Im Frauentreffpunkt kommen einmal die Woche arabische Frauen zusammen / Thema ist nicht nur das Kopftuch Ein Stück Heimat am Kaffeetisch

Stuhr-Brinkum. Auf dem Tisch steht Kaffee und Kuchen, drumherum sitzen 15 Frauen und unterhalten sich angeregt über ihre Kinder, ihren Beruf und was sie sonst noch so umtreibt. Hört sich erst mal nach einem ganz normalen Kaffeekränzchen an - und das ist es eigentlich auch, nur dass die Frauen allesamt aus arabischen Ländern stammen. Einmal in der Woche kommen sie im Frauentreffpunkt Sie(h)da zusammen.
22.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Claudia Gilbers

Stuhr-Brinkum. Auf dem Tisch steht Kaffee und Kuchen, drumherum sitzen 15 Frauen und unterhalten sich angeregt über ihre Kinder, ihren Beruf und was sie sonst noch so umtreibt. Hört sich erst mal nach einem ganz normalen Kaffeekränzchen an - und das ist es eigentlich auch, nur dass die Frauen allesamt aus arabischen Ländern stammen. Einmal in der Woche kommen sie im Frauentreffpunkt Sie(h)da zusammen.

Die Gruppe gibt es mittlerweile seit rund drei Jahren. Viele der Frauen haben zuvor das allgemeine Frauencafé besucht - und tun das auch weiterhin. "Aber der Austausch untereinander war ihnen ein großes Anliegen", erklärt die Stuhrer Gleichstellungsbeauftragte Annegret Merke, warum für die arabischen Frauen schließlich ein "Ableger" des Frauencafés ins Leben gerufen wurde.

Die meisten Frauen, die das Treffen mittlerweile besuchen, kommen aus Brinkum, aber es sind auch Araberinnen aus den anderen Stuhrer Ortsteilen sowie unter anderem aus Delmenhorst und Bremen dabei. Ab und zu schaut sogar eine Frau aus Hamburg vorbei. "Wir haben hier im weiteren Umkreis das einzige Treffen dieser Art. Nur in Tenever gibt es noch etwas ähnliches", sagt Annegret Merke. Ursprünglich stammen die meisten Frauen aus Ägypten, Palästina und dem Libanon. Viele sind Bürgerkriegsflüchtlinge und schon als Kinder mit den Eltern nach Deutschland gekommen.

Geleitet wird das Treffen von Anfang an von Julia Mouchawrab. "Sie macht das mit viel Elan und Liebe", lobt die Gleichstellungsbeauftragte. Mouchawrab ist immer die erste beim Treffen und deckt schon mal den großen Tisch im Frauentreffpunkt. Sie gestaltet aber auch das Programm - wenn einmal nicht einfach nur so geklönt wird. Dann denkt sie sich zum Beispiel ein Spiel aus oder gibt ein Diskussionsthema vor.

Themen finden die Frauen aber auch so reichlich. "Wir sprechen über Kindererziehung, das Berufsleben sowie Probleme, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen", nennt sie einige Beispiele. Doch auch ernstere Themen werden angeschnitten - und da gibt es dann doch Unterschiede zu einem Treffen deutscher Frauen. Leila Ayoub etwa ist gelernte Zahntechnikerin, doch ihre Ausbildung wird in Deutschland nicht anerkannt. Sie müsste dieselbe Ausbildung also hier noch einmal machen, erklärt sie. "Da macht man sich dann hier gegenseitig Mut", sagt Mariam Moubarak, die von Anfang an die Treffen der Gruppe besucht. "Und man gibt sich gegenseitig Tipps", ergänzt Annegret Merke.

Auch über das Thema Kopftuch tauschen sich die Frauen aus. "Gerade hatten wird das Thema", berichten sie von einem der vergangenen Treffen. Einige tragen Kopftuch, andere nicht. Mariam Moubarak hat es früher nicht getragen, dann entschied sie sich für ein Kopftuch und hat es nach einem Jahr doch wieder abgenommen. "In den Geschäften wurde ich ganz anders angeschaut, und auch im Kindergarten haben andere Mütter plötzlich nicht mehr mit mir geredet", schildert sie die Reaktionen. Mit Kopftuch sei es ja außerdem auch schwierig im Beruf.

Diese Erfahrung hat auch Laila Kobeissi gemacht. Sie kam 1979 mit sieben Jahren nach Deutschland. Schon in der Schule sei sie oft wegen ihres Kopftuches gehänselt worden. "Nimm den Feudel ab", habe sie sich anhören müssen. Besonders nach den Terroranschlägen vom 11. September 2011 sei es schlimmer geworden. Eine ganze Zeit habe sie dann kein Tuch getragen. "Kurz nach meiner Hochzeit habe ich mich dann aber aus religiösen Gründen wieder dafür entschieden", sagt sie. Seitdem gestaltet sich die Jobsuche aber umso schwieriger. Am Telefon klappe erstmal immer alles problemlos - schließlich spricht Laila Kobeissi fließend und akzentfrei Deutsch. "Doch wenn ich dann meine Bewerbungsunterlagen mit Bild schicke, kommen meistens die Ausreden", so ihre Erfahrung.

Probleme wie diese zu wälzen ist aber nicht die Regel bei den Treffen. "Die eine Hälfte sind wir ernst, die andere Hälfte machen wir Spaß", sagt Julia Mouchawrab. Das sei auch ein weiterer Punkt, der die Gruppe von dem allgemeinen Frauencafé unterscheide. Dort würde es insgesamt etwas ernster zugehen. "Wir machen mehr Spaß", hat Mouchawrab beobachtet. Die Frauen vermuten aber auch, dass das an dem großen Anteil an jüngeren Semestern in ihren Reihen liegt. Dadurch seien sie vielleicht etwas lockerer. Und zur lockeren Atmosphäre tragen auch die Kinder der Frauen bei, die zwar eigentlich in einem weiteren Raum des Frauentreffs betreut werden, zwischendurch aber auch mal gerne in den Raum stürmen.

Geklönt, getratscht und gelacht wird übrigens meistens auf Arabisch - für die Frauen ein kleines Stückchen Heimat. "Diese Heimatbindung braucht man einfach mal. Dass heißt ja nicht, dass man nicht gerne in Deutschland lebt", sagt Hannan Moubarak, wie ihre Mutter und ihre Schwester Mariam Stammgast beim Treff. Und letztere sieht das genauso: "Wir sind gerne hier, aber man vermisst die Heimat ja doch, und hier beim Treff fühlt man ein bisschen wie zu Hause."

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