Hans Holger Ahlsdorff übernimmt eine Arztpraxis in Heiligenfelde - und ist damit die Ausnahme von der Regel Ein seltener Glücksfall: Der Nachfolger ist gefunden

Syke-Heiligenfelde. Mehr als zwei Jahre haben sie gesucht. Mehr als zwei Jahre haben die Doktoren Karin Schmalenberg sowie Petra und Jürgen Kleen keinen Nachfolger für ihre Arztpraxis am Heiligenfelder Kirchplatz gefunden. Jetzt hat das Warten ein Ende: Dr. Hans Holger Ahlsdorff wird in das Fachwerkhaus, das der Stadt Syke gehört, einziehen. Für Ralf Meier, Praxisberater der Kassenärztlichen Vereinigung in Verden, ein Glücksfall: "Es ist schwierig, Ärzte zur Übernahme einer Praxis auf dem Lande zu überreden. Wenn wir überhaupt jemanden finden, dauert das zwischen drei und fünf Jahren."
08.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ein seltener Glücksfall: Der Nachfolger ist gefunden
Von Micha Bustian

Syke-Heiligenfelde. Mehr als zwei Jahre haben sie gesucht. Mehr als zwei Jahre haben die Doktoren Karin Schmalenberg sowie Petra und Jürgen Kleen keinen Nachfolger für ihre Arztpraxis am Heiligenfelder Kirchplatz gefunden. Jetzt hat das Warten ein Ende: Dr. Hans Holger Ahlsdorff wird in das Fachwerkhaus, das der Stadt Syke gehört, einziehen. Für Ralf Meier, Praxisberater der Kassenärztlichen Vereinigung in Verden, ein Glücksfall: "Es ist schwierig, Ärzte zur Übernahme einer Praxis auf dem Lande zu überreden. Wenn wir überhaupt jemanden finden, dauert das zwischen drei und fünf Jahren."

Etliche Praxen hätten schon schließen müssen, berichtet Ralf Meier, auch Syke mit seinen angeschlossenen Ortschaften sei da keine Ausnahme. Als Beispiel nennt er die jüngst nicht wieder besetzte Praxis von Dr. Onno Buurmann. "Insofern ist es ein Highlight, dass jemand hier weitermacht", findet Jürgen Kleen.

In Heiligenfelde atmen sie jetzt auf. Zumal sich sogar eine Verbesserung der Situation anbahnt. Denn: Das Trio aus der Kirchplatz-Praxis will mitnichten aufhören, es will nur kürzer treten. "Vielleicht zwei Jahre noch", sagt Jürgen Kleen, wollen die drei Mediziner weitermachen. Im August soll Hans Holger Ahlsdorff dazustoßen, und ab Oktober soll er federführend wirken. "Dann ist es eine Verbesserung", meint Jürgen Kleen, "aber die ist auch dringend nötig."

Über eine Anzeige im niedersächsischen Ärzteblatt waren die Verantwortlichen auf Hans Holger Ahlsdorff gestoßen. Und hatten eine gehörige Portion Glück. Denn der 46-Jährige hatte eigentlich vor, mit Gattin Yvonne sowie den drei Kindern Jan-Espen (9), Pal-Henrik (8) und Emily (1) bis zur Pensionierung in Norwegen zu bleiben. Dort, in der Nähe Trondheims, hat der Allgemeinmediziner elf Jahre lang gearbeitet. Nach dem Studium in Erlangen und Stellen in Wilhelmshaven, Varel sowie im emsländischen Twiest hatte Hans Holger Ahlsdorff sich den Wunsch erfüllt, im Ausland zu arbeiten und in Norwegen eine zweite Heimat gefunden. Doch die Sehnsucht nach der Familie wurde bei ihm und seiner Frau "bei jedem Abschied größer". Ostern 2010 wuchs der Wunsch, näher an Deutschland heran zu ziehen. Und schnell folgte die Frage: "Warum machen wir nicht gleich Nägel mit Köpfen?"

Gesagt, getan: Der Anzeige im Ärzteblatt folgte die Kontaktaufnahme durch Jürgen Kleen. Die Überzeugungsarbeit geriet zum Einrennen offener Türen. Weil die Ahlsdorffs erstens ohnehin aufs Land ziehen wollten und zweitens Jürgen Kleen seinem potenziellen Nachfolger hilfreich zur Hand ging. "Er hat alle Papiere besorgt, alles vorbereitet", lobt Ahlsdorff seinen Vorgänger. Am Heiligabend folgte die Praxisbesichtigung, "und schon bei der Begrüßung habe ich gewusst: ,Das ist es!'". Als die Voraussetzung erfüllt war, dass genug Zeit für die Familie ist, war man sich einig. Nun sucht die Ahlsdorffsche Fünfer-Bande nach einem Domizil, dass nicht weiter als 30 Minuten entfernt vom Heiligenfelder Kirchplatz entfernt sein darf. Denn so gebietet es die Residenzpflicht.

Der Praxisgemeinschaft fiel ein Stein vom Herzen. "Hier steckt unser ganzes Herzblut drin", erklärt Karin Schmalenberg. "Wir haben damals, nach dem Einzug 1983, alles selber aufgeteilt", ergänzt Petra Kleen. "Deshalb ist es für uns ein Traum, dass es jetzt so weitergeht." Nicht nur für das Ärzteteam übrigens, sondern auch für die vielen helfenden Hände in der Praxis: Sie sollen alle bleiben. Was den Patienten den Vorteil beschert, weiterhin in bekannte Gesichter schauen zu dürfen.

Die Heiligenfelder haben Glück gehabt, die Praxis am Kirchplatz bleibt bestehen. Doch das ist eher die Ausnahme. Viele Ärzte zieht es zurzeit in die Städte, für die Kassenärztliche Vereinigung ein Problem. "Es ist mittlerweile tatsächlich so, dass gewisse Ärzte um bessere Bedingungen pokern", gibt Ralf Meier bekannt. Im Osten würde den Medizinern beispielsweise günstiges Bauland als Lockmittel angeboten. "Vielleicht müssen wir die Attraktivität des ländlichen Raums auch besser darstellen", überlegt Meier. So wäre es sicherlich besser, vierter Arzt in Syke als 101. Arzt in Bremen zu ein. Denn: "In Syke haben sie höhere Fallzahlen und damit auch höhere Umsatzzahlen." Doch daran würden im Moment die wenigsten denken, "und darum kämpfen wir um jeden Allgemeinmediziner, den wir kriegen können".

Auch die Stadt Syke hat ihren Teil dazu beigetragen, dass der Arzt in Heiligenfelde bald Hans Holger Ahlsdorff heißen wird: Sie stellte die Praxis zur Verfügung. Bürgermeister Harald Behrens ist dementsprechend "sehr erleichtert" und verweist auf die Ängstlichkeit vor allem älterer Menschen ob einer Ärzte-Unterversorgung. Behrens ärgert die Betrachtungsweise vieler Mediziner, der ländliche Raum sei nicht attraktiv. "Da müssen wir vermehrt Gutes transportieren", nimmt sich der Verwaltungschef vor. Und noch mehr: "Wir müssen von uns aus mehr werben."

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