Geplantes Verpackungsgesetz Ein Sack voller Probleme

Was muss in den gelben Sack und was nicht? Zwei Fragen, die sich nicht so einfach beantworten lassen. Auch mit dem System insgesamt ist AWG-Geschäftsführer Andreas Nieweler nicht glücklich.
07.04.2017, 16:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Dominik Albrecht

Landkreis Diepholz. In regelmäßigen Abständen strahlen sie uns vom Seitenrand entgegen: die gelben Säcke. Das Prinzip hinter den gelblich transparenten Behältnissen scheint simpel. Doch leider landen immer wieder Stoffe in den gelben Säcken, die dort nichts zu suchen haben. Ein Ärgernis, das unter anderem auf ein intransparentes Verwertungssytem zurückzuführen ist. Für Andreas Nieweler, Geschäftsführer der Abfallwirtschaftsgesellschaft (AWG) Bassum, ein Unding.

140 Mitarbeiter der AWG sammeln jährlich 5500 Tonnen Müll aus gelben Säcken im Landkreis Diepholz und bringen ihn zu Sortieranlagen. Hier werden sie für ihre weitere Verwertung aufbereitet. Nötig wird dieser Schritt, weil rund 30 Prozent des Mülls nichts im gelben Sack zu suchen hat und eigentlich in den Restmüll gehört – obwohl es streng genommen Plastik ist.

Den Verbraucher treffe an der ganzen Öko-Misere keine Schuld. Er sei schließlich das letzte Glied in der Kette und nehme nur das, was die Wirtschaft ihm anbiete. „Der Verbraucher hat gar keine Chance, den Müll zu beeinflussen. Er muss die dreimal verpackte Zahnbürste kaufen“, sagt Nieweler. Der Sündenbock sei vielmehr bei einer komplizierten Aufteilung in eine kommunale und eine privatwirtschaftliche Zuständigkeit zu suchen, die schon seit mehr als 40 Jahren besteht.

Der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer hat sich 1992 dafür ausgesprochen, dass Produkthersteller eine Produktverantwortung tragen und für die Sammlung und Verwertung des Mülls einstehen sollen. „Töpfer wollte die Wirtschaft damit zwingen, besser recycelbare Verpackungen herzustellen", erklärt Andreas Nieweler. Die dadurch anfallenden Kosten sollten durch gekaufte Lizenzen gedeckt werden, die heute in den Produktpreisen enthalten sind, also von den Verbrauchern getragen werden. Prominentestes Beispiel für diese Lizenzen sei der Grüne Punkt. Bei ihm handele es sich nämlich mitnichten um ein Recycling-System. „Das glauben alle Menschen, ist aber nur der Beweis für die gute Marketingarbeit der Firma“, so Nieweler.

Plastikschüsseln, Kinderspielzug oder auch Textmarker hingegen zählen zu den stoffgleichen Nichtverpackungen und gehören in den Hausmüll. Dessen Entsorgung unterliegt den Kommunen. Eine unnötige Trennung, wenn es nach Andreas Nieweler geht: „Wir wollten schon immer eine einheitliche Wertstofftonne, mit der Kunststoff einfach Kunststoff gewesen wäre." So gesehen sei der Bürger schon weiter als das Gesetz, indem er einfach alle Formen von Plastik in den gelben Sack werfe.

Verhandlungen im Herbst, eine solche Tonne einzuführen, scheiterten allerdings an der Privatwirtschaft. „Die Wirtschaft hat leider die stärkere Lobby in Berlin und sitzt am längeren Hebel“, bedauert Andreas Nieweler. „Das System hat Schwächen, und es kam immer wieder zu Betrügereien“, weiß Nieweler. Für ihn keine Überraschung. Für die Wirtschaft stehe nicht die Ökologie an erster Stelle, sondern die Gewinnmaximierung. Unter 25 Prozent des Mülls werde nur recycelt. Der Rest werde energetisch verwertet, sprich verbrannt – und ist damit verloren. Tricksereien, die Andreas Nieweler ein Dorn im Auge sind: „Die Entsorger prahlen nach außen mit einer Verwertungsquote von 85 Prozent. Das stimmt, aber da ist auch der Anteil mit drinnen, der in der Müllverbrennung landet.„ Das widerspreche dem Ansatz von Klaus Töpfer zur Gänze, der die Stoffe in einem Kreislauf halten wollte. „Es findet nicht, wie eigentlich vorgesehen, eine weitestgehend stoffliche Verwertung statt“, sagt Nieweler.

Die geplante Umwandlung der Verordnung in ein Gesetz biete keine Anreize, ökologisch besser zu werden – und auch keine Sanktionen. „Die Wirtschaft kann Müll produzieren bis zum Abwinken, ohne dafür gerügt zu werden", kritisiert Nieweler. Darüber hinaus würde den Ländern ihre Zuständigkeit entzogen. Für den Geschäftsführer ist die Sache klar: „Damit macht man den Bock zum Gärtner.“

Erst im Januar 2019 bietet sich für die Kommunen wieder eine Möglichkeit, einen Kompromiss zum gelben Sack durchzusetzen. Der Ruf seitens der Verbraucher nach einer Tonne wäre immerhin da, wie ein Modellversuch mit 1500 Haushalten ergeben hat. Andreas Nieweler möchte nichts unversucht lassen: „Wir werden prüfen, unter welchen Bedingungen und Kosten wir uns eine einheitliche Lösung vorstellen können. Das jetzige System ist zumindest nicht zukunftsfähig.“

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