Ehemaliger Hauptschüler aus Leeste studiert heute Informatik 'Du bist ja ein sehr exotischer Fall'

Vor ein paar Jahren ging Volkan Gizli noch auf die Hauptschule. Heute studiert der 23-Jährige Informatik - und will Schülern Mut machen, an sich und ihre Ziele zu glauben.
26.03.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gaby Wolf

Weyhe-Leeste. Als Volkan Gizli Ende Februar bei der Ehemaligenbörse an der KGS Leeste Schülern auf Berufssuche Rede und Antwort stand, ging es nicht nur um sein Studienfach Informatik. Der 23-Jährige wollte Mut machen, dass man auch höher gesteckte Ziele erreichen und seinen Weg gehen kann, selbst wenn vieles dagegen spricht. Diesen Mut musste der Leester in seiner Schulzeit selbst oft genug immer wieder neu fassen. Denn dass er 2005 einmal Abitur machen würde, danach sah es für den ehemaligen Hauptschüler anfangs eher nicht aus.

Dabei hegte Volkan Gizli schon von klein auf den Wunsch, mit einem technischen Studium in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. 'Mein Vater kam mit 16 aus der Türkei nach Deutschland, hat sich hier durchgeschlagen, studiert und es bis zum Raumfahrtingenieur gebracht.' Gizlis Mutter, die seit rund fünf Jahren in Leeste ihren eigenen Friseursalon betreibt, war dagegen schon in Deutschland geboren. Eigentlich eine gute Basis, sollte man meinen. 'Mein Problem war, dass mein Deutsch trotzdem nicht so doll war', erinnert sich der 23-Jährige. 'Meine Großeltern wollten, dass ich Türkisch als Muttersprache lerne, daher hatte ich in Deutsch große Defizite.' Erst auf der Grundschule Erichshof, dann in der Orientierungsstufe.

An der KGS begann er mit der siebten Klasse immerhin im Realschulzweig. Ein kurzes Gastspiel. 'Meine Deutsch-Lehrerin legte auf Grammatik und gute Deutsch-Kenntnisse besonders viel Wert, Wackelkandidaten hatten da keinen so guten Stand', erzählt Volkan Gizli. Am Ende habe er es nicht geschafft, seine Noten zu verbessern. 'So bin ich dann in den Hauptschulzweig gekommen.'

Dort jedoch fühlte er sich unterfordert. 'Besonders in den Fächern Mathe und Physik hätte ich aber gern mehr Stoff zum Lernen gehabt', blickt er zurück. Schließlich habe er immer noch das Studium als Ziel vor Augen gehabt. 'Aber viele haben das belächelt und gesagt, das wird eh nix.'

Doch dann - in der zehnten Klasse - bekam Gizli Dieter Verhey als Mathelehrer. Um den Zusammenhalt in der Klasse zu fördern, habe Verhey gleich zu Beginn der zehnten Klasse eine gemeinsame Radtour in den Niederlanden vorgeschlagen. 'Zuerst war jeder dagegen, aber Herr Verhey hat bei jedem Einzelnen persönlich zu Hause vorgesprochen, und am Ende war es das Beste, was wir hätten machen können.' Verhey ließ auch bei Volkan Gizli nicht locker. 'Er hat an mich geglaubt, mir viel Bonusmaterial und Extraaufgaben gegeben, mich motiviert ohne Ende.'

"Ich wollte es allen zeigen"

Mit einem Einser-Schnitt erreichte Gizli am Ende der zehnten Klasse den erweiterten Realschulabschluss. 'Danach hätte ich auch auf eine technische Oberstufe wechseln können, aber ich wollte es allen zeigen und habe in der gymnasialen Oberstufe der KGS weitergemacht.' Und schon wartete die nächste Hürde. Denn um direkt mit der elften Klasse anschließen zu können, fehlte Gizli die zweite Fremdsprache. 'Auf der Hauptschule hatte ich nur Englisch, und der neu beginnende Spanisch-Kurs, den ich alternativ hätte nehmen können, kam nicht zustande.' Doch Hilfe nahte - diesmal in Person des Gymnasialleiters Hajo Weber. ',Du bist ja ein sehr exotischer Fall, aber das kriegen wir schon hin?, hat er gesagt', erinnert sich Gizli.

Weber hielt Wort und sorgte dafür, dass Volkan Gizli seine türkischen Sprachkenntnisse per Sprachfeststellungsprüfung als zweite Fremdsprache anerkennen lassen konnte. Ab dem zwölften Jahrgang hätte dann alles glattgehen können, tat es aber nicht. Denn die von Gizli gewählten Leistungskurse (Mathe und Physik) kamen mangels Masse nicht zustande. 'Ich wollte aber unbedingt wenigstens eins davon als Leistungskurs haben.'

Wieder gab es Unterstützung von Weber. 'Er hat mir dazu verholfen, dass ich am Mathe-LK an der KGS Brinkum teilnehmen durfte.' Und trotzdem tauchte bald ein weiteres Problem auf. Die fünf LK-Stunden in Brinkum überschnitten sich mit Gizlis Abitur-Fächern in Leeste. 'Ich musste mit dem Fahrrad pendeln, immer mit der Zeit im Nacken - da musste mancher Lehrer mal ein Auge zudrücken, oder bei Doppelstunden wurde halbe-halbe gemacht.' Und dann kam - frei nach Heinz Erhardt - noch?n Problem. Die Facharbeit.

Die eigenständig recherchierte Arbeit mussten die Schüler in einem ihrer beiden Leistungskurse abliefern. 'In Leeste wurde festgelegt, in welchem, die Brinkumer Schüler durften selbst entscheiden', erzählt Volkan Gizli. Prompt kam es für ihn zur ungünstigsten aller Konstellationen: Für ihn wurde Mathe festgelegt - seine Brinkumer Mathe-LK-Kollegen entschieden sich alle für ihren anderen Leistungskurs. 'Während also in Brinkum der Matheunterricht weiterlief und viel Stoff für das Abitur durchgenommen wurde, musste ich in den Wochen meine Facharbeit schreiben.'

Da habe er wirklich Angst bekommen, dass er es nicht schafft und sich den Stoff tagelang selbst 'reingeknallt'. Als er dann 2005 sein Zeugnis in Händen hielt, hatte er sich nicht nur in Mathe durchgeboxt, sondern auch in der mündlichen Prüfung in Deutsch zwölf Punkte (eine Zwei plus) eingeheimst. 'Das war das I-Tüpfelchen', freut sich Volkan Gizli noch heute.

Nach dem Zivildienst in den Delme-Werkstätten startete er an der Uni Bremen durch. 2009 bestand er das Vordiplom in Informatik. Aktuell steht er kurz vor dem Diplom. Als Informatik-Freak, der sich nur in der Welt der Zahlen und Formeln wohlfühlt, sieht sich Gizli, der ganz nebenbei auch das türkische Saiteninstrument Saz so gut beherrscht, dass er schon mal zu musikalischen Veranstaltungen ins Ausland eingeladen wird, aber nicht. Er möchte bei seiner künftigen Arbeit mit Menschen zu tun haben. 'Aber vorher', fügt er hinzu, 'würde ich gern noch promovieren.'

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