weltweite Datennetz geht es am besten per Handy. "Der Empfang ist aber auch nicht so gut", berichtet Tykac. "Am besten ist es noch draußen, im Haus geht gar nichts." Sigrid Röben zieht es zum Telefonieren per Handy derweil immer zum Gartenzaun. "Da funktioniert der Empfang auch nicht hundertprozentig - aber immerhin."

Als richtige Stuhrerin fühlt sich Sigrid Röben nicht. "Mit dem Rest der Gemeinde haben wir wenig zu tun." Bei Stefanie und Dennis Tykac hingegen "kommt langsam das Stuhr-Gefühl auf", wie sie sagen. "Wir würden nicht mehr zurück nach Delmenhorst wollen", betont Stefanie Tykac. Einen der Gründe liefert ihr Ehemann gleich mit: "Ich gehe schon lieber zum Bürgerbüro nach Stuhr als nach Delmenhorst. In Stuhr sind sie schon viel freundlicher."

Dass eine der Pferdewiesen teilweise schon zu Groß Ippener gehört, stört die Pferdehofbetreiber nicht. Stefanie Tykac sagt: "Es ist halt Grenzland." Aber eben nicht mit Stacheldrahtzaun und Wachturm, sondern mit Wald, Wiese und Tieren.

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