Neue Gruppierung will über Parteiprogramm und Mitglieder der Alternative für Deutschland aufklären – AfD-Mann Wiese kontert

Ein kritischer Blick

Bassum. Ein Kreis aus zehn Personen aus Bassum und Umgebung findet sich seit einigen Wochen regelmäßig zusammen, um das Programm der AfD, der Alternative für Deutschland, zu studieren. Nicht, weil sie mit der Partei sympathisieren, sondern weil sie über deren Inhalte aufklären wollen.
06.04.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Lührs
Ein kritischer Blick

Gehören zu Midea: Katharina Warrelmann (von links), Ulrich Wahl-Warrelmann, Rena Ziegler und Sylvia Holste-Hagen.

UDO MEISSNER

Bassum. Ein Kreis aus zehn Personen aus Bassum und Umgebung findet sich seit einigen Wochen regelmäßig zusammen, um das Programm der AfD, der Alternative für Deutschland, zu studieren. Nicht, weil sie mit der Partei sympathisieren, sondern weil sie über deren Inhalte aufklären wollen. Das erklärte Ziel: Die Menschen sollen wissen, welchen Inhalten sie bei der im Herbst anstehenden Bundestagswahl ihre Stimme geben, wenn sie ihr Kreuz für die AfD setzen. „Menschlichkeit ist die einzige Alternative“ nennt sich die neu gegründete Arbeitsgruppe, kurz: Midea.

„Bei mir kommt die Sorge hoch, dass rechtes Gedankengut salonfähig wird“, erklärt Ulrich Wahl-Warrelmann, der zu den ersten Mitgliedern der Gruppe zählt. Sein Unbehagen teilt er mit den anderen Mitwirkenden, die sich für mehr Menschlichkeit engagieren wollen.

In roten Ordnern haben die Gruppenmitglieder fleißig Unterlagen gesammelt, aus denen sie ihre Informationen erhalten. Von Vorträgen, anderen Formierungen, aus Zeitungen und von Organisationen wie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung beziehen sie ihr Wissen, erklärt Wahl-Warrelmann – und natürlich direkt von der AfD. Denn, da sind sie überzeugt, gerade sozial benachteiligte Menschen, die aus Protest ihre Stimme für die vermeintliche Alternative abgeben, schnitten sich damit ins eigene Fleisch. „Die AfD möchte einen gleichen Steuersatz für alle“, nennt Sylvia Holste-Hagen als Beispiel. Das sei ein klarer Nachteil für Geringverdiener, für Großverdiener eine gute Nachricht. Das findet Holste-Hagen unsozial.

Harald Wiese, der im Diepholzer Kreistag für die AfD den Posten des Fraktionsvorsitzenden bekleidet, widerspricht dieser Äußerung. „Das Ziel der AfD ist eine Entlastung der Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen“, sagt er. Seine Partei plane einen Einkommensteuertarif mit wenigen Stufen und einem deutlich höheren Grundfreibetrag. Doch für die Gruppe „Menschlichkeit ist die einzige Alternative“ sprechen auch einige weitere Gründe gegen die Partei. „Unsozial, menschenfeindlich und gefährlich“ sei die AfD, moniert Ulrich Wahl-Warrelmann und appelliert mit seinen Mitstreitern: Es sei höchste Zeit, „deren Hass-, Angst- und Ausgrenzungspropaganda entgegenzuwirken und zugleich für Solidarität, Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft einzustehen“.

Dafür wollen sie in Zukunft Informationsveranstaltungen anbieten. „Unser Antrieb ist die Frage: Was steckt eigentlich in der Tüte, die ich kaufe?“, sagt Katharina Warrelmann. Die imaginäre Tüte ist in diesem Fall blau und mit einem roten Harken und dem Parteischriftzug versehen. „Wir wollen uns nicht um die Leute kümmern, die genauso aufgewühlt sind wie wir“, erklärt Warrelmann. Viel mehr gehe es darum, auf potenzielle AfD-Wähler zuzugehen. „Wir wollen aufklären und auf keinen Fall bekehren“, das sei ihr und ihren Mitstreitern dabei besonders wichtig. Sie seien überzeugt, dass ein genauerer Blick in das Wahlprogramm für viele AfD-Sympathisanten bereits Grund genug sein könne, sich doch für eine andere Partei zu entscheiden.

Wiese indes moniert das Vorgehen von Midea. „Die Gruppe scheitert an ihrem Anspruch bereits dadurch, dass sie sich ausgerechnet dann für besonders menschlich hält, wenn sie ihren Gegnern die Menschlichkeit abspricht“, moniert der Fraktionsvorsitzende. Und weiter noch: „Wer so handelt, legt die Axt an die Wurzeln der Demokratie.“ Denn zu der gehöre auch die Anerkennung demokratischer Wahlergebnisse.

„Natürlich hört sich das erst einmal schön an“, räumt Warrelmann mit Blick auf das Wahlprogramm der AfD ein, doch wer genauer hinblicke, der entdecke Unangenehmes. „Für mich steht da mehr Diktatur hinter“, stellt sie fest. Mit seiner Antipathie gegen das rechte Spektrum ist Midea nicht allein. An verschiedenen Orten formieren sich Gruppen. „Wir wollen uns landkreisweit vernetzen“, wünscht sich die Vereinigung für die Zukunft.

Dieses „Bashing“, wie es Wiese bezeichnet, habe mit realen Positionen nichts zu tun. So sei ihm beispielsweise vorgeworfen worden, er erkenne Menschen mit Behinderungen nicht als gleichberechtigte freie Bürger an. „Treppenwitz bei der Geschichte: Ich bin meines Wissens der einzige schwerbehinderte Fraktionsvorsitzende im Kreistag“, erklärt er. Konstruktive Kritik nehme die Partei dennoch gerne auf. „Wir sind uns bewusst, dass wir permanent an uns arbeiten müssen, um dem Vertrauen des Wählers gerecht zu werden.“

„In diesem Land gibt es Attribute, die wir uns erkämpft haben“, findet Katharina Warrelmann. Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die Freiheit von Religion und Sexualität – all das könne durch eine erstarkende AfD und ihre konservativen Wertvorstellungen bedroht werden. „Ohne diese Gruppe hätten wir auch keine Langeweile“, stellt Rena Ziegler klar, doch die zusätzliche Arbeitszeit für die Gruppe Midea sei gut investiert.

„Wir wollen aufklären und auf keinen Fall bekehren.“ Katharina Warrelmann
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